Hohelied auf den schönen Schein

„Catching a big fish“ von Monica Gomis feiert in München Premiere

München, 09/09/2010

Himbeerfarbene Hose, tomatenroter Gürtel, rosa Hemd – das Kostüm, das Tänzer Andreas Albert Müller trägt und das schon im Eingangs-Stillleben in die Augen sticht, ist nur der Anfang. „Catching a big fish“, das neue Werk von Monica Gomis, schwelgt im Münchner i-camp in einer Ausstattung, die die Dramaturgie bei weitem überflügelt. Vier Tänzer, zwei Männer, zwei Frauen, erörtern eine Mordszene – doch was geschehen ist, ist eigentlich nicht so wichtig. Hauptdarsteller sind die Requisiten: Möbel, ein Vorhang, eine Perücke, eine Sonnenbrille, ein Gitarrist und vieles mehr.

In dem Stück geht es um Wahrnehmung. Können wir unseren Sinnen trauen? Sehen wir alle dasselbe? Wer solche Fragen erörtern will, muss natürlich Einiges für Augen und Ohren präsentieren, die Materialschlacht ist keineswegs unüberlegt passiert. Gomis und ihr Ausstattungsteam (Robert Kis, Michael Bischoff, Tina Mess) gehen sogar sehr gezielt vor: Der allgegenwärtige Himbeerton, ein Blumenvorhang, Plastikrosen, mediterrane Hocker und die fantastischen Lichtspiele einer Diskokugel, gepaart mit den 70er-Jahre-Schnitten der Kleider, generieren die besondere Stimmung eines hoch exklusiven, bis in die Fingerspitzen durchgestylten Fotosets. Die geniale Krönung: Gitarrist und Synthie-Musiker Jason Arigato legt über alles gefühlvolle 60er-Jahre-Musik. Seine Songs of Love and Freedom erinnern den Zuschauer an alte Ideale und schubsen ihn so geradezu aus dem Bild: Hatte man dem Materialismus nicht eigentlich abgeschworen, damals, mit 17? Und doch entsteht keine kritische Ebene, der Gegensatz von Moral und Materie ist einfach zu reizvoll – oder sexy, wie Lady Gaga sagen würde.

Gomis‘ Superblondine (Teresa Acevedo), eindeutig verwandt mit dieser Kunstfigur, schwebt einfach wie ein Schleier des Vergessens über alle Bedenken hinweg. Mit Chiffonbluse, Perücke, Sonnenbrille und weißem Hosenanzug erscheint sie mal als Tennisschönheit, Geheimagentin, später als kreischende Dämonin. Sogar die intellektuelle Brünette ohne Kunsthaar kann sie spielen, was man eben gerade so braucht. Die anderen schaffen es gerade noch, hinter ihr her zu räumen und sie ansonsten zu imitieren – wobei immer mehr Streichholzschachteln die Bühne überfluten. Ermorden lässt sich die Nervensäge leider nicht, wie der Mafioso in der Himbeerhose mehrfach ausprobiert. Erst als auch dieser kritische Protagonist der blonden Perücke folgt wie einem Jesuszeichen, nimmt der Blondine jemand das Mikrofon weg. Worauf ihr Gezappel endet und das große Aufräumen einsetzt.

Was schade ist. Denn die Sinnlichkeit, die „Catching a big fish“ bis kurz vor Schluss ausstrahlt, ist ein angenehmer Gegenentwurf zur sozialkritischen Verkorkstheit vieler Inszenierungen. Auf Acevedos Schlusslied, „Every breath I take, every look I take will burn, burn“ hätte man deshalb gut verzichten können; es wirkt wie ein alles relativierender, erhobener Zeigefinger. Warum auf etwas zeigen, was alle intuitiv verstehen? 1968 ist vorbei und wir sind heute Materialisten. Und im Tanztheater bekommen wir das, was wird verdienen: Viel schönen Schein und Dramaturgie nur noch in einzelnen Teilen zum Selbst-Zusammen-Bauen.

www.monicagomis.com 

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