HOMEPAGE



Münster

TANZ IST ALLES FÜR MICH

Olga Ponas „Different“ im Pumpenhaus Münster



Tanz als individuelle Überlebensstrategie ist das Thema. Viel mehr als eine tanztechnisch stupende kleine ‚Plauderei aus dem Nähkästchen‘ bietet Olga Ponas jüngstes Stück.


  • "Different" von Olga Pona Foto © Ursula Kaufmann
  • "Different" von Olga Pona Foto © Ursula Kaufmann
  • "Different" von Olga Pona Foto © Ursula Kaufmann
  • "Different" von Olga Pona Foto © Ursula Kaufmann
  • "Different" von Olga Pona Foto © Ursula Kaufmann
  • "Different" von Olga Pona Foto © Ursula Kaufmann
  • "Different" von Olga Pona Foto © Ursula Kaufmann
  • "Different" von Olga Pona Foto © Ursula Kaufmann
  • "Different" von Olga Pona Foto © Ursula Kaufmann
  • "Different" von Olga Pona Foto © Ursula Kaufmann
  • "Different" von Olga Pona Foto © Ursula Kaufmann
  • "Different" von Olga Pona Foto © Ursula Kaufmann

„Different“ entstand, wie einst Pina Bauschs Tanztheater-Revuen, in Zusammenarbeit mit den acht auftretenden Tänzerinnen im Alter zwischen Anfang zwanzig und Mitte vierzig. Aus anrührenden Statements und Kontemplationen über Tanz als Sein, als Beruf und Berufung, komponiert die Russin ihre Choreografie.

Die Aussagen werden in deutscher Übersetzung auf den Rückprospekt projiziert. Das erfordert von den ZuschauerInnen einen Balanceakt zwischen Sprache und Bewegung, lesen und zugucken - zumal die Formulierungen punktgenau offenbaren, was die Körpersprache über Denken und Empfinden der Tänzerinnen in Soli, Duetten oder Clustern verrät. Tanzen wird zur ‚Suche nach dem eigenen Ich‘.

„Wenn du tanzt, tickst du anders“, erklärt eine ganz junge Aufmüpfige. Tanz sei alles für sie.“Ich will ganz Ich sein“, grenzt eine ältere, lebenserfahrene Solistin ein und erläutert: „harmonisch, ausgeglichen, reif und glücklich“. Eine dritte kauert vorn an der Rampe, verliest ihre traurige Lebensgeschichte, dominiert von gewalttätigen Machos - und wie der Tanz ihr Rettung brachte.

In modisch gestylten Jumpsuits treten alle zunächst auf, später in hauchzarten, rauchfarbenen Batistkleidchen und dunkelgrauen Leggings bis hinunter zu den Fesseln der nackten Füße - erst also unisex- oder arbeits-mäßig, dann betont weiblich. Individuell wirken sie vor allem durch ihre blonden, braunen oder schwarzen Pferdeschwänze, die offenen langen Mähnen oder burschikose Bubiköpfe. Auch sind sie deutlich unterschiedlich im Alter. Aber was Tanz für sie bedeutet, eint sie.

Ihre Statements, die im Finale nochmals im Zeitraffer auf der Leinwand abgespult werden, wenn die Gruppe nebeneinander aufgereiht vor dem Publikum steht, unterstreichen getanzte Sequenzen - allein, paarweise oder als Gruppe - zu Beginn festgehalten von schwarzen Gummileinen, die das Entkommen verhindern. Später frei und freimütig in allen gefühlsmäßigen Nuancen von Ratlosigkeit, Sehnsucht, Show, Trauer und Angst bis zu zärtlicher Umarmung oder feindseliger Aggression und Rivalität.

Poesie und Fantasie, effektvoll unterstrichen von der musikalischen Collage, wechseln mit Alltagsrealität aus dem TänzerInnen-Leben. Pona hat ein raffiniert innovatives Körperkunststück geschaffen mit einem Vokabular zwischen klassischem Ballett und zeitgenössischen Tanztechniken, unterhaltsam und staunenswert auch durch Elemente des Street Dance und zirzensischer Biegsamkeit.

Seit Martin Schläpfers Spiel mit Verve und Erfindungskraft auf der ‚Klaviatur‘ seiner Kompanie in Mainz und anfangs beim Ballett am Rhein habe ich keine derart originelle choreografische Tanzkreation erlebt. Wenn Theaterkunst sich so virtuos und ehrlich an der Lebenswirklichkeit abarbeitet, ist es kein Wunder, dass es für Olga Pona und ihr „Chelyabinsk Contemporary Dance Theater“ alljährlich Nominierungen für den renommiertesten russischen Theaterpreis „Goldene Maske“ regnet.

Münsters kleines rustikales „Theater im Pumpenhaus“ - eine der ersten deutschen Tournée-Stationen dieser Produktion - ist (neben dem nrw-tanzhaus) fast eine zweite Heimat für die Truppe der mutigen Verfechterin individueller Lebensformen im restriktiven politischen System Russlands. Die treue Anhängerschar spendete minutenlangen Applaus.

Veröffentlicht am 17.03.2019, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 3486 mal angesehen.



Kommentare zu "Tanz ist alles für mich"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    BALLETTDIREKTOR DER PARISER OPER BENJAMIN MILLEPIED CHOREOGRAPHIERT „DER NUSSKNACKER“ AM BALLETT DORTMUND

    Premiere am Sonntag, 18. Oktober 2015, im Opernhaus Dortmund
    Veröffentlicht am 26.09.2015, von Pressetext


    ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

    30 Jahre Tanzwerkstatt Europa
    Veröffentlicht am 23.07.2021, von Vesna Mlakar


    IVAN ALBORESI BLEIBT

    Der Vertrag des Ballettdirektors wird um 5 Jahre verlängert
    Veröffentlicht am 23.07.2021, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    IM FLOW

    Premiere: Isabelle Schad FUR, Rotations + Turning Solo 2 vom 22. bis 26. Juli in den Sophiensaelen

    Isabelle Schad gehört schon seit Jahren zu den festen Größen der deutschen zeitgenössischen Tanzszene: In drei neuen Arbeiten, die im Juli an den Sophiensælen zur Premiere kommen, findet sie hypnotisierende Energiefelder in der Rotation, im Whirling – und im Haar! In drei sehr persönlichen Porträts lädt Isabelle Schad dazu ein, in einen Prozess der Zeitlosigkeit, der Nähe und Kontemplation einzutauchen.

    Veröffentlicht am 02.07.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DANIEL ASCHWANDEN GESTORBEN

    Er starb im Alter von 62 Jahren nach kurzer und schwerer Krankheit

    Veröffentlicht am 14.07.2021, von tanznetz.de Redaktion


    TRAGISCHER VERLUST FÜR DIE TANZWELT

    Colleen Scott unerwartet verstorben

    Veröffentlicht am 10.05.2021, von tanznetz.de Redaktion


    “IN DANCING WE NEED TO DEVELOP THE HEART AND THE HEAD"

    An interview with Primaballerina assoluta Violette Verdy

    Veröffentlicht am 12.09.2012, von Annette Bopp


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    PERSONALNEUIGKEITEN

    Barbara Matacz und Sarah Abendroth gehen in den Ruhestand

    Veröffentlicht am 14.07.2021, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP