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München

NUR GEDULD

Mit Spannung erwartet: Erster offener Probentag am Bayerischen Staatsballett



Kommende Woche eröffnet Münchens neuer Staatsballettchef Igor Zelensky seine erste Saison mit dem Klassiker „Giselle“. Einen Tag lang konnten die sichtlich neugierigen Ballettomanen einen Blick auf das neu formierte Ensemble werfen.


  • Probentag am Bayerischen Staatsballett: J. Eliason Foto © Charles Tandy
  • Probentag am Bayerischen Staatsballett: V. Shklyarov und M. Shirinkina Foto © Charles Tandy
  • Probentag am Bayerischen Staatsballett: J. Cook Foto © Charles Tandy

Am 23. September eröffnet Münchens neuer Staatsballettchef Igor Zelensky seine erste Saison mit dem romantischen Adam-Coralli-Perrot-Klassiker „Giselle“ (1841) in Peter Wrights Fassung von 1966. „Optisches Warm-up“ jetzt fürs Publikum bei dem schon von Vorgänger Ivan Liška eingeführten „offenen Probentag“ am Platzl 7. Von 10 bis 16 Uhr konnten die sichtlich neugierigen Ballettomanen einen intensiven Blick auf das neu formierte Ensemble werfen, zwischen Heinz-Bosl- und John-Cranko-Saal hin und her pendeln. Wir haben uns zunächst das von dem illustren dänischen Gast Johnny Eliason geleitete Damen-Training angesehen (Thomas Mayr trainierte die Herren). Und da war gleich die vibrierende Aufbruchsstimmung dieser gertenschlanken, meist hochgewachsenen jungen Frauen zu beobachten. Man spürte förmlich auch den positiven Ehrgeiz der von Liška übernommenen Mitglieder (19 Frauen; 13 Männer), auf keinen Fall hinter den neu engagierten zurückzustehen. Die „Neuen“ kommen aus Zelenskys Heimat Russland, aus Australien, China, England, Italien, Österreich, Südkorea, Ungarn und den USA. Osiel Gouneo, ein vielversprechender Erster Solist, kommt aus Kuba, das ja für seine exzellente Ausbildung berühmt ist. Gut und schön.

Aber wie schon unter Liška ist also auch die aktuelle Truppe stilistisch keineswegs einheitlich. Zelensky ist sich dessen sehr wohl bewusst. Das erste jedoch, womit er in naher Zukunft punkten könnte – das Repertoire zu erneuern braucht leider ein paar Jahre –, wäre eine ganz eigene Linie, eine unverwechselbare Farbe, eben ein: „Staatsballett-Stil“, für den man auch von weither anreist. Denn turnerische Kunststücke liefert heute lässig der Nachwuchs weltweit. Die reichen allerdings gerade für Galas. Zelensky, so haben wir ihn verstanden, will – auch selbst als aktiver Trainer seines Ensembles – auf eine einheitliche Form hinarbeiten. Nur scheint er uns ein ungestüm vorwärts preschender Macher und Geduld eher nicht seine Stärke.

Helfen könnte da seine Frau Yana, wie er Ex-Mitglied des St. Petersburger Mariinsky-Balletts und hier Ballettmeisterin. Zurückhaltend wie ein Schatten, ist ihre ernste aufmerksame Allgegenwart im Staatsballett jedoch nicht zu verkennen. Helfen könnten auch international erfahrene Ballettmeister wie die Pädagogen-Koryphäe Eliason. Der Däne legt Wert auf das „épaulement“ (épaule = Schulter), diese Beweglichkeit des Oberkörpers, welche Schritte und Sprünge überhaupt erst zu Tanz machen. Und mit seinen „tendu“-Übungen trainiert er die schnelle Fußarbeit, das Markenzeichen der dänischen Bournonville-Schule und danach – neoklassisch noch beschleunigt – von George Balanchines New York City Ballet.

Nächster Punkt: schon weidlich „abgesehene“ ältere Ballette wie „Fille mal gardée“, „Romeo und Julia“ und „Giselle“, jetzt im Programm seiner ersten Saison, kann Zelensky nur zum Leuchten bringen durch geschliffene Ensemble-Qualität, vor allem durch neue aufregende Protagonisten. In der ersten „Giselle“ kann man gespannt sein auf die Ex-Bolschoi-, jetzt Royal-Ballet-Ballerina Natalia Osipova und (Lebens-)partner Sergej Polunin, der vor ein paar Jahren wegen Jungstar-Stress vom Royal Ballet zu Zelenskys zweiter Wirkstätte, dem Moskauer Stanislawsky-Ballett, flüchtete. Beide sind als ständige Gäste versprochen. In einer weiteren „Giselle“-Vorstellung tanzt als Gast Bolschoi- und Welt-Star Svetlana Zakharova. Was die fest ans Ensemble gebundenen (Ersten) Solisten betrifft, so haben sich – vorerst – wohl noch nicht alle Wünsche Zelenskys erfüllt. Immerhin vom Mariinsky abgeworben: Maria Shirinkina, eine anmutig lyrische Tänzerin, und Ehemann Vladimir Shklyarov, (noch nicht zurück in Bühnenform) zeigten Ausschnitte aus „Giselle“. Die ersten Solistinnen Shirinkina, Ksenia Ryzhkova, Ivy Amista, seit 2001 im Ensemble, und weitere neue (Demi-)Solistinnen waren an diesem Probentag in einem dramatischen Solo von Phrygia, Frau des revolutionären Sklavenanführers Spartacus, aus Juri Grigorowitschs gleichnamigem Ballett zu sehen.

Man kann nun meckern, dass Zelensky dieses „Sowjet“-Werk von 1968 als sein zweites Entrée bringt (Premiere 22. 12. 2016). Ja, die Tanz-Gestik ist gestrig-heroisch. Aber Historisches hat auch Ivan Liška aufgearbeitet, von Mary Wigman bis José Limón und Oskar Schlemmer. Und „Spartacus“ ist immerhin ein wichtiges Werk der neueren russischen Ballett-Entwicklung. Es kommt nur darauf an, dass diejenigen, die diese Choreografie einstudieren, den Münchnern, sprich: einer ganz anderen Generation, genau diese Patina vermitteln können. Wenn das gelingt, sehen wir es sicher mit Vergnügen. Ein guter Lernprozess für die Tänzer wird es allemal. Bei all den Solo- und Ensemble-Proben zu „Giselle“ und „Spartacus“ wird einem klar, dass sich Zelensky in Zukunft seine Solisten aus dem beachtlichen Nachwuchspotenzial der Gruppe selbst heranziehen sollte, in Zusammenarbeit mit der Ballettakademie. Nur dann kann das Staatsballett eine wertvolle „Marke“ werden. Aber das braucht Geduld – auch vom Publikum.

Veröffentlicht am 14.09.2016, von Malve Gradinger in Homepage, Kritiken 2015/2016, Tanz im Text

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