Grandiose Wiederaufnahme von „La Bayadère“ und Natalia Kalinitchenkos Durchbruch

Neue Besetzungen offenbaren Stärken und Schwächen der Münchner Rekonstruktion

München, 22/05/2005

Nach vier Jahren Pause erinnerte schon der floral durchwirkte transparente Prospekt mit dem Buddha im Zentrum daran, dass diese Ausstattung eines Balletts durch den japanischen Star-Designer Tomio Mohri an Pracht alle Grenzen des Üblichen übertrifft. Als Peter Jolesch, zwischen Priestern und Tempeltänzerinnen als Großer Brahmane auftretend, die erste seiner Pantomimen zeigte, war von dem erhabenen Beginn an Spannung da. Lucia Lacarra trat als Nikija aus dem Tempel, hochkonzentriert jede Bewegung zelebrierend. Das Zusammenspiel mit Jolesch, der die seelische Verzweiflung des sie vergeblich Begehrenden verkörperte, geriet hochdramatisch. Lacarra tanzte Nikijas Auftritts-Variation dezent und musikalisch fließend. Im Zusammenspiel mit dem beseelt-expressiv agierenden Jolesch ging sie etwas über die rein klassische Form hinaus, aber es wirkte gesammelt und bestimmt. Als Solor begann Cyril Pierre seine Auftritts-Variation gut aufgelegt zu Capriolen und Pirouetten, doch die Sprünge forderten ihn sehr. Nach Lacarras makelloser Variation entfaltete sich der Pas de deux beider zu fühlbarer Innigkeit und gefiel tänzerisch besonders dank ihrer hohen Ecartés und Arabesken.

Im zweiten Bild machte Natalia Kalinitchenko in der Rolle der Gamzatti von Anfang an jedes Gefühl und jeden ihrer Gedanken sichtbar. Strahlend nahm sie die als Palast des Radscha fantastisch eingerichtete Bühne in Besitz, freute sich ihrer Schönheit und dankte ihrem Vater (als Radscha imposant wie immer der reaktivierte Jürgen Wienert) für dessen Heiratsvorschlag mit dezentem Gefallen an Solors Bild. Ihre Variation tanzte sie so musikalisch, dass ihr Körper sang. Die aus den Pirouetten heraus schwierigen Richtungswechsel, die Arabesken auf den Punkt und die verheißenden Adressen an den Auserwählten - das alles ergab auch vom Selbstbewusstsein her eine Radscha-Tochter, von der sich Solor irritieren ließ. Während acht Freundinnen mit dem vergnügten Schwung des Djampe-Tanzes erfreuten, gewann sie ihn - eine neue szenische Erfindung - zum Flirt. In der Auseinandersetzung mit der ihr Recht auf Solor suchenden Nikija dominierte Kalinitchenko nicht nur wegen der vorgeschriebenen „Action“, sondern vor allem, weil sie die Musik sichtbarer in ihren Körper aufnahm.

Für die Darstellerin der Nikija wirkte sich das Defizit der Münchner Rekonstruktion als erschwerend aus, dass sie hier nicht wie im St. Petersburger Original durch ihre Laute charakterisiert ist, also als Künstlerin herausgehoben wäre und der durch Abstammung privilegierten Gamzatti etwas wirklich Besonderes entgegenhalten könnte. Vorgängerinnen wie Elena Pankova haben diesen Hintergrund unaufgefordert mitgespielt, hier fehlte dieses Selbstbewusstsein.

