„Insideout“ von Wagner Moreira am Jungen Theater Regensburg

Kopfüber am Quader

Die Premiere der Choreografie „Insideout“ im Jungen Theater in Regensburg gerät zum gefeierten Mitmach-Spiel

Mehr als 20 Personen in einem VW Käfer, 28 in einem Mini Hatch und mindestens 17 in einer Telefonzelle. Kuriose Rekordversuche sind seit jeher beliebte Vergnügungen. Aktuell haben vier Tänzerinnen und Tänzer der Tanzcompany am Theater Regensburg Chancen auf einen Spitzenplatz. In „Insideout“ quetschen sich alle vier in eine hochkant stehende Glasvitrine mit einer Grundfläche von etwa 60 mal 60 Zentimetern – und streiten dort wie die Rohrspatzen.

Regensburg, 25/10/2022

Im Jungen Theater erlebte die rasante Choreografie von Wagner Moreira eine umjubelte Uraufführung. Das Tanzstück um Kontaktaufnahme hätte auch doppelt so lang sein können wie die eine Stunde, das wie ein Flitzebogen gespannte Publikum hätte jede weitere Sekunde ebenso genossen. Im anfänglichen Dämmerlicht  bewegen sich drei Figuren in dunkelblauen Anzügen zu knispernd-geräuschhaften Klängen langsam am Boden. „Someone help me to get out of the box“, ertönt ein Hilferuf aus einem weiteren quadratischen Glaswürfel.

Neugierig stürzen die drei Tanzenden (Leander Veizi, Momoe Kawamura, Vincent Wodrich) zur Box und beginnen den darin liegenden Kleiderhaufen zu durchwühlen. Eine weitere Tänzerin (Vittoria Carpegna) schält sich daraus hervor. Triumphierend wird sie über die zwischen den Sitzreihen liegende, mittige Tanzfläche getragen. „I can fly“, ,ich kann fliegen’, stimmt sie jubelnd einen italienischen Popsong an, bis einer der Tänzer rigoros die Bremse reinhaut: „Stop!“ Er wisse immer noch nicht was das bedeuten soll, „drinnen und draußen“. Die Frage juckt ihn derart, dass er zwischen den Publikumshälften hin und her zu laufen beginnt und mit den anderen in ein bohrendes Fragespiel zwischen philosophischer Nachdenklichkeit und Jux verfällt. Wann ist jemand drinnen, wann draußen? Letztlich löst sich die Verwirrung (der Welt) nur über die Perspektive, die man selbst einnimmt – und die sich im nächsten Moment wieder ändern kann.

Immer wieder ändern sich Richtung und Perspektive der Tänzer*innen. Wer eben noch in der Glasvitrine tanzt, ist im nächsten Moment draußen oder gar gefangen, wenn die Vitrine wie ein Schneewittchensarg über eine Tänzerin gestülpt wird. Die Situation löst sich auf, eine neue Form der Kontaktaufnahme beginnt. Im Wechsel zweier unterschiedlicher Songs gehen die Tänzer*innen zu Boden, auf ein Klatschen hin springen sie wieder auf. Sie überschreiten die Grenze(n) zum Publikum, winken und locken immer mehr Publikum auf die Tanzfläche. Auch in dieser unübersichtlichen Situation halten die Profitänzer*innen das Heft in der Hand. Bravourös lotsen sie das spontane, erfrischende Geschehen vom bereitwilligen lustvollen Mitmachen über das zögerliche Verneinen bis dahin, dass alle wieder auf den Plätzen sitzen.

Eine neuerliche Runde des Spiels, der Begegnung, des Austausches und auch der Konfrontation beginnt. Kurze disparate Musikstücke lenken die meist schnellen, dabei hochpräzisen szenischen Momente mit den Quadern, die Sprünge und ausdrucksvollen choreografischen Bilder in emotional unterschiedliche Stimmungen. Musik, Tanz, der auch mal nur aus Gesten oder einer Grimasse bestehen kann, und Kommunikation passieren wie in aktuellen Filmen in schnellen Sequenzen, bauen Spannung auf und lösen sich in befreiendem Gelächter. Es sind die Formen und Mittel, wie sie junge Menschen in ihrem Alltag, in ihrer Welt der Games und Social-Media-Begegnungen gewohnt sind und die sie verstehen. 

Moreira hat diese Welt mit den Mitgliedern seiner Company und der choreografischen Assistentin Maria Bayarro Pérez genau studiert und in einer atemberaubenden und zwerchfellanregenden Choreografie aus Licht, Klangstücken und Tanz umgesetzt, wobei dem Publikum auch ein aktiver Teil zukommt. Es ist ein Austausch, eine intensive Begegnung, ein vergnügliches Erlebnis, wenn die Tänzer*innen über einen Laufsteg gockeln oder wie Fledermäuse am Gestänge der Quader hängen. Am Schluss kann es nur heißen: „Wir sind alle in“, wie es Intendant Sebastian Ritschel in einer kurzen Dankesrede zusammenfasste.

 

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