KRITIKEN 2018/2019



Oldenburg

SEHR FRANZÖSISCHES MINGLE-MANGLE

„Le Paladins“, Comédie-ballet von Jean Philippe Rameau im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters



Die selten gespielte Comédie-ballet verbindet auf vielschichtige Weise Oper und Tanz und zeigt sich als große Herausforderung für das Oldenburgische Staatstheater.


Der erste Satz beginnt mit einem Märchenbild in Hellblau. Im Hintergrund ist eine Schlosskulisse mit Zwiebeltürmchen zu sehen und in dem komfortabel ausstaffierten goldenen Käfig davor lebt die reizende Argie. Von der Decke hängen lange Ketten in diese Welt, in der das Ballettensemble eine monotone Ballettprobe absolviert. Stilisiert wie Puppen verrichten sie immer wieder die gleichen Bewegungen. Alles hier symbolisiert Argies eintönige Gefangenschaft.

Noch hat es der Paladin Atis nicht geschafft, seine geliebte Argie aus den Fängen ihres Vormunds Anselme zu befreien. Als Atis auftaucht, greift Anselme entschlossen zu den Waffen. Lieber will er sein Mündel tot sehen, als in den Armen eines anderen. Am Ende kann nur noch Zauberei das Liebesglück retten.
 
Wie ein Kaleidoskop verschiedenster Bühnenkünste mutet die 1760 in Paris uraufgeführte turbulente Comédie-ballet nach einer Erzählung von Jean La Fontaine an. Das selten gespielte Spätwerk von Jean Philippe Rameau gilt heute als sein spannendstes und schwierigstes Bühnenwerk, auch wenn es bei der Uraufführung floppte. Nicht jeder konnte damals mit dem großen musikalischen Reichtum und Rameaus kurzweiliger Expressivität aus Komik und Emotionalität etwas anfangen. Und so mag es vielleicht auch heute noch manchem gehen.
Die Oldenburger Produktion „Les Paladins“ ist eine Koproduktion mit dem Centre de Musique Baroque in Versailles. Von dem führenden französischen Barockmusik-Zentrum wurde sie finanziell sowie mit Wissen unterstützt.

Ein ganzes Orchester, der Opernchor, fünf OpernsängerInnen, die gesamte Ballettkompanie und ein Spieler des seltenen Barockinstruments Musette sind für diese Produktion in der Inszenierung von Francois de Carpentries eingesetzt. Und nicht selten agieren alle auf einmal auf der Bühne. Da ist wirklich viel los. Und damit nicht genug: In Oldenburg versucht man dann noch, so ganz ‚nebenbei‘, Szene für Szene, choreografisch die Geschichte des Tanzes zu demonstrieren. Wie sich bei alledem reine Opern- oder Tanzliebhaber zurechtfinden, ist fraglich.

Rameaus Musik klingt melodisch und abwechslungsreich. Auch die fünf Opernstimmen sind schön anzuhören (Musikalische Leitung Alexis Kossenko). Die Verantwortung für die Choreografie der gesamten Inszenierung liegt bei Ballettdirektor Antoine Jully, der auch den OpernsängerInnen ein vorzeigbares Bewegungsrepertoire abverlangt. So erreicht er fließende Übergänge zwischen den Opern- und Tanzszenen.

Grundsätzlich muss man das ‚Mingle-Mangle‘ aus Gesang, Komik, Orchester, Budenzauber und Tanz schon mögen, um durch diesen zweieinhalbstündigen Abend zu kommen. Aus heutigem Blickwinkel erscheint Vieles bei dieser Comédie-ballet überraschend, übervoll und beinahe burlesk. So ist der Witz einer Kissenschlacht doch eher albern als märchenhaft. Am Ende bleibt vor allem ‚Bunte Unterhaltung‘.

Was die Ballettkompanie angeht, so wirkt das Ensemble in den ersten beiden Sätzen vor der Pause wie eine bewegliche Kulisse, die das Geschehen illustriert. Und die kleine Liebesgeschichte um Argie und Atis wird mit Orchester, Gesang und Tanz letztendlich doppelt und dreifach erzählt, was manchmal wie ein bunter Kuchen mit viel zu viel Zuckerguss daherkommt.

Im dritten Satz gibt es größere, in sich geschlossene Tanzszenen, darunter eine amüsante blitzschnelle Theater-im-Theater-Darbietung. Dann agiert der Tanz unabhängiger vom Geschehen und assoziativer in einer gekonnten Mischung von (Handlungs-)Ballett und modernen, freien Techniken. Diese Szenen sind so, wie man Jullys Arbeit in Oldenburg kennt: verspielt, präzise, musikalisch und voll feinem Witz. Mit ihren ihren Pflanzen- und Insektenartigen Figuren geben sie bereits einen Ausblick mit Vorfreude auf die nächste Tanz-Premiere der Kompanie, Stravinskys „Le sacre du printemps“.

Veröffentlicht am 20.02.2019, von Martina Burandt in Kritiken 2018/2019

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Kommentare zu "Sehr französisches Mingle-Mangle"



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