HOMEPAGE



München

SPANNUNG UND ENTSPANNUNG

Fotoausstellung und Performance von Stefan Maria Marb im Gasteig München



„Après – eine Verwandlung“: Geradezu metaphysisch irrlichtert Stefan Maria Marbs gekrümmt-verdrehter Körper durch Stefan Hagens großformatige Fotografie-Serien. Es ist sein Butoh-Ich: nackt, fragil, voll zarter Innerlichkeit bis hin zu expressiver Wildheit.


  • „Après – eine Verwandlung“ von Stefan Maria Marb Foto © Stefan Hagen
  • „Après – eine Verwandlung“ von Stefan Maria Marb Foto © Stefan Hagen
  • „Après – eine Verwandlung“ von Stefan Maria Marb Foto © Stefan Hagen

Geradezu metaphysisch irrlichtert Stefan Maria Marbs gekrümmt-verdrehter Körper durch Stefan Hagens großformatige Fotografie-Serien. Es ist das Butoh-Ich des Münchner Performers: nackt, fragil, voll zarter Innerlichkeit bis hin zu expressiver Wildheit. Ein im Sinn der aus Japan stammenden Körperkunstform radikal-reduziertes Alter Ego, das seit nunmehr 30 Jahren seine emotionale Schlagkraft und hohe ästhetische Wirkung aus dem Verlauf der jeweiligen Performance gebiert.

Für Marb bedeutet jeder künstlerische Akt – sei es in einer Tiefgarage, auf einer Bühne oder draußen in der freien Natur – seelische und körperliche Verwandlung. Die mag mal magisch aufgeladen, mal verstörend irritierend sein. Transzendenz zwischen Umwelt und Architektur. Diese existenzielle Erfahrung über drei Jahrzehnte bildlich einzufangen und in die eigene fotografische Auseinandersetzung mit Landschaft zu integrieren, hat sich der seit 1988 in New York lebende Fotokünstler Hagen zur Aufgabe gemacht. Seine Bilder, mit bewegter Kamera, unter Langzeitbelichtung oder bis zur Verschwommenheit gebürstet, sind vereinnahmend schön.

In der Gasteig-Schau „Après – eine Verwandlung“ werden sie durch zwei Videoarbeiten von Sabine Scharf ergänzt. Dort sieht man den Welten-Tänzer Marb inmitten einer Pferdekoppel agieren oder kann sich auf die Verfremdung seines zeitlupenhaft tanzenden Körpers inmitten der Wüste Nevadas einlassen. Mehr als etwas Muße zum Verweilen braucht es dazu nicht. Kombiniert mit einer Live-Aufführung gewinnt die im trockenen Ziegelbauambiente vor dem Carl-Orff-Saal inszenierte Werkretrospektive allerdings zusätzlich an Dimension. Und das auch Dank einer unerwartet findigen Lichtregie (Andreas Meichelböck).

Plötzlich beherrscht kreative Stimmung das Foyer. Stefan Maria Marb betritt es über die Terrasse im ersten Stock. Eingehüllt in Pelz und eine zerzauste Perücke. Wie ein Derwisch dreht sich der Mann zu den Klängen eines kleinen, tragbaren Rekorders. „Just a perfekt Day“ tönt die softige Stimme. Als Marb sich über die Brüstung lehnt, leuchtet sein Gesicht kreideweiß. Zielstrebig und zugleich ohne vorhersehbare Richtung bahnt sich der Tänzer seinen Weg durch das sehhungrig an seiner Gestalt klebende Publikum.
Musikalisch übernimmt die zierliche, improvisationsstarke Japanerin Masako Ohta seine Begleitung. Erst kauert sie wie ein Bewegungsjäger hinter einem indischen Harmonium. Dann nutzt sie das Plexiglas des Treppengeländes, um Marbs Butohwesen, das immer wieder zu den Fotos an der Wand driftet oder in einem der Sessel emotional gebeutelt wird, nach unten zu geleiten. Der Weg aus Spannung und Entspannung, an dessen Ende sich Marb Schuhe, Mantel und Jacketjacke vom bleichen Leib geschält hat, endet zu John Cages Klavierstück „In a Landscape“. Ausstellung und Performance sind durchweg eine runde Sache. Nicht verpassen: die Wiederholung am 21. Dezember.

Fotoausstellung im Gasteig (Foyerbereich Carl-Orff-Saal) bis 2.1., tgl. 8-23 Uhr. Butoh-Performance am 21.12. um 17 Uhr. Eintritt frei.

Veröffentlicht am 18.12.2018, von Vesna Mlakar in Homepage, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 5499 mal angesehen.



Kommentare zu "Spannung und Entspannung"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    HEILSAME STILLE

    „Welten.Tänzer“ im Schwere Reiter in München

    Stefan Maria Marb zeigt Mensch und Natur in vollkommener Harmonie – wenn Tanz das doch immer so vermöchte.

    Veröffentlicht am 18.01.2016, von Malve Gradinger


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    BALLETTDIREKTOR DER PARISER OPER BENJAMIN MILLEPIED CHOREOGRAPHIERT „DER NUSSKNACKER“ AM BALLETT DORTMUND

    Premiere am Sonntag, 18. Oktober 2015, im Opernhaus Dortmund
    Veröffentlicht am 26.09.2015, von Pressetext


    VISUELLE FRAGILITÄT

    Die neuen Solo-Performances von Shiori Tara und Rita Mazza in einem Double-Bind bei den Berliner Tanztagen
    Veröffentlicht am 19.01.2022, von Greta Haberer


    EHRUNG FÜR TANZWISSENSCHAFTLERIN

    Gabriele Brandstetter erhält den Ehrendoktortitel der Universität Erlangen
    Veröffentlicht am 18.01.2022, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    MERCE CUNNINGHAM CENTENNIAL

    Merce Cunningham Centennial heißt ein dem großen Choreographen gewidmeter Tanzabend, der am Freitag, 21.1. und am Samstag, 22.1.2022, jeweils um 19.30 Uhr auf den Pfalzbau Bühnen gastiert.

    Der 2009 im Alter von 90 Jahren verstorbene Tänzer und Choreograph Merce Cunningham war Teil der amerikanischen Tanzavantgarde, die die Aufbruchstimmung des modernen Amerika widerspiegelt.

    Veröffentlicht am 11.01.2022, von Anzeige

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    EIN KLASSIKER, NEU INTERPRETIERT

    „Dornröschen“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 22.12.2021, von Annette Bopp


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    WENN DIE TANZZUKUNFT WINKT

    Zur Silvesterpremiere des Tanzabends „Rising“ im Nationaltheater Mannheim

    Veröffentlicht am 02.01.2022, von Isabelle von Neumann-Cosel



    BEI UNS IM SHOP