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Dresden

TANZKONGRESS? OHNE MICH!

Warum der Tanzkongress und viele Bereiche der Tanzwelt für KünstlerInnen mit Familien inkompatibel sind



Es geht um das Bewusstsein einer Tanzszene, die viel diverser sein könnte und davon profitieren würde. Mit mehr aktiven Tanzeltern würde die Szene nochmal von anderen Seiten beleuchtet.


  • Marita Matzk Foto © Dirk Skiba

Ein Blog von Marita Matzk

Nun steigt er also: Der Tanzkongress 2019 in Hellerau. Ohne mich. Die Gründe dafür, dass ich mit einem Kloß im Hals mein Ticket weiterverkauft habe, sind blond, aufgeweckt und neun Jahre, vier Jahre und ein Jahr alt. Ich bin Mama. Und zum ungefähr dreitausendfünfundsiebzigsten Mal in meinem Leben davon überzeugt, dass ich damit meine Daseinsberechtigung in der Tanzwelt abgegeben habe.

Nicht, dass das jemand so sagen würde. Natürlich sind alle ständig voller Verständnis, dass ich ein Kind zum Workshop mitbringe. Dass im Doodle Kalender zum Planen einer Gemeinschaftsperformance bei mir nur ein Termin geht. Oder gar keiner. Die Leute aus der Contactimpro-Szene reagieren eher verwundert: auf CI Festivals sind doch auch ständig Kinder dabei, wo dann da bitte das Problem sei? Ich tanze nur am Rande Contactimpro, bin nicht semi- sondern professionell ausgebildete Tänzerin und Choreografin und ich bringe nicht ein schlafendes Baby mit zur Besprechung, sondern drei nicht immer leise Kinder, von denen eins in der Zeit von 15 bis 17 Ihr aus der Kita abgeholt werden muss. Ist ja kein Problem – bin ich eben bei der Besprechung nicht dabei. Und bei der nächsten auch nicht. Und auch nicht bei der übernächsten.

Bei den Besprechungen zu dem Tanzkongress-Tag, der von ansässigen DresdnerInnen mit sogenannten „Walks“ gestaltet werden soll, gab es keinen Doodle. Dafür kurzfristig angesetzte Termine zwischen 15 und 17 Uhr. Als ich beim vierten Termin entscheiden musste, ob ich nun endlich mal dort Präsenz zeige oder zur Kindergartenaufführung von „Anne Kaffeekanne“ gehe, wo meine Tochter mitspielt, da habe ich zum ersten Mal dieses leise Zweifeln gespürt. Auch, weil es – einen guten Monat vor dem Start des Kongresses - noch immer keine Infos zur Höhe des Budgets gab, das uns für diese Walks zur Verfügung stehen würde.

Über die Sache mit dem Budget wundert man sich nicht als Tanzschaffende in der Freien Szene – schließlich passiert es einem ständig. Üblicherweise wird zuerst gefragt, ob man willens ist, sich zu engagieren. Manchmal versehen mit dem kryptischen Satz „Ein Budget ist eingeplant“. Dann – irgendwann mitten im Prozess und nach etlichen investierten Stunden oder Tagen – kommt die Info, ob es sich hierbei um 25 Euro pro Person handelt oder um 500. Das ist nicht übertrieben. Ich dachte nur, dass es bei einem Kongress mit über 1 Million Euro Fördergeldern vielleicht ein bisschen besser organisiert wäre.

Aber ist ja nicht nötig: Schließlich sind auch so immer genug TänzerInnen bereit, sich zu engagieren. Als würde die Frage der auswahlkritischen Tanzstudiengänge noch immer weiter gehen: „Meinst du es auch wirklich ernst? Es stehen da draußen 200 Leute Schlange auf deinen Platz…“ Zehn Jahre nach meinem letzten Studienabschluss finde ich diese Herangehensweise nicht mehr angebracht. Und ich frage mich, ob wir TänzerInnen uns eigentlich selbst und gegenseitig ernst nehmen: nicht nur als immer bereite Tanzmaschinen, sondern als Menschen. Schließlich wird dieser Kongress von Tanzschaffenden organisiert. Und wenn ich es richtig verstehe, soll es um den Austausch einer gesamten Szene gehen, nicht um das Abbild der eifrigsten, am wenigsten gebundenen unter uns. Klappt aber nicht. Nicht bei einer Organisation, die nicht nur für die Mitwirkenden, sondern auch für einfache TeilnehmerInnen gern im Nebulösen bleibt. Aber dazu später mehr. Wie geht es weiter?

