„Dornröschen“ von John Neumeier. Tanz: Alessandro Frola

„Dornröschen“ von John Neumeier. Tanz: Alessandro Frola

Viererlei vom Feinsten

Rollendebuts bei „Dornröschen“ in Hamburg

Seit der Premiere im Dezember 2021 gab es „Dornröschen“ jetzt in noch weiteren Besetzungen zu bestaunen. Eine war so spannend wie die andere.

Hamburg, 07/06/2022

Es ist schon etwas Besonderes, wenn eine Kompanie in der Lage ist, eines der großen klassischen Tschaikowsky-Ballette in insgesamt vier verschiedenen Besetzungen zu zeigen – sind die Hauptpartien doch gespickt mit technischen und darstellerischen Schwierigkeiten. Das Hamburg Ballett kann das – dank exzellenter Solist*innen und eines ebenso exzellent tanzenden Ensembles.

Nach der komplett runderneuerten Premiere im Dezember 2021, bei der die neue Erste Solistin Ida Praetorius den Part der Aurora übernommen hatte (siehe tanznetz vom 22.12.2021), mussten die für Januar angesetzten weiteren Vorstellungen aufgrund von Corona-Infektionen in der Kompanie auf Mai und Juni verschoben werden und ersetzten dann die eigentlich für diesen Zeitraum geplanten Aufführungen von „Die Kameliendame“. Drei zusätzliche Besetzungen waren jetzt zu sehen.

Den Anfang machten Alinca Cojocaru und Sasha Trusch, der schon neben Ida Praetorius als Prinz Désiré brillierte. Alina Cojocaru zeichnete ihre Aurora mit der ihr eigenen Bescheidenheit, aber auch mit bestechender Eleganz und technischer Bravour, sorgfältigst ausziseliert bis in die Fingerspitzen. Sie hat Liebreiz und Anmut, aber auch die Keckheit einer verzogenen Göre, die durch die Liebe zur Frau wird.

Madoka Sugai, Erste Solistin und technisch von einer Souveränität, die man so schnell nicht wieder finden wird, bringt ihre Aurora tänzerisch absolut makellos auf die Bühne, mit vielen Raffinessen, die sie nur so aus den Gliedern zu schütteln vermag (wie viele Drehungen dürfen es sein – eine, zwei, drei, vier oder mehr?). Und doch bleibt ein Wunsch offen. Man fragt sich: Was ist das jetzt für eine Aurora? Wo versteckt sich hinter der brillanten Technik das Individuelle und Einzigartige der Persönlichkeit?

Wie es geht, technische Perfektion mit innerer Beseeltheit zu verbinden, zeigt der Prinz an ihrer Seite: Alessandro Frola, der hoffentlich nicht mehr lange Gruppentänzer bleiben wird, denn er nimmt es mit jedem Ersten Solisten in der Kompanie auf. Es berührt tief, wie er diesen Prinzen in seiner suchenden Unsicherheit zeichnet, mit jungenhafter Unbekümmertheit, aber auch einer schon sehr reifen Seelentiefe, und zum Schluss dann mit dieser explosiven, überschäumenden Freude, die Liebe endlich gefunden zu haben. Alessandro Frola hat das gewisse Etwas, das einen wirklich begnadeten Tänzer ausmacht: neben einer brillanten Technik eine Bühnenpräsenz, die vergessen lässt, wie schwierig die Rolle eigentlich ist, die er da auszufüllen hat. Mit seinen erst 22 Jahren ist er ein sensationelles Talent und ähnelt in Statur und Ausstrahlung dem unvergessenen Max Midinet. Man darf gespannt sein, wie er sich in weiteren Hauptrollen bewährt.

