Andris Plucis „Leidenschaft“

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Ulm, 04/05/2002

Vierundzwanzig Stunden nach der Stuttgarter Tewsley-Gala im gerade mal eine Stunde entfernten Ulm ein Abo-Ballettabend mit Andris Plucis‘ „Leidenschaft“ – doch dazwischen scheinen Welten zu liegen. Wieder einmal wird mir bewusst, was es heißt, in der „Provinz“ Ballett zu machen und Tänzer zu sein! Das Haus an diesem Samstagabend gut gefüllt (viel Jugend), das Publikum freundlich aufgeschlossen, immer mal wieder die Tänzer mit Zwischenbeifall ermutigend. Die danken es mit engagiertem Einsatz.

Von der im Titel annoncierten „Leidenschaft“ habe ich allerdings wenig verspürt – kaum etwas jedenfalls nach der als Vorwort im Programmheft abgedruckten Definition aus einem alten Konversationslexikon, die drei verschiedene Varianten unterscheidet – alle mit „überaus heftig“ beginnend: „ungestümes Gefühl“, „Zuneigung, Liebe“, „sehr große Begeisterung“ ... Wenn das Leidenschaft à la Ulm sein soll, so schien sie mir an diesem Abend eher auf Sparflamme zu köcheln.

Auf dem Programm vier stilistisch sehr unterschiedliche Ballette: Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ (in der Klavierfassung, mit der Sängerin und dem Pianisten auf der reliefartig verengten, stimmungsmörderisch nüchternen Vorderbühne), „Rosa“ zu Musik aus den Anden, folkloristisch aufgepeppt (mit Panflöte, wie von den peruanischen Straßenmusikern in unseren Städten), „Before I get old“ als englisches Schulhof-Techtelmechtel zu Musik von „The Who“, die Tänzer alle in diesen hässlichen englischen Schuluniformen, und zum Schluss, entschieden das Beste, einer jener klassisch-modernen Pas de deux über das Zueinanderkommenwollen und doch nicht Zueinanderkommenkönnen zweier Partner, formstreng wie die Passacaglia g-moll für Violine solo von Heinrich Ignaz Franz von Biber (wie neulich bei Spoerli in seinem Zürcher Engelsballett), ganz ohne Fisimatenten, lupenrein getanzt von Gisela Montero i Garcia und Aurélien Choizit, von Plucis klar strukturiert und wie von ihm angekündigt: „Schönheit, die auf den Punkt kommt“. Die schien mir allerdings in den drei voraufgegangenen Balletten nur bis zum Komma gelangt zu sein.

Natürlich ist es schwer, gegen so markante Vorbilder wie Béjart (Mahler) und Christopher Bruce („Ghost Dances“ und „Rooster“) anzutanzen – doch etwas mehr an choreografischer und tänzerischer Leidenschaft hätt´s schon sein dürfen. So wirkte der Abend insgesamt doch – es muss leider gesagt werden - ziemlich kleinkariert.

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