Ich sage den von mir gestalteten Dresden-Walk ab. Wenn ich nicht weiß, wie hoch das Budget ist, kann ich nämlich keine Babysitterin engagieren. Und auch keine Vertretung für mein Yogastudio, das meine Zweitberufung ist und meinen Lebensunterhalt bestreitet. Kurz darauf gibt es dann doch noch eine Ansage zum Budget. Es ist mit 500 Euro pro Beitrag so angesetzt, dass man damit etwas anfangen kann. Trotzdem bin ich froh, nicht dabei zu sein: Es sollen bitte nochmal alle einen Probe-Walk machen, damit das Tanzkongress-Team sich das angucken kann. Nächsten Samstag. Bitte? Manchmal wünsche ich mir, wir würden einander so wertschätzend behandeln wie unseren Klempner, Maler oder Fliesenleger. Da gehen wir nämlich auch nicht davon aus, dass er mal eben nächsten Samstag Zeit für einen unvergüteten Zusatztermin bei uns hat. Oder einen Auftrag annimmt, ohne zu wissen, was wir zu zahlen bereit sind.

Also bin ich nur als Teilnehmerin dabei? Dachte ich auch. Aber es gibt noch ein Hindernis, und wie sich zeigen sollte, ein unüberwindbares: Der Tanzkongress will keine Programmpunkte im Vorfeld bekannt geben. Ich vermute, dahinter steht eine künstlerisch Idee. Alle sollen sich freimachen von anderweitigen Verpflichtungen, sich ganz einlassen auf diese fünf Tage, vielleicht auch inhaltlich in die Gestaltung einbezogen werden. Kurz nach dem Studium hätte ich gesagt: Super Sache. Heute sage ich: Ich müsste schon wissen, wann ich Kinderbetreuung fürs Baby organisiere, an welchen Tagen die Mittlere mit einer anderen Kita-Mama nach Hause geht und bei wem der Große, falls nötig, sein Abendbrot bekommt. Das am ersten Kongresstag noch zu organisieren, ist illusorisch.

Ich baue auf das Verständnis des Orga-Teams, schreib eine nette Mail an die Assistentin. Fehlanzeige. Es darf nichts im Vorfeld verraten werden, auch wenn ich dann nicht teilnehmen kann. Nix zu holen außer der dünnen Info, dass es am ersten Tag erst abends losgeht und am letzten Tag quasi nichts mehr stattfindet. Ganz ehrlich? Schon das allein hätte mich unglaublich genervt, wenn ich mir die zwei Tage, wie alle anderen Teilnehmer, freigeschaufelt hätte.
Es waren schon zu viele Workshops, bei denen ich mit Kind am Rand saß, statt mitzumachen, zu viele Diskussionen, die ich an der spannendsten Stelle mit heulendem Baby verlassen musste, weil ich eben keine Babysitterin hatte.

Ich will das nicht mehr, und ich kann nicht mehr. Dass in der Antwort der Assistentin noch nicht einmal ein Wort fällt von einer vielleicht vorhandenen Kinderbetreuung, von der ich habe munkeln hören, das zeigt einmal mehr, wie wenig das Thema bei den Organisatoren präsent ist.

Ich schreibe das hier nicht nur für mich. Ich schreibe:
- Für alle anderen Mamas oder Papas, die ihr Ticket aus den gleichen Gründen zurückgegeben haben (mindestens ein weiterer Fall ist mir bekannt)
- Für alle Eltern, die sich die Teilnahme von vornherein abgeschminkt haben, weil die geheimniskrämerische Art der Organisation nicht kompatibel ist mit Brötchenjob und Kinderbetreuung
- Für alle TänzerInnen mit Familie, die aus den gleichen Gründen generell kaum noch Tanz-Events wahrnehmen, weil es auf Dauer einfach zu anstrengend ist. Ganz besonders für die! Denn wir sind an den Diskussionen der Tanzwelt nicht beteiligt und werden in der Statistik derer, die gern dabei sein wollten, nie erfasst.
- Für alle Eltern, die es trotzdem probieren und es mustergültig wuppen. So wie ich vor acht Jahren. Sei es dank Oma vor Ort, mitreisendem und ultra-flexiblem Partner, einer Finanzsituation, die eine tagesübergreifende Betreuung ermöglicht, na klar kann man alles hinkriegen, wenn man wirklich will und solange die Ressourcen da sind. Aber Dinge verändern sich. Und, liebe Kolleginnen, ich will nicht, dass euch die Puste ausgeht bei Kind zwei und drei.
- Zuguterletzt für alle, die jetzt voll dabei sind bei Kongressen, Workshops, Netzwerktreffen. Vor allem für diejenigen, die tief drinnen einen Kinderwunsch vor sich her schieben, der da einfach nicht reinpasst. Ich habe zu viele von euch kennengelernt, bei denen später, als es für Kinder zu spät war, ein großer Schmerz und eine schwer füllbare Lücke zurückblieb. Obwohl sie es in der Betriebsamkeit des Tänzerseins mit Haut und Haar vielleicht gar nicht bemerkt haben.