Im 3. Bild folgt der Auftakt zur unverzüglichen Verlobung Gamzattis mit Solor. Dieses berühmte Defilée im Garten des Radscha mündet in die walzerseligen Tänze des hervorragend einstudierten Ensembles und den Kontrapunkt des Hindu-Tanzes in der gebührenden, d. h. von Petipa stilisierten Wildheit, hier mit Caroline Rocher im Zentrum. Alles zusammen war in der opulenten Ausstattung ein einzigartiges Fest fürs Auge! Patrice Bart, der 1998 als Choreograph für die erste vollständige Rekonstruktion dieses legendären Balletts in Deutschland verantwortlich zeichnete, hat mit dem Münchner Team auch dieses Mal hervorragend gearbeitet. Kalinitchenko faszinierte mit exquisiter Technik und beeindruckender Stilreinheit, dank der sie in diesem Grand Pas ein grandios präsentes Zentrum bildete und ihn sinnlich bis in die Fingerspitzen gestaltete. Nach dem federleichten, völlig synchronen Tanz von vier Freundinnen wagte Cyril Pierre mit seiner großen Manège alles und gewann viel.

Bei Kalinitchenko stimmten im weiteren Verlauf die Details, die Phrasierung, die Aussage, und selbst ihre zum Teil doppelt gedrehten Fouettés tanzte sie durchgängig im rasanten Tempo des von Myron Romanul geleiteten Staatsorchesters genau auf die Musik. Kein Wunder, dass Cyril Pierres Solor zu sehr zu dieser Gamzatti neigte, sodass Nikijas anschließender Auftritt einiges von seiner Kraft einbüßte. Lacarra, obgleich sie Nikijas Traurigkeit und Aufbegehren formvollendet tanzte und auch den Umschwung in die Freude glaubhaft machte, als sie den vermeintlich von Solor stammenden Blumenkorb bekam, hatte es in diesem szenischen Gesamtaufbau schwer, den Rang Nikijas als eigentliche Heldin zu behaupten.

Nach der Pause fanden im vierten Bild die 24 Schatten nicht gleich die synchrone Harmonie der Bewegung, erzielten jedoch bald den Eindruck magischer Geschlossenheit. Nach seiner etwas matten Variation war Cyril Pierre ein starker Partner, auf den sich Lacarra absolut verlassen konnte: Solors Pas de deux mit Nikija begann mit einer im Gleichmaß der Bewegung einhergehenden Verschmelzung beider Körper. Dann kam Lacarras Qualität zur Geltung: Sie faszinierte im Adagio durch extreme Flexiblität, hohe innere Spannung und ihre ideale Linie. In den drei Variationen der Schatten tanzte Ivy Amista die erste scharf akzentuiert, tupfte Ilana Werner die zweite anmutig hin und wirkte Claudine Schoch in der dritten noch etwas unsicher. Lacarra kaschierte im Tanz mit dem Schleier leichte Unsicherheiten konzentriert und elegant.

Im melodienseligen Finale mit den anderen Schatten konnte man staunen, wie Musik und Tanz in Solors geträumtem Schattenreich so freudig wurden, und sah eine virtuos auftrumpfende Lacarra. Dann muss Solor zur Hochzeit, und im fünften Bild wird ihm Gamzatti vor dem Tempel zugeführt. Dort folgte auf den schön ausgeführten Walzer der Lotusblumen ein tänzerischer Höhepunkt: Alen Bottaini verkörperte das Goldene Idol technisch souverän, hochpräsent und stark in seiner ikonografischen Plastizität. Ebenso dramatisch gerieten Nikijas imaginäres Auftauchen im Hochzeits-Pas de deux und Gamzattis einfühlsam gewinnendes Bemühen um Solors verlorene Aufmerksamkeit - folgerichtig eine Einheit eingehend mit dem Chaos des Erdbebens, das die Trauung beider durch den Brahmanen auslöst. Welch ein Finale, auf das die lichte Apotheose folgt, in der alle in das die Gegensätze aufhebende Nirwana eingehen.

Mit „La Bayadère“ hat das Bayerische Staatsballett, eine weitgehend neue Generation des Corps de ballett und neue Solisten erfolgreich integrierend, sein spektakulärstes Tanzfest überzeugend wiederaufgenommen.

P.S.: Inzwischen hat Ivan Liska für die nächste Spielzeit Natalia Kalinitchenko zur Ersten Solistin ernannt.


Besprochene Vorstellung: 19.05.2005

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