HOMEPAGE



Gelsenkirchen

EISHOCKEY MEETS NEOKLASSIK

Wieder Shakespeare beim Ballett Im Revier in Gelsenkirchen: Bridget Breiners „Romeo und Julia“



In „Romeo und Julia“ pendelt Breiner zwischen Science Fiction, Antike und Renaissance. Ihre Choreografie ist eine Liebeserklärung an das neoklassische Ballett.


  • "Romeo und Julia" von Bridget Breiner Foto © Ursula Kaufmann
  • "Romeo und Julia" von Bridget Breiner Foto © Ursula Kaufmann
  • "Romeo und Julia" von Bridget Breiner Foto © Ursula Kaufmann
  • "Romeo und Julia" von Bridget Breiner Foto © Ursula Kaufmann
  • "Romeo und Julia" von Bridget Breiner Foto © Ursula Kaufmann
  • "Romeo und Julia" von Bridget Breiner Foto © Ursula Kaufmann
  • "Romeo und Julia" von Bridget Breiner Foto © Ursula Kaufmann
  • "Romeo und Julia" von Bridget Breiner Foto © Ursula Kaufmann

Die Montagues und Capulets kämpfen gegeneinander wie außerirdische Eishockeyteams in eng anliegender schwarzer Lederrüstung, unter vergitterten weißen Schutzhelmen und bunten Gelenkschonern. Holzstäbe sind ihre Waffen. Mobile Gitterwände, geschwungene Gehege und Laufräder aus schmalen Latten begrenzen ihr Terrain. In diesem grandios theatralen Ambiente von Rivalität und Gewalt (Ausstattung Jürgen Kirner) entwickelt sich die rührendste und traurigste Liebesgeschichte der Weltliteratur. Bridget Breiner pendelt in ihrer „Romeo und Julia“-Inszenierung zwischen Science Fiction, Antike und Renaissance. Ihre Choreografie ist eine Liebeserklärung an das neoklassische Ballett des 20. Jahrhunderts mit deutlich eigener Signatur der amerikanischen Ballerina, die auch choreografisch von der Stuttgarter Schule und deren Heros John Cranko geprägt worden ist. Mit dessen Shakespeare-Balletten begann bekanntlich der Lauf von Prokofjews heute meist gespieltem Ballett im Westen.

Breiner fügt als „Chorus“ (in Anlehnung an den antiken, das Geschehen kommentierenden Chor?) eine weibliche Figur ein, die vor Beginn und immer wieder zwischendrin, begleitet von flüsternden oder laut rezitierenden Stimmen, die Szene betritt. Bridgett Zehr tanzt sie mit atemraubender Eleganz und überaus geschmeidig. Leider sind die vielfach überlagerten Texte in verschiedenen Sprachen nicht zuzuordnen. Neben Shakespeare auch Friedens- oder Versöhnungsappelle?

Düster und Menschen-fern bleibt auch die „Chronos-Gruppe“, die, unter Henkerkapuzen und Capes verborgen, nach dem Chorus-Vorspiel die weißen Tücher von den erstarrten Kampf-Gruppen entfernt. Wie Walküren sammeln sie nach dem Gemetzel die Toten vom Schlachtfeld auf, häufen sie auf ihren Rollwagen mit dem hölzernen Totengerippe. Effektvoll archaisch beginnt dieser Auftakt zur Kakophonie von Prokofjews Kampf-Musik. Breiner nimmt den deprimierenden Schluss vorweg, dass die Liebe des jungen Paares die Versöhnung der Veroneser Adelsfamilien nicht bringen wird.

Im übrigen aber erzählt Gelsenkirchens Ballettdirektorin die Liebestragödie in großen Zügen so, wie Shakespeare sie erdachte. Prachtvolle Bilder reihen sich zu der so plastischen Musik mit ihren schnell wechselnden Rhythmen aneinander. Die Neue Philharmonie Westfalen spielt sie unter Rasmus Baumann vorzüglich. Großartige Ballroben, edle Gewänder und pfiffige Volkskleider mit Röcken aus wehenden bunten Bändern spiegeln die Veroneser Renaissance. Grandios getanzte Gruppenszenen wechseln mit charaktervollen, technisch anspruchsvollen Soloauftritten. Ledian Soto tanzte bei der Premiere den Romeo federleicht und so ausdrucksvoll wie er jünger, natürlicher, glücklicher und verzweifelter kaum denkbar ist. Francesca Berruto rührt – bei kraftvoller akrobatischer und athletischer Virtuosität mit makelloser Spitzentechnik – als Hauch eines jungen Mädchens, das angesichts von Romeo plötzlich eine neue Welt, ein ganz anderes Leben ahnt als die von den Eltern geplante steife Existenz an der Seite von Paris, obwohl dieser junge Mann hier beileibe nicht den stinkreichen Langweiler gibt wie meist. Carlos Contreras tanzt wie ein junger Gott und entzückt mit seinem unwiderstehlichen Lächeln. Da wünscht man ihm durchaus nicht derart spießige, zickige Schweigereltern (Lady und Lord Capulet) wie sie die schöne Tessa Vanheusden und der drahtige José Urrutia porträtieren.

Dass Pater Lorenzo hier zu einem Derwisch-artigen Wirbelwind in flatternder Soutane wird, ist Breiners generöses Geschenk an den dynamischen Paul Calderone – und das Publikum! Louiz Rodrigues (Mercutio), Valentin Juteau (Tybalt) und Rita Duclos (Zofe) komplettieren das Ballett im Revier bei dieser bemerkenswert reifen, gelungenen Premiere in Gelsenkirchen.

Veröffentlicht am 18.02.2018, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/2018

Dieser Artikel wurde 2062 mal angesehen.



Kommentare zu "Eishockey meets Neoklassik"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    ERSTER PREIS FÜR GABRIEL FIGUEREDO

    Der Schüler der John Cranko Schule gewinnt beim Youth America Grand Prix
    Veröffentlicht am 12.12.2018, von Pressetext


    SCHWELGEN

    Fotoblog von Dieter Hartwig
    Veröffentlicht am 12.12.2018, von Dieter Hartwig


    FORTFÜHRUNG DER TANZPLATTFORM RHEIN-MAIN

    Die seit 2016 bestehende Plattform soll ausgebaut werden
    Veröffentlicht am 12.12.2018, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    WIE WÜRDEN SIE INSTINKTIV HANDELN?

    INSTINCT – Eine installative Performance der Body-Art Künstlerin Marie Golüke

    Premiere am 15.11.2018

    Veröffentlicht am 02.11.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    STUMPFER GLANZ

    Auftakt der Saison 2018/2019 am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 29.10.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    VORÜBERGEHENDE NACHFOLGE VON ADOLPHE BINDER STEHT FEST

    Bettina Wagner-Bergelt und Roger Christmann kommen nach Wuppertal

    Veröffentlicht am 13.11.2018, von tanznetz.de Redaktion


    WARUM JEDER MENSCH TANZEN SOLLTE

    "Tanzen ist die beste Medizin" von Julia F. Christensen und Dong-Seon Chang

    Veröffentlicht am 05.12.2018, von Annette Bopp


    AUFTRITT DER STARGÄSTE

    Die BallettFestwoche in München glänzt weiter

    Veröffentlicht am 21.04.2018, von Karl-Peter Fürst


    WENIGER WÄRE MEHR GEWESEN

    Das Bundesjugendballett präsentiert "Im Aufschwung X"

    Veröffentlicht am 25.11.2018, von Annette Bopp



    BEI UNS IM SHOP