An alle künftigen Tanzkongress-OrganisatorInnen und an alle, die Workshops, Events und Austauschformate organisieren:
Macht es uns nicht so schwer. Macht es uns bitte so einfach wie möglich, neben TänzerInnenn auch Menschen zu sein: Mit Kindern, kranken Eltern, Brötchenjobs und Partnerschaften.
- Organisiert Kinderbetreuung, oder vernetzt die Eltern unter den TeilnehmerInnen untereinander.
- Denkt darüber nach, ob es einen Raum für Kinder irgendwo auf dem Gelände geben kann.
- Und dann: Redet darüber. Macht es unübersehbar auf eurer Website, so dass auch FamilientänzerInnen den Schritt wagen, auf „Anmelden“ zu klicken. Alle, die mit TeilnehmerInnen zu tun haben, sollten über die Möglichkeiten der Kinderbetreuung Bescheid wissen. Es kann nicht sein, dass selbst auf Nachfrage darüber nicht informiert wird.
- Legt Pläne vorher offen. Oder legt Ausnahmen fest, die Pläne brauchen und bekommen (z.B. Eltern kleiner Kinder, Menschen mit Handicap und Assistenz, oder einfach auf Nachfrage).
- Und bitte legt bei Veranstaltungen mit mehreren hundert TeilnehmerInnen eine Person fest, die sich ausschließlich um das kümmert, was im Business „Kundensupport“ heißt. Eine Assistenz, die sich offenbar um vieles andere parallel bemüht, der Anfragen wegrutschen und die Zahlungsaufforderungen doppelt stellt (sic!), das wäre bei mir im Yogastudio ein absolutes No-Go. Und ich habe bei weitem nicht euer Budget. Bei kleineren Festivals finde ich das noch verzeihbar, bei einer Fördersumme wie beim Tanzkongress sollten ein paar Tausend Euro für einen zusätzlichen Menschen oder eine vernünftig automatisierte Abwicklung selbstverständlich sein.

Liebes aktuelles Tanzkongress-Orga-Team: Nehmt es nicht persönlich. Ich bin mir sicher, dass ihr alle versucht, eure Arbeit bestmöglich zu machen. Sicher fände ich die allermeisten von euch hoch sympatisch, wenn wir uns auf einen Kaffee treffen würden. Es geht nicht um euch – es geht um das Bewusstsein einer Szene, die wider aktuellen Wissens viel diverser sein und davon profitieren könnte. Mit mehr aktiven Tanzeltern wird Menschsein nochmal von anderen Seiten beleuchtet.

Natürlich kann man argumentieren, dass in nahezu allen leistungsbezogenen Branchen Kongresse stattfinden, die die Bedürfnisse von Kindern und Kleinkindeltern nicht im Blick haben. Aber wollen gerade wir da verhaftet bleiben? Wir als Tanzszene, die wir uns Kunst auf die Fahnen schreiben und Diversität und eine Vordenkerrolle in Genderfragen und mixed-abled-Projekten? Vor allem anderen geht es darum, uns bewusst zu machen, dass TänzerInnen Menschen sind, in deren Leben auch andere Dinge stattfinden und stattfinden dürfen als nur Tanz. Und dass wir das aneinander respektieren und füreinander mitdenken. So wie bei unserem Fliesenleger.

Gerade habe ich von einem Veranstalter mitbekommen, dass er nicht mit dabei sein wird, weil der Kongress ihm „zu hermetisch“ sei. Scheinbar ist die aktuelle Herangehensweise nicht nur inkompatibel mit Mehrfach-Eltern, sondern auch mit viel beschäftigten Tanz- und BallettdirektorInnen, JournalistInnen, VeranstalterInnen und natürlich erst recht Studierenden, die es sich sicher nicht leisten können oder wollen, fünf Tage in Dresden zu wohnen und leben, ohne einzelne Sequenzen oder Tage auswählen zu können.


Marita Matzk ist Diplom-Choreografin, Yogalehrerin, Mutter dreier Kinder und betreibt ein eigenes Studio und einen Blog auf www.tanzkoerpertraining.de.

Veröffentlicht am 03.06.2019, von Gastbeitrag in Homepage, Blogs

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