„For Hedy“ von Meryl Tankard, Tanz: Shelby Williams

Ein, zwei, vier Klaviere

Das Ballett Zürich mit Tankards „For Hedy“, Novembers „Rhapsodies“ und Nijinskas „Les Noces“

Zeitgenössisch oder klassisch: Das Ballett Zürich samt Junior Ballett kann alles, individuell und kollektiv.

Zürich, 22/01/2024

Drei kontrastreiche Stücke enthält das neue Programm des Balletts Zürich - zwei Uraufführungen und die  Rekonstruktion eines 100-jährig gewordenen Strawinky-Stückes. So spannend die drei Werke, so interessant deren Herkunft:

«For Hedy» stammt von der Australierin Meryl Tankard (geb.1955), die zu den ersten Stars bei Pina Bausch in Wuppertal gehörte. Mthuthuzeli November (geb.1993), in einer Township in der Nähe von Kapstadt aufgewachsen, kommt von der Hiphop-Kultur her und hat inzwischen auch den klassischen Tanz integriert. Bronislava Nijinska (1891-1972) gehörte wie ihr weltberühmter Bruder Vaslav zu den Ballets Russes, als Tänzerin und Choreografin.

Drei Generationen, drei unterschiedliche Lebensläufe. Eines aber haben die drei Choreografien gemeinsam: Sie bauen alle auf Musik aus den 1920-er Jahren auf. Gespielt wird nacheinander auf einem, zwei, vier Klavieren.

Die Diva und ihre Bewunderer

Der seltsamste Komponist ist George Antheil, zu dessen chaotisch-lärmender Musik namens Ballet Mécanique das Stück «For Hedy» von Meryl Tankard aufbaut. Antheil wollte es seinerzeit durch 16 mechanische Klaviere (Pianolas) spielen lassen. In Zürich erklingt das Stück reduziert auf einen Flügel und acht Lautsprecher. Tönt immer noch provokativ genug, mit weit ausholenden Griffen gespielt vom Antheil-Adepten Guy Livingston. Bewundernswert.

Und warum heisst das Stück «For Hedy»? Es erinnert an die Hollywood-Diva Hedy Lamarr, die nicht nur ein Filmstar war, sondern auch wissenschaftlich interessiert. So erfand sie zusammen mit dem Komponisten Antheil für die US-Navy ein Funk-Fernsystem für Torpedos, das zwar nie zum Einsatz kam, aber ein früher Vorläufer von heutigen Technologien wie W-Lan oder Bluetooth sein soll. Im Detail nachzulesen im Programmheft.

Hedy ist bei Tankard ein Vamp in langem Kleid und feinen Riemchenschuhen, alles in Schwarz. Sie stellt sich zunächst tanzend mit schlangenhaften Bewegungen und in Posen vor, die man von Lamarr-Fotos kennt. Die Solistin Shelby Williams macht das fabelhaft. Bis hier bleibt die Musik leise. Dann ertönt ein Knall, und der Lärm beginnt. Je sieben Tänzerinnen und Tänzer umschwirren die Diva, robben auf dem Boden herum, führen sich wie im Irrenhaus auf. Einige Männer machen sich an Hedy heran. Letztlich immer glücklos (wie Lamarr in ihren sechs Ehen). Zuletzt kündigt sich Krieg an, Hedy knickt ein, verliert ihre Perücke, fällt flach auf den Boden, rappelt sich wieder auf. Und steht zuletzt wie eine Siegesstatue hinter dem sich schliessenden Vorhang.

Perspektiven zum Aufklappen

Lebenslust und Bewegungsfreude zeichnen Mthuthuzeli Novembers „Rhapsodies“ aus. Die raffinierte Installation von Magda Willi – sie schuf auch das Bühnenbild für „For Hedy“ – spielt mit einem Fensterrahmen, der sich vielfach aufklappen und arrangieren lässt. Dadurch entstehen immer neue Perspektiven für die Tänzerinnen und Tänzer. Letztere bewegen sich mehrheitlich auf Spitze, stürzen sich aber voll Verve auch in andere Stile, in Jazzdance, Streetdance oder bodennahen afrikanischen Tanz. Alle Mitwirkenden haben an ihren Aufritten mitkreiert – der von November bestimmte Aufbau aber gibt den Abläufen eine übersichtliche Ordnung.

George Gershwins Rhapsody in Blue, in einer Fassung für zwei Klaviere, wird im Orchestergraben inspiriert gespielt von Robert Kolinksy und Tomas Dratva. Dazwischen erklingt vom Band Musik, die November selbst kreiert hat. Seine Energie und Schaffenslust überträgt sich auf alle Mitwirkenden – und reißt das Publikum spontan zu Jubelstürmen hin.

Disziplin und großartige Gruppenarrangements

In Bronislava Nijinskas „Les Noces“ ist alle Spontanität, die die beiden vorangegangenen Uraufführungen auszeichnet, verschwunden. Es gibt kaum Solo-Auftritte. Das Brautpaar muss sich auf ein paar rituelle Gesten beschränken. Die Atmosphäre ist verhalten. Man wohnt offenbar keiner Liebes-, sondern einer arrangierten Bauernhochzeit bei, irgendwo im alten Russland.

Was man an Individualität vermisst, begeistert dafür mit großartigen Gruppenformationen: Die Tänzerinnen und Tänzer fügen sich plastisch zu Menschen-Pyramiden, Dreiecken, Rondellen, geometrischen Ornamenten aller Art zusammen, oft spiegelbildlich über die Bühne verteilt. Das verlangt von ihnen enorme Disziplin und gegenseitige Rücksichtnahme. Die Mädchen in braun-weißen Trachten, hoch geschlossen und die Haare unter Kopftüchern versteckt, tragen erstaunlicherweise Spitzenschuhe. Die Füße tanzen klassisch, Oberkörper und Arme gehorchen anderen Gesetzen. Bei den Männern, auch sie braun-weiß kostümiert, ist der Tanz folkloristisch durchsetzt, aber ebenfalls auf Kollektiv getrimmt.

Der Orchestergraben hat sich inzwischen mit Instrumentalist*innen, Sänger*innen, Solo und im Chor, dicht bevölkert. Unter dem Dirigat von Sebastian Schwab entfaltet sich Igor Strawinskys legendäre Tanzkantate, mit vier Klavieren, viel Schlagzeug, einer Pauke und einer Riesenglocke, die das Ende der Hochzeit einläutet. Und das Ende dieses originellen und anspruchsvollen Ballettprogramms.

Technische Mühelosigkeit

Das Zürcher Ballett, von seiner Chefin Cathy Marston zu zwei Dritteln neu zusammengesetzt, bietet Erstaunliches. Technisch wirkt es mühelos. In den beiden Uraufführungen betonen die Tänzerinnen und Tänzer lustvoll ihre Individualität. Im rekonstruierten „Les Noces“ dagegen unterziehen sie sich offenbar ohne Murren einer Kollektiv-Choreografie, die höchste Disziplin verlangt. Gratulation!

 

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