„Shakespeare-Sonette“ von Marc Jubete, Aleix Martinez, Edvin Revazov. Tanz: Yaiza Coll und Lizhong Wang

„Shakespeare-Sonette“ von Marc Jubete, Aleix Martinez, Edvin Revazov. Tanz: Yaiza Coll und Lizhong Wang

Auf neuen Wegen

„Shakespeare-Sonette“ von drei jungen Choreografen beim Hamburg Ballett

Als „Schritt in die Zukunft“ wollte Hamburgs Ballettintendant John Neumeier es verstanden wissen, dass er die Sommerpremiere drei seiner Tänzer und Nachwuchschoreografen überlassen hat. Wer den Abend gesehen hat, wusste das zu schätzen.

Hamburg, 19/06/2019

Es ist wohl noch nie vorgekommen, dass die Hamburgische Staatsoper bei der alljährlichen Premiere zum Auftakt der Ballett-Tage zum Abschluss der Spielzeit nur zu zwei Drittel gefüllt war. Normalerweise ist die Vorstellung Monate im Voraus ausverkauft. Nicht so dieses Jahr.

Hamburgs Ballettintendant John Neumeier hatte die Eröffnung der Ballett-Tage dreien seiner Tänzer und Nachwuchschoreografen überlassen: Aleix Martinez, Marc Jubete und Edvin Revazov, weil die traditionelle, alljährliche Vorstellung der „Jungen Choreographen“ in diesem Jahr ausfallen musste. Seine ursprünglich geplante neue Kreation „Die Glasmenagerie“ nach Tennessee Williams wurde auf Dezember verschoben. Wer wollte, konnte die bereits erstandenen Premierenkarten zurückgeben. Und offenbar haben viele davon Gebrauch gemacht.

Anders als bei den „Jungen Choreographen“, wo es keine Vorgaben für die Themen gibt, mit denen sich die TänzerInnen auseinandersetzen, hatte der Chef dem Nachwuchs mit Shakespeares Sonetten einen Rahmen vorgegeben. Bei der Ausgestaltung habe er ihnen dann jedoch „völlig freie Hand gelassen“, erklärte Neumeier auf der Premierenfeier. Die Stücke sollten nur „irgendetwas mit den Shakespeare-Sonetten zu tun haben.“ Sie sollten herausarbeiten, was neben, unter und zwischen den Versen des großen englischen Dramatikers stehe – Neumeier selbst hat sich ja zeit seines Lebens intensiv mit ihm beschäftigt. 154 Sonette sind von Shakespeare überliefert, schwierige Texte, verrätselt, verschlüsselt, episch. Keine leichte Aufgabe also für die drei jungen Männer im Alter von 27 (Martinez), 30 (Jubete) und 36 Jahren (Revazov).

Es ist nicht das erste Mal, dass Neumeier dem Nachwuchs die Möglichkeit gibt, sich vor großem Publikum und auf großer Bühne zu bewähren. Schon in seinen frühen Hamburger Jahren hatte er Mitgliedern aus seiner Kompanie immer mal wieder die Bühne überlassen – selten zwar, aber immerhin. 2012 z. B. wurde „Renku“ uraufgeführt, ein Gemeinschaftswerk von Yuka Oishi und Orkan Dann, das aber trotz guter Nachfrage leider schon bald wieder in der Versenkung verschwand.

Die großen Premieren jedoch waren vorwiegend Chefsache. Entsprechend ist das Hamburger Publikum gewöhnt, zu diesen Anlässen Werke „ihres“ Choreografen zu sehen: Neumeiers Kreationen sind Kult in Hamburg, und es gehört bei den Mäzenen, Hanseaten und Förderern zum guten Ton, sich bei solchen Anlässen zu zeigen. Dieses Jahr fanden das offenbar nicht alle so wichtig.

Um es vorwegzunehmen: Es war ein Fehler, nicht zu kommen. Denn was die drei Tänzer da auf die Bühne gebracht haben, kann sich mehr als sehen lassen. Gut, der Abend ist stellenweise zu lang. Manches schleppt sich ein bisschen sehr dahin. Aber das lässt sich später noch straffen – Ballett ist eine lebendige Kunst, ist work in progress und nicht in Stein gemeißelt. Die Art und Weise jedoch, wie sich vor allem Aleix Martinez und Marc Jubete, die beiden Katalanen, von der Vorgabe der Shakespeare’schen Sonette emanzipiert und die darin angesprochenen zeitlosen Themen in Bewegung und Bilder umgesetzt haben, nötigt schon größte Hochachtung ab.

Die Musik kommt an diesem Abend vom Band – anders wäre die Vielfalt der Kompositionen, die Martinez und Jubete ausgewählt hatten, nicht umzusetzen gewesen. Da sind Werke von Ane Brun dabei, einer 1976 geborenen norwegischen Singer-Songwriterin, die mit ihrem melancholisch-fragilen Sound die Choreografie wunderbar ergänzt. Oder auch Lieder von John Dowland, Henry Purcell und Claudio Monteverdi, den großen Komponisten des 16./17. Jahrhunderts. Oder weitgehend unbekannte Musik des 20. Jahrhunderts von Ben Frost (geb. 1980), George Gershwin (1898-1937), Ryoji Ikeda (geb. 1966), Harry Ruby und Bert Kalmar (1895-1974 und 1884-1947), Herbert Stothart (1885-1949), Stephen Stubbs (geb. 1951), vor allem aber des Spaniers Jordi Savall (geb. 1941). Edvin Revazov dagegen hatte sich ausschließlich Musik von David Lang (geb. 1957) vorgenommen. Und als einziger zitiert er zu Beginn seiner drei Kreationen einige wenige Zeilen aus den titelgebenden Shakespeare-Sonetten – die beiden anderen nehmen keinen direkten Bezug zu den Texten. Auch stehen Revazovs Choreografien eher isoliert zwischen den eng miteinander verwobenen Arbeiten von Aleix Martinez und Marc Jubete.

Der fast dreistündige Abend gliedert sich in zwei Teile. Das Publikum sucht zu Beginn seine Plätze bei geöffneter Bühne auf, die in der Tiefe nur von einem riesigen Spiegelparavent begrenzt wird, so dass die Zuschauenden sich selbst sehen (und die leer gebliebenen Plätze...). Ein über und über weiß gepudertes Paar (großartig: Yaiza Coll und Lizhong Wang) bewegt sich mäandernd über die Bühne, Arme und Beine verhaken sich wie Schlingpflanzen, es ist eine fast gespenstische, archaische Szenerie. Bis sich der Spiegelvorhang hebt und den Blick freigibt auf eine Kleiderfabrikation, wo Kisten hin- und hergeschoben werden, Arbeiter in langen, grünen Gummischürzen und groben Stiefeln geschäftig ihrer Arbeit nachgehen. In großen Schaukästen sind eine Schaufensterpuppe und ein in ein rosa Plastikhemd gekleidetes Musterstück mit weißer Maske (grandios: Silvia Azzoni) ausgestellt. Im Hintergrund bewegt sich in weiteren Schaukästen ein weiß gekleidetes Paar umeinander (souverän: Charlotte Larzelere und Nicolas Gläsmann), während ein Kind (rührend: Joaquin Alcazar von der Ballettschule des Hamburg Ballett) immer wieder fragend-naiv einem der Arbeiter begegnet (intensiv: Borja Bermudez). Aleix Martinez hält hier der Menschheit den Spiegel vor: diese Entfremdung von der Arbeit, das mechanistische Tun. Besonders deutlich wird das, wenn das Musterstück anfängt, sich zu bewegen: marionettenartig, abgehackt, fremdgesteuert.

Dann wechselt die Szene, und im Hintergrund zeigt sich ein Prospekt mit einem rot gefärbten verschwommenen Foto, das an pathologische Zellgebilde erinnert. Ein junger (hochkonzentriert: Mariá Huguet) und ein älterer Mann (fast majestätisch: Florian Pohl) bewegen sich umeinander, zueinander und voneinander weg, umkreist von 10 Männern und 8 Frauen in Schwarz.

Und so wechseln sich Fabrikszenen und Atmosphärisches immer wieder ab. Getragene, meditative Passagen werden konterkariert von Aggression und Zerstörung. Am eindrücklichsten ist hier sicher die Szene, in der Edvin Revazov die Pest als große Gefahr des Mittelalters beschreibt. Und nun wird auch klar, was die roten Gebilde aus der anderen Szene bedeuten: Es ist eine undeutliche elektronenmikroskopische Aufnahme von Pestbakterien, die hier in grünes Licht getaucht sind. Davor bewegen sich mit vogelartigen Masken und schwarzen Umhängen verkleidete Gestalten zeitlupenartig auf klobigen Holzklötzen im Bühnennebel und staksen über hereinrollende in dunkle Schleier verhüllte Gestalten hinweg – einer der stärksten Momente des Abends.

Ein weiteres Highlight ist auch ein Pas de deux zwischen dem Musterstück und einer der Arbeiterinnen (phänomenal: Patricia Friza), die sich eine Art Machtkampf liefern, bei dem es keine Siegerinnen geben kann.

Teil 2 beginnt damit, dass Lloyd Riggins mit bewundernswerter Konzentration eine geschlagene Viertelstunde lang bewegungslos einen bestimmten Punkt im Publikum fixiert – bis sich, gewissermaßen als Gegenstück zu den beiden weißen Gestalten des Anfangs, ein anderes Paar (sehr fokussiert: Madoka Sugai und Christopher Evans) über die Bühne bewegt und langsam über die Diagonale in den Hintergrund schreitet, während das Ensemble zu einer mitreißenden Musik von Jordi Savall lebensfroh über die Bühne tobt. Und wieder wechseln sich solche Szenen mit den beklemmenden Fabrikeindrücken ab, die sich mit der Zeit in eine fast episch-ruhige Getragenheit auflösen.

Das schönste Bild des Abends entsteht jedoch am Schluss, wenn sich nach und nach fast alle TänzerInnen in der vorderen Bühnenmitte vor dem wieder heruntergelassenen Spiegelprospekt sammeln und eine Art lebendige Blüte bilden, die sich öffnet und schließt, größer wird und größer, sich wieder öffnet und schließt... bis das Licht verlischt.

Es ist schade, dass das Hamburger Publikum so wenig Neugierde gezeigt hat für die Arbeit der Nachwuchstalente. Man muss diese „Shakespeare Sonette“ mehrfach sehen, damit sie sich in ihrer Tiefe erschließen – und es gibt da noch einiges zu entdecken, was sich dem ersten Blick entzieht. Das bemerkenswert konzentrierte Publikum und der große Jubel am Schluss zeigten, dass diejenigen, die da waren, die Kreation der jungen Choreografen durchaus zu schätzen wussten. Zu Recht.
 

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