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Mannheim

LIEBE UNTER CRASHTEST-DUMMYS

Choreografien von Stephan Thoss, Guiseppe Spota und Marco Goecke in Mannheim



Eine höchst originelle Uraufführung steuerte Guiseppe Spota mit seiner Petruschka-Version „Let’s Beat“ dem neuen Tanzabend bei. Marco Goeckes „Nichts“ begeisterten ebenso wie Stephan Thoss’ „La Chambre Noire“.


  • "Let's Beat" von Giuseppe Spota; Ensemble Foto © Hans-Jörg Michel
  • "Let's Beat" von Giuseppe Spota; Ensemble Foto © Hans-Jörg Michel
  • "La Chambre Noire" von Stephan Thoss; Ayumi Sagawa und David Lukas Hemm Foto © Hans-Jörg Michel
  • "La Chambre Noire" von Stephan Thoss; Helga Kristin Ingolfsdottir und Lorenzo Angelini Foto © Hans-Jörg Michel
  • "Nichts" von Marco Goecke; Jamal Callender und Juan Ferré Gómez Foto © Hans-Jörg Michel
  • "Nichts" von Marco Goecke; Julia Headley Foto © Hans-Jörg Michel

Zuviel Flattern zerbricht die Flügel... Wer wüsste das besser als Marco Goecke, der ehemalige Stuttgarter Hauschoreograf, dessen Arbeiten inzwischen auf den größten Bühnen der Welt gefragt sind. Er ist einer der wenigen Tanzschöpfer, die dem Genre eine völlig neue, eigene und unverwechselbare Handschrift hinzugefügt haben: Bei ihm tanzen in allererster Linie die Hände, die Arme, der Rücken. So bringt er immer wieder melancholische Riesenvögel auf die Bühne, deren überaus virtuoses Flattern nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass sie niemals fliegen werden. Die Nähe zum Slapstick, zum Stummfilm ist unübersehbar. Auch bei Goecke bewegen sich Hände und Arme wie im Zeitraffer, allerdings in Echtzeit. Dieses virtuose Zittern, Zappeln und Schwingen ist nicht nur für die Zuschauer, auch für die Tänzer Neuland – für den neuen Mannheimer Tanzabend studierte Giovanni die Palma das 2008 bei Nederlands Dans Theater II kreierte Stück „Nichts“ mit acht Ensemblemitgliedern ein. Sie tragen nichts als weite schwarze Hosen mit weit nach oben verlängerten Taillen.

Der Stücktitel ist natürlich eine Untertreibung: Goecke zeigt in diesem Stück vergebliches Bemühen, wenn auch mit leichter Hand. Dazu gehören eine hübsche Herbststimmung mit effektvollen bunten Blättern und die perfekt perlenden musikalischen Klänge von Keith Jarett, gebrochen durch Jimi Hendrix („Machine Gun“). Goeckes exzentrische Bewegungssprache ist absolutes Neuland fürs Mannheimer Publikum – und wurde begeistert aufgenommen.

Großen Beifall gab es auch für den Hausherrn Stephan Thoss, der zur Eröffnung viel dunkles Geheimnis auf die Bühne des Nationaltheaters brachte: „La Chambre Noire“ (uraufgeführt in Wiesbaden 2011). Zu einer kühnen Klangcollage beschwor er auf der Bühne eine magische dunkle Welt: Ein Zimmer mit weichen, durchlässigen, beweglichen Wänden, bevölkert von seltsam kühlen schwarzen Gestalten. Die Geheimnisse von Antimaterie und schwarzen Löchern im Weltall haben Pate gestanden für die Kreation von Anziehung und Abstoßung in der eindrucksvollen Bewegungssprache für dieses Stück. Lorenzo Angelini als einzig lebendig warmer Tänzer in Weiß erlebt Zurückweisung und Vergeblichkeit bis zum versöhnlichen Ende.

Eine höchst originelle Uraufführung steuerte Guiseppe Spota zum neuen Tanzabend bei, dessen Titel „Let’s Beat“ den gemeinsamen Rhythmus von Musik und Bewegung beschwört. Der Italiener gehört zu den Ausnahmetalenten, die an eine makellose Tänzerkarriere eine ebenso vielversprechende Choreografenkarriere anschließen können. Stephan Thoss, Entdecker und Förderer dieses Talentes, verpflichtete Spota seit der letzten Spielzeit als Ballettmeister und choreografischen Assistenten mit Raum für Eigenkreationen. Dieses Zutrauen hat Spota mit seiner neuen „Petruschka“-Version – für das gesamte fünfzehnköpfige Ensemble – einmal mehr gerechtfertigt. Er verlegte die Dreiecksgeschichte um Petruschka, die Ballerina und den Mohren aus dem Jahrmarktsmilieu kurzerhand in eine Kunstwelt von Crashtest-Dummys und ergänzte Strawinskys Ballettmusik durch drei bittersüße Lieder von Monteverdi. Einem personifizierten Herz blieb die anspruchsvolle Aufgabe, den Puppen Leben einzuhauchen.

Der von Spota selbst kreierte Bühnenraum mit beweglichen riesigen Lochblechen, in denen Kunststoffröhren stecken, schafft eine perfekte künstliche Welt, in der die Dummys höchst kunstfertig mit den Gliedern schlackern. Zur Stabilisierung halten auch die Kunststoffröhren her, mit deren Hilfe die Tänzer ihre Arme grotesk verlängern können. Für die Ballerina, Petruschka und den Mohren gibt es anfangs Beinhülsen, die den aufrechten Gang nur im steifen Puppentrippeln erlauben. Petruschka (Tenald Zace) ist der erste, der sich der störenden Gehhilfen entledigt… und auch der, bei dem das mitfühlende Herz (Silvia Cassata) am Ende zum Erfolg kommt.

Veröffentlicht am 08.01.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2017/18

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