„Sons of Sissy“ von Simon Mayer

„Sons of Sissy“ von Simon Mayer 

Teilhabe am fremden Ritus

Simon Mayers „Sons of Sissy“ beim Impulstanzfestival Wien

Volkstümlich beginnt es wieder einmal beim österreichischen Choreografen Simon Mayer. Vier junge Männer stehen mit Fiedel und Quetschkommode bereit, jodeln und stampfen, während man gespannt auf den ersten Bruch wartet.

Wien, 26/07/2016

Volkstümlich beginnt es wieder einmal bei Simon Mayer und seiner der aktuellen Inszenierung „Sons of Sissy“. Schon stehen vier junge Männer mit Fiedel und Quetschkommode bereit, jodeln und stampfen, während man gespannt auf den ersten Bruch mit der homogen Traditionsüberlieferung wartet. Und Mayer enttäuscht nach „SunBengSitting“ auch diesmal nicht. Der isolierte Brauchtumsbezug wird aufgelöst, sobald das Akkordeon klanglich einsam im Raum steht, wie ein Didgeridoo, und sich in die Welten eines schnaufenden, mystischen Orgelapparates begibt, nur um diesen stammesmäßigen Ausdruckswillen von Glaube und Kultur in die disziplinären Taktanordnungen eines Sergeant Piper zu überführen.

So marschieren denn die Performer nach Regel und Rang in einem Moment und lösen sich fanatisch expressiv im nächsten Moment voneinander. Das Behaupten und Beweisen im Gruppengefüge und die bloße Formulierung der eigenen körperlichen Präsenz im Akt der individuellen Selbstdarstellung werden zu den zwei Hauptmotiven dieses Abends. Hier beschreibt Mayer mit „Sons of Sissy“ die sozialen Verhaltensstrukturen und Ordnungsmechanismen, die auf der kommunikativen Ebene von ethnisch und rituell geprägtem Tanz und Musik zustande kommen. Waren am Anfang der Choreografie der Schuhplattler und der wirbelnde Derwisch noch deutlich erkennbar, sind nach der Entkleidung aller Performer endgültig alle Zuschreibungen fraglich geworden, denn selbst die bezeichnenden Gesten verfangen sich in der naiven Blöße der Abfolge von aneinanderreibenden und schlagenden Gliedmaßen aus denen diese Gesten entstanden sind.

Das identitäre Kulturverständnis und die hegemonialen Dispositive der Männlichkeit fallen wie Kartenhäuser in sich zusammen. Doch es ist kein dekonstruktives Verhalten, welches Mayer mit dieser Choreografie an den Tag legt. Vielmehr konstruiert und synthetisiert er eine isolierte Praxis mit der anderen, verschiebt und zersetzt somit Grenzziehungen im kulturellen Verständnis. Man kann somit getrost sagen, dass an diesem Abend kein Aufwerten von ethnografischen Standpunkten entsteht, sondern, dass man zu einem grundsätzlichen Verständnis von Interaktionsprozessen hingeführt wird. So werden ganz basale Verhaltensstrukturen sichtbar, die von zwischenmenschlichen Annäherungsversuchen, Selbstbehauptungsgesten und verzweifelten Verlorenheitszuständen erzählen. Am Ende entsteht die Erkenntnis, dass die von körperlicher Erschöpfung bestimmten Körper der Performer sich wieder, nackt wie sie sind, zusammenfinden. Aber nicht als identitätsstiftende Horde, sondern aus dem empathischen Verständnis von Anteil haben.
 

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