LEUTE



Shinagawa

"CREATE THE BODY"

Yoshito Ohno ist gestorben



Er war einer der letzten seiner Generation, der einen direkten Zugang zu den beiden Gründern des Butoh, Tatsumi Hijikata und Kazuo Ohno, seinem Vater, hatte. Ein persönlicher Nachruf für den großen Butoh-Tänzer von Stefan Maria Marb.


  • Yoshito Ohno Foto © Kazuo Ohno Dance Studio
  • Yoshito Ohno Foto © Uwe N. Philipp
  • Yoshito Ohno Foto © Uwe N. Philipp
  • Yoshito Ohno Foto © Uwe N. Philipp
  • Yoshito Ohno Foto © Kazuo Ohno Dance Studio

Von Stefan Maria Marb

Mit Bestürzung und großer Trauer wurde die Nachricht vom Tode des japanischen Butohmeisters Yoshito Ohno zu Beginn dieses Jahres in der Butohwelt aufgenommen. Er war einer der letzten seiner Generation, der einen direkten Zugang zu den beiden Gründern des Butoh, Tatsumi Hijikata und Kazuo Ohno, seinem Vater, hatte. Insofern ist sein Scheiden ein großer Verlust für den Butoh weltweit.

Lange stand Yoshito Ohno selbst im Schatten seines weltberühmten Vaters Kazuo, der 2010 im Alter von 103 Jahren verstarb, so dass er erst in den letzten Jahren seines Lebens eine eigene Karriere verfolgen konnte.

Yoshito, 1938 in Tokio geboren, gab sein Bühnendebüt als 19-jähriger Tänzer 1959 in dem legendären Stück "Kinjiki– Verbotene Farben" unter der Regie von Tatsumi Hijikata. Durch diese skandalträchtige Performance wurde Butoh mit einem Paukenschlag zum Leben erweckt und einem breiten Publikum ins Bewusstsein gebracht. Die in diesem Stück erfolgte Zusammenarbeit mit Hijikata und insbesondere mit Kazuo Ohno, der ebenfalls in Kinjiki mitwirkte, sollte fortan Yoshitos künstlerischen Weg als Butohkünstler bis zu seinem Lebensende bestimmen. Nach dem Auftritt in "Kinjiki" tanzte er in den folgenden Jahren in zahlreichen Butoh Performances, um sich dann Anfang der 1970er Jahre von seiner Rolle als aktiver Bühnentänzer zurückzuziehen.

Dafür arbeitete er im Hintergrund für Kazuo Ohnos Karriere, die im Jahre 1977 mit dem preisgekrönten Werk "Admiring La Argentina", in der Regie von Hijikata, ihren internationalen Durchbruch erlebte und dazu beitrug, dass Butoh weltweit bekannt wurde. Dieses Stück wurde auch auf dem Theaterfestival in München 1982 aufgeführt und erregte damals nachhaltige Resonanz.

Yoshito selber hatte sein Bühnencomeback im Jahre 1985 in "The Dead Sea" an der Seite seines Vaters, wiederum unter der Regie von Hijikata. Weitere derartige und international sehr erfolgreiche Duette, wie beispielsweise "Water Lilies" folgten. Dazu zeigte er sich für die Regie zahlreicher Soloproduktionen von Kazuo verantwortlich, der weit bis in die 1990er Jahre trotz seines hohen Alters Aufführungen bestritt. Sein anrührendes Engagement für den immer schwächer werdenden Vater zeigte sich zuletzt in öffentlichen Park-Performances, in denen er den inzwischen über 100-jährigen Kazuo in seinem Rollstuhl zum wartenden Publikum schob, damit dieser dort mit seiner noch beweglichen Hand tanzen konnte. Yoshito tanzte selber häufig in einer Art surrealen Pas de Deux mit einer kleinen Puppe, die Kazuo Ohno personifizierte. Hier, Puppenspieler und Tanzpartner zugleich, zelebrierte er seine intensive Verbundenheit mit dem Vater und gab ihr eine unverwechselbare Form.

