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„Vogelsang meets Hoyer“ in der Berliner Akademie der Künste



Bei diesem „Gipfeltreffen der Tanzmoderne“ werden erstmals Dore Hoyers Zyklus „Afectos humanos“ und die „Bach-Präludien“ von Marianne Vogelsang an einem Abend gezeigt. Ein Interview mit Susanne Linke, die die Einstudierung übernahm.


  • Probe mit Susanne Linke und Nils Freyer in der Staatlichen Ballettschule Berlin Foto © Frank Heckel
  • Nils Freyer in „Eitelkeit“ aus den „Afectos humanos“ von Dore Hoyer Foto © Yan Revazov
  • Nils Freyer in „g-Moll Präludium“ aus den „Bach-Präludien“ von Marianne Vogelsang Foto © Yan Revazov

Bei diesem „Gipfeltreffen der Tanzmoderne“ werden erstmals der 1961/1962 geschaffene Zyklus „Afectos humanos“ von Dore Hoyer (*1911 Dresden - 1967 Berlin) und die von 1971 bis 1973 entstandenen „Bach-Präludien“ von Marianne Vogelsang (*1912 Dresden - 1973 Berlin) an einem Abend gezeigt. Beide Tänzerinnen haben ihre Tanzausbildungen in Dresden absolviert und ihre völlig unterschiedlichen Karrieren von hier aus gestartet. Marianne Vogelsang und Dore Hoyer kannten sich und ihre jeweilige Andersartigkeit und schätzten diese gegenseitig sehr.

Beide Zyklen werden von dem Berliner Tänzer Nils Freyer interpretiert. Musikalisch begleitet wird er dabei von der Pianistin Ulrike Buschendorf und dem Schlagzeuger Marco Philipp. Für die Einstudierung des Zyklus „Afectos humanos“ von Dore Hoyer konnte Susanne Linke gewonnen werden, im folgenden Interview mit Boris Gruhl gibt sie darüber Auskunft.


Worin liegt für Sie die besondere Bedeutung der Choreografien des Zyklus „Afectos humanos“ von Dore Hoyer, mit denen Sie sich ja mehrfach sehr intensiv als Choreografin und als Tänzerin beschäftigt haben?

SL: An dieser Stelle möchte ich kurz Norbert Servos zitieren: „Der Mensch steht im Zentrum und ist - mit Labans bahnbrechenden Prinzip von An- und Abspannung aus der Körpermitte - sein eigener Herr. Er bewegt sich aus der eigenen Mitte, souverän. Mary Wigman verkörpert in ihren Tänzen die gedanklichen Freiräume, die Laban erschließt. Sie ist die Seele des neuen Tanzes: individuell, aus der eigenen Erfahrung schöpfend.“ Genau das hat Dore Hoyer auch gemacht. Das hat sie in diesem Zyklus glänzend vollbracht und für jeden einzelnen Affekt ein ganz spezifisches Bewegungsmaterial kreiert. Wenn man bedenkt, dass diese Tänze vor über 50 Jahren entstanden sind, und immer noch so aktuell zu sein scheinen und von jüngeren Generationen immer noch verstanden werden können, ist als ein großes Glück zu verstehen. Und ich bin froh, dass diese Arbeit von Dore Hoyer als einzige ihrer vielen so wunderschönen und ausdrucksstarken Soli erhalten bleiben konnte, durch eine professionelle Filmaufzeichnung.

Worin liegt für Sie die besondere Bedeutung der Choreografien der Bach-Präludien von Marianne Vogelsang?

SL: Also viel kann ich leider nicht dazu sagen, da ich selbst diese Tänze nicht getanzt habe, sondern nur gesehen. Und ich kann bestätigen, dass die Klarheit und sowohl abstrakte als auch sehr strukturierte Abfolge der Bewegungen entsprechend der Kompositionen der Präludien von Johann Sebastian Bach sind. Trotz der Strenge dieser Kompositionen ermöglicht es eine tiefe Verbindung zu einer inneren Bewegtheit, die mich sehr überzeugt.

Sie haben jetzt den Zyklus von Dore Hoyer mit einem klassisch ausgebildeten Tänzer einstudiert. Wie wichtig war dabei die künstlerische Korrespondenz zwischen den Grundlagen der klassischen Techniken und denen der Tanzmoderne, speziell bei der von Gert Palucca ausgebildeten Dore Hoyer - auch in Hinblick auf die Einstudierung mit dem Tänzer Nils Freyer?