Eine große Überraschung als Aurora ist Emilie Mazon, die von allen vier Besetzungen diejenige war, die der Prinzessin etwas wunderbar Menschliches eingehaucht hat. Charmant, mit viel mädchenhaftem Schmelz, aber auch mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein, reift sie aus der strahlenden Unbekümmertheit ihrer 16 Jahre zur liebenden jungen Frau heran. Sie ist eine wahrhaft zu Herzen gehende Aurora. Und wie selbstverständlich besteht sie die großen Herausforderungen des Rosen-Adagios (mit den wohl am längsten gestandenen Balancen!) und des Hochzeits-Pas de Deux. An ihrer Seite: Jacopo Belussi als Prinz, der seinen Part zwar gut meisterte, es neben den anderen Besetzungen jedoch schwer hatte – Sasha Trusch und Alessandro Frola laufen ihm da mit ihrer Ausstrahlung und Technik ziemlich den Rang ab.

Ein Rollendebut hatte Hayley Page als Königin. Im ersten Pas de Deux zeigt sie in ihrer Trauer über den (noch) unerfüllten Kinderwunsch eine berührende Verletzlichkeit, die nach der Geburt der ersehnten Tochter einer warmherzigen Mütterlichkeit weicht. Eine Idealbesetzung!

Christopher Evans tanzt schon seit der Premiere den Part des Catalabutte und Blauen Vogels – und das macht er ebenso souverän wie sprunggewaltig. An seiner Seite im Wechsel Xue Lin, Madoka Sugai und Ida Praetorius als Prinzessin Florine – alle gleichermaßen von funkelnder Delikatesse.

Patricia Friza als Königinmutter stattete Jürgen Rose mit atemberaubend schönen Roben aus – sie schwebt in allen Vorstellungen mit majestätischer Grandezza durch die Szenerie.

Überhaupt die Kostüme: Was dieser Großmeister aller Bühnen- und Kostümbildner da wieder an prachtvollen Kleidern kreiert hat, sucht seinesgleichen. Es ist eine einzige Orgie in Cremeweiß (die Taufe), Bleu und Rosé in allen Schattierungen (Auroras 16. Geburtstag) und Tiefrot (die Hochzeit) mit hunderten von Metern an Samt und Satin, an Plissee und Spitze! Staunen macht auch der 70 Meter lange, kunstvoll bemalte Wandelprospekt des Dornenwaldes, der am vorderen Bühnenrand entlanggezogen wird, während dahinter die „Rose“ den Prinzen zum verzauberten Schloss führt. Raffiniert die Details des Zwischenvorhangs mit der sechsköpfigen Ahnengalerie. Denn natürlich ist da nicht irgendjemand zu sehen ­– es sind sechs Portraits von historischen Persönlichkeiten des Tanzes: Olga Preobrajenska (1871 – 1962), Primaballerina und wichtige Lehrerin zahlloser Tänzerinnen von Weltruf (darunter auch Margot Fonteyn); Peter Tschaikowsky selbst; Carlotta Brianza, die Aurora von 1890; Lew Iwanow (1834 – 1901), berühmter Tänzer und Choreograf und Assistent von Marius Petipa; Pierina Legnani (1868 – 1930), Primaballerina assoluta der Mailänder Scala, sowie der französisch-russische Choreograf Marius Petipa (1818 – 1910).

Nach Hélène Bouchet übernahmen Anna Laudere und Xue Lin die Rolle der guten Fee, die bei Neumeier eine „Rose“ ist, wobei Xue Lin diesem Part noch etwas mehr ätherisches Flair und eine über allem schwebende Güte einzuhauchen vermag. Ihr Widerpart als Carabosse – bei Neumeier ist es der „Dorn“ – ist Matias Oberlin, hochgewachsen und sehr schlank, eine androgyne Gestalt, die einem sehr spitzen, verletzenden Stachel schon recht nahekommt. Karen Azatyan dagegen gibt seinem „Dorn“ eine fast schon gewalttätige männliche Kraft, die alles plattmacht, was sich ihr in den Weg stellt.

Summa summarum ist dieses „Dornröschen“ in seiner Frische und in dieser Kombination von herkömmlich und neu eine überaus gelungene Version, die man bedenkenlos in jeder der vier unterschiedlichen Besetzungen ansehen kann.

 

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