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München

WOGEN GEGLÄTTET

Die ersten 100 Tage des neuen Staatsballett-Chefs Igor Zelensky



Wir wagen eine erste Bilanz: die Vorstellungen, abgesehen von einigen ohne Abo, waren ausverkauft, die Tänzer Zelenskys bringen neue Zugkraft. Trotzdem gibt es noch Hindernisse: gleich zu Beginn sind zwei Solisten wieder abgesprungen.


  • Der neue Ballettchef Igor Zelensky Foto © Wilfried Hösl

Die Wogen haben sich geglättet. Nach dem Aufschrei über die Verjüngung des Bayerischen Staatsballetts – im Klartext: 29 nicht verlängerte Verträge – hat München jetzt offensichtlich seinen neuen Ballett-Direktor Igor Zelensky angenommen. Zunächst, noch Ivan Liškas in ruhigen Bahnen verlaufender 18jähriger Amtszeit nachtrauernd, wollte man dem neuen Leiter nicht das Recht auf ein eigenes Ensemble-Profil zugestehen. Aber es gab noch andere Befürchtungen und Vorbehalte: der Ex-Starballerino des St. Petersburger Mariinsky-Balletts würde wohl nur die alten Klassiker pflegen und nicht die bisherige Mischung mit der Moderne. Und wäre denn Zelensky überhaupt – mit Leitungs-Erfahrung zwar in Athen, Novosibirsk und am Moskauer Stanislawsky-Balletttheater – für das ganz anders strukturierte Staatsballett, künstlerisch wie verwaltungstechnisch, die richtige Führungspersönlichkeit?

Nach hundert Tagen wagen wir eine erste Bilanz: die Vorstellungen, abgesehen von einigen ohne Abo, waren ausverkauft. Und das immerhin bei den aus dem bestehenden Repertoire übernommenen Balletten „Giselle“, „La Bayadère“, „Romeo und Julia“ und dem neoklassisch-modernen Balanchine-Robbins-Barton-Dreiteiler. Also „alten Bekannten“, die jedoch besetzt mit Zelenskys neuen Tänzern neue Zugkraft haben. In der Kombination der Solisten-Paare – das heißt: wer zu wem in welchem Ballett am besten passt – scheint Zelensky noch herumzuprobieren. Plausibel seine eigene Einschätzung: „Die Tänzer, die aus 21 Nationen kommen, müssen sich erst einmal untereinander kennenlernen, sich auch auf das Haus hier einstellen. Das schließt die Verwaltung, die Technik, die Musiker, die Kostüm- und Maskenbildner mit ein. Nach drei Monaten sind wir auf einem sehr guten Weg.“

Trotzdem gibt es noch Hindernisse: gleich zu Beginn sind zwei Solisten wieder abgesprungen – abgeschreckt vielleicht durch die für sie komplizierten Verträge? Kurz danach, angeblich aus familiären Gründen, auch Solist Dmitri Sobolevskiy. Daran hat der Chef ein wenig zu knabbern. Auch hat er bis jetzt keinen Ersatz für Münchens Ex-Primaballerina Lucia Lacarra, die mit 40plus aus eigener Einsicht die großen Klassiker nicht mehr tanzen wollte. Die neuen Solisten sind mehrheitlich jung und lassen in Technik und Kondition keine Wünsche offen: Ksenia Ryzhkova ist 22 Jahre alt, der Kubaner Osiel Gouneo 26 und der von Liška übernommene Jonah Cook 24. Sie könnten sich, wenn künstlerisch einfühlsam geführt, möglicherweise den Titel Primaballerina/ Primoballerino ertanzen. Noch muss sich Zelensky also für den großen Glanz auf die „ständigen Gäste“, die außergewöhnliche Natalia Osipova vom Londoner Royal Ballet, Moskaus Bolschoi-Star Svetlana Zakharova und den international gefragten freischaffenden Sergei Polunin, verlassen.

Die will der Zuschauer natürlich sehen, will sich überhaupt die Besetzungen frühzeitig aussuchen können – was jedoch bei der sehr kurzfristigen Bekanntgabe eher nicht möglich ist. Schon Konstanze Vernon und Ivan Liška betrieben – wegen immer möglicher Verletzung – diese Vorsichts-Politik. Aber wenn das Londoner Royal Ballet seine Besetzungen ein halbes Jahr vorher im Netz ankündigen kann – im Krankheitsfall das Ticket zurücknimmt/umtauscht –, dann müsste ein auf Elite-Niveau hinstrebender Zelensky in Bälde auch dahin kommen. Jeder Münchner, besonders wer eigens fürs Staatsballett von weit her anreist – wäre das nicht ein Wunschziel für den Leiter? –, muss vorab planen können. Lohnen tut ja eine Anreise, allein wegen des neuerdings wieder bis in Kopf- und Arm-Haltung auf Hochglanz geprobten Ensembles. Aber diese über eiserne Disziplin gewonnene Körper-Ästhetik und die wie mit dem Lineal gezogenen Raumformationen wären schal, hätten diese Abende nicht eine von innen heraus leuchtende tänzerische Frische.

Der neue Chef, das ist zu spüren, fordert alles, gemäß seinem Mantra: „Ich möchte das Bayerische Staatsballett kontinuierlich und in allen Bereichen voranbringen, die tänzerische Qualität weiter steigern.“ Mitte November gab es wieder ein großes Vortanzen. Und, so hört man, fast täglich stellen sich junge Tänzer von überall her „privat“ vor, indem sie ein Training mitmachen. Igor Zelensky sei in engem Kontakt mit international renommierten Ausbildungsstätten, sagt seine Pressesprecherin Annette Baumann, fahre auch zu Wettbewerben, wie dem „Prix de Lausanne“. Wunschdenken ist da nicht: der neue Leiter ist ein eiserner Arbeiter, ist darin Vorbild für seine Tänzer, wie man von dem 31jährigen Ersten Solisten Vladmir Shklyarov erfährt. Befragt nach der Anstrengung, vier Ballette parallel zu lernen, meinte er „Ich sehe ja, wie viel Igor arbeitet. Er ist immer da, macht schon vor unserem Morgentraining im Geräte-Saal sein eigenes Fitnessprogramm.“

Bestens durchtrainiert ist der 47-Jährige: am 12. November bei der Gala zum 25. Jubiläum von Salzburgs erfolgreichem Ballettchef Peter Breuer – einst Münchens und Düsseldorfs führender Erster Solist – tanzte Zelensky mit seiner Demi-Solistin Prisca Zeisel Fokines „Shéhérazade“-Pas de deux. Wird er in München auch mal bei einer Gala auftreten? „Mal sehen“, lacht er. „Doch ja, ich hab's schon vor.“ Jetzt aber stehe erstmal „Spartacus“ an. Am 22. Dezember wird sich weisen, ob Juri Grigorowitschs Helden-Epos von 1968 – in der Premiere sind auch die Gäste Natalia Osipova und Sergei Polunin zu sehen – eine sehenswerte historische Aufarbeitung der russischen Avantgarde der 60er Jahre ist oder ein verstaubtes Museumsstück. Wenn letzteres der Fall ist, muss Zelensky es demnächst mit doppelt so vielen spannenden zeitgenössischen Uraufführungen wettmachen.

Veröffentlicht am 06.12.2016, von Malve Gradinger in Homepage, Themen, Tanz im Text

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