SL: Als erstes möchte ich insistieren, dass Dore Hoyer nur für wenige Monate bei Gret Palucca Schülerin gewesen ist. Man sollte sie möglichst bitte nicht als Palucca-Schülerin bezeichnen. Dafür war Dore Hoyer letztendlich zu sehr eine strenge Autodidaktin mit sich selbst.
Meine Begegnung mit dem jungen Tänzer Nils Freyer, bei der ich anfangs große Bedenken hatte, hat sich letztendlich als eine angenehme Überraschung ergeben. Prof. Dr. Ralf Stabel, Direktor der Staatlichen Ballettschule Berlin, hat seinen Absolventen zur Premiere von „Hommage à Dore Hoyer“ nach Trier geschickt, um mich quasi kennen zu lernen. Ich habe daraufhin diesen 'Jüngling', wie ich es zu dem Zeitpunkt empfand, erstmal harsch abblitzen lassen. Aber nachdem er bereits mit der Pädagogin Heike Keller sämtliche Bewegungen der fünf Affekte vom Video einstudiert hatte, lud er mich zu einer Probe in die Schule ein und überraschte mich, wie weit der Probenstand bereits fortgeschritten war. Er benötigte meine Hilfe sozusagen, um ihm noch den sogenannten Feinschliff zu geben, in punkto Atmung und Bewegung aus der Körpermitte vom Becken aus. Es war quasi mehr eine energetische Arbeit, die Form und die Standhaftigkeit der Balance hatte er bereits. Ich lehrte ihm seine Atmung zu nutzen und bewusst einzusetzen. Aus meiner Erfahrung an der Pariser Opéra wusste ich bereits, dass sich klassische Tänzerinnen und Tänzer damit öfter sehr schwer tun. Aber bei sämtlichen Korrekturen, die ich Nils Freyer gab, war ich erstaunt, wie schnell er diese aufgenommen hat und umsetzen konnte.

Worin unterscheiden sich beide Arbeiten?

SL: Hierzu hat Ralf Stabel ein wunderbaren Satz geprägt: "Die Tänze von Marianne Vogelsang sind überaus klar in ihrer Gestaltung, aber deshalb keineswegs ohne tiefe Emotion. Die Tänze von Dore Hoyer dagegen sind von herausragender Expressivität, aber deshalb nicht ohne klare Gestaltung.“ Dem ist nichts hinzufügen.

Wie lassen sich nun, wenn beide Choreografien erstmals an einem Abend zu erleben sind, dennoch Bezüge erkennen? Die „Präludien“ gelten als künstlerisches Vermächtnis von Marianne Vogelsang, gilt dies in gewissem Sinne für den Zyklus von Dore Hoyer auch?

SL: Natürlich! Das ist doch selbstverständlich. Eine Besonderheit dieser von Ralf Stabel initiierten Rekonstruktion der „Afectos humanos“ durch Nils Freyer ist auch die gemeinsame Arbeit mit den zwei Musikern, Ulrike Buschendorf und Marco Philipp, die nun erstmalig den Zyklus wieder live musikalisch begleiten. Gemeinsam mit den von Marianne Heide entworfenen Kostümen, die angelehnt sind an die Originale, besteht wieder die Möglichkeit den Zyklus als Gesamtkunstwerk zu zeigen, in den jeder Mitwirkende und jede Mitwirkende ihren eigenen Beitrag einbringen.

Welche speziellen Anforderungen stellen die Choreografien „Afectos humanos“ an einen Tänzer der jüngeren Generation?

SL: Der Tänzer oder die Tänzerin muss zumindest den Sinn der Bewegungen verstehen, sodass man sich damit auch identifizieren kann. Das erfordert manchmal mehr Intelligenz, als wenn man nur als tanzender Funktionär die Bewegung brav ausführt.

Wie wichtig ist für Sie, in Hinblick auf den zeitgenössischen Tanz heute, die Beschäftigung mit dem „Erbe“ und Rekonstruktionen nicht als reinen Rückblick, sondern als Kunstwerke der Gegenwart mit Perspektiven für die Zukunft des Tanzes erlebbar zu machen?

SL: Die Antwort liegt für mein Verständnis eigentlich schon in der Frage - sehr wichtig! Für mich als Tänzerin und Choreografin einer älteren Generation ist es sehr schön, dass diese alten, aber sehr bedeutsamen Werke wieder in Erinnerung gebracht werden. Aber natürlich ist es auch für alle neuen und jüngeren Generationen von Tänzerinnen und Tänzern wichtig, das Erbe zu kennen. Die beiden Arbeiten von Marianne Vogelsang und Dore Hoyer sind herausragende Werke und bieten ein solides Handwerk, mit dem sich auch Neues aufbauen lässt.



„Vogelsang meets Hoyer“ - Ein TANZFONDS ERBE Projekt

13.05.2018 19:30 Uhr - Berlin-Premiere
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10

27.06.2018 19:30 Uhr - Dresden-Premiere
Staatsschauspiel Dresden, Kleines Haus, Glacisstraße 28

Jeweils um 19.00 Uhr gibt es ein Einführung mit Prof. Dr. Ralf Stabel, Direktor der Staatlichen Ballettschule Berlin, der das Projekt wissenschaftlich begleitet.

Veröffentlicht am 07.05.2018, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Gallery, Tanz im Text, Kritiken 2017/18

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