Nach dem Tod von Kazuo 2010 widmete er sich seinem eigenen künstlerischen Weg. Dabei arbeitete er unter anderen mit dem Tanztheater Wuppertal in der Produktion "The Promising Morning" (2010) zusammen sowie mit der New Yorker Band "Antony and the Johnsons" in der Produktion "Antony and the Ohnos" (2010). Seine Soloproduktion "Flower and Bird", mit der er auch international tourte, entstand 2013.

Yoshito Ohno gab erfolgreich Workshops und Kurse auf internationalen Festivals, wie zum Beispiel bei den Sommertanzwochen in Wien. Sein außergewöhnlicher Lehrstil war geprägt von einer feinen Poesie und tiefen Menschlichkeit. Dieser Lehrstil zeigte sich am deutlichsten im legendären Studio von Kamihoshikawa im japanischen Yokohama, das sein Vater Kazuo über die Jahre aufbaute und lange betrieb. Hier gab Yoshito über viele Jahre regelmäßig seine Kurse. In diesem kleinen, mit Kostümen und allerlei Memorabilien angefüllten Tanzstudio gaben sich zahlreiche Tänzer*innen aus der ganzen Welt und über traditionelle Genregrenzen hinweg ein Stelldichein, um dort für ihren weiteren künstlerischen Weg inspiriert zu werden.

Ich kannte Yoshito Ohno seit 1989 und durfte ihn im Laufe der folgenden gut 30 Jahre mehrmals in Workshops und Kursen erleben. Für die Bühnenproduktion "Betweeen", die ich in Kooperation mit der slowenischen Choreografin Tanja Zgonc 2008 entwickelte, agierte Yoshito als genialer Mentor und tanzte selber mit der oben erwähnten "Kazuo"-Puppe für ein Video. 2014 konnte ich gemeinsam mit Axel Tangerding Yoshito zu einem Workshop und der Anthologie "A letter addressed to future me", ein choreografisches Vermächtnis von Hijikata, nach München einladen.

Veröffentlicht am 24.01.2020, von Gastbeitrag in Leute

Dieser Artikel wurde 3739 mal angesehen.



Kommentare zu ""Create the Body""



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    ERFOLG FÜR TANZ.MEDIA

    Die Mitgliederversammlung des Dachverband Tanz wählt mit größtmöglicher Zustimmung Nina Hümpel von Tanz.Media in seinen Vorstand.
    Veröffentlicht am 22.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    NEUER FOKUS FÜR "TANZ IM AUGUST"

    Ricardo Carmona übernimmt ab 2023 die Künstlerische Leitung des Berliner Festivals
    Veröffentlicht am 22.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    FOLKWANG BERUFT HENRIETTA HORN

    Henrietta Horn ist Professorin am Institut für Zeitgenössischen Tanz
    Veröffentlicht am 18.09.2021, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZTHEATER WUPPERTAL PINA BAUSCH

    Zum Start der Spielzeit 2021/2022 (September bis Dezember 2021)

    Neue Gastspielpartner in Clermont-Ferrand und St. Petersburg, Ectopia - Uraufführung von Richard Siegal im Forum Leverkusen, Schlafende Frau von Rainer Behr – Dach Kino (ohne Dach) Nordbahntrasse, inspirierende Kooperation mit der Düsseldorfer Tanzkompanie Ben J.Riepe im Schauspielhaus, Neue Tänzer im Ensemble

    Veröffentlicht am 08.09.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    AUSZEICHNUNGEN FÜR IVAN LIŠKA UND JIŘI KYLIÁN

    Die Republik Tschechien ehrt verdiente Choreografen.

    Veröffentlicht am 18.09.2021, von Pressetext


    VORWÜRFE GEGEN TANZDIREKTORIN

    Eine Compliance-Kommission prüft Vorwürfe von Tänzer*innen gegen Mei Hong Lin am Landestheater Linz.

    Veröffentlicht am 17.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    „DAMALS LEBTE ICH NOCH IM PRÄSENS“

    Skoronel Reloaded/Judith Kuckart: „Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht“ in der „Wartburg“ Wiesbaden

    Veröffentlicht am 20.09.2021, von Gastbeitrag


    ALFONSO PALENCIA WIRD BALLETTDIREKTOR IN BREMERHAVEN

    Ab der Spielzeit 2022/2023 tritt der Spanier Alfonso Palencia die Nachfolge von Sergei Vanaev an.

    Veröffentlicht am 14.09.2021, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP