HOMEPAGE



Dresden

DAS ICH IM WIR

Matinée der Palucca Hochschule für Tanz Dresden in der Semperoper



Stolze 90 Jahre lang existiert die Palucca Schule mittlerweile. In ihrer Matinée hat sie sich nun nicht nur zu recht selbst gefeiert, sondern auch gezeigt, wie hoch das Niveau der einzelnen Klassen ist.


  • "Serenata". Choreografie Palucca. Es tanzen v.l. Ingeborg Hendrikx und Paula Fiener Foto © PR Palucca/ Ian Whalen
  • "Das Schaf": Choreografie Katharina Christl. Es tanzen Zoe Lenzi und Tim Terton Foto © PR Palucca/ Ian Whalen
  • UNTITLED 3, Choreografie James Richard Potter. Es tanzen v.l. Isabelle Machado Maia Leal, Vivian de Britto Schiller, Clay Koonar, James Richard Potter, Kaitlyn Casey Foto © PR Palucca/ Ian Whalen

Stolze 90 Jahre lang existiert die Palucca Schule mittlerweile. In ihrer Matinée hat sie sich nun nicht nur zu recht selbst gefeiert, sondern auch gezeigt, wie hoch das Niveau der einzelnen Klassen ist.

Eigentlich ist das ja immer so eine Familienfeier. Onkel, Tante, Oma, die kleinen Cousinen und natürlich vor allem die Eltern der Palucca-Schüler bilden traditionell den Großteil des Publikums, wenn die Palucca Schule zur Matinée ruft. Diese Form der Leistungsschau bietet immer einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Dinge. Dass die Veranstaltung regelmäßig in frenetischem Jubel endet, sei allen daran Beteiligten gegönnt. Anlässlich der 90. Ausgabe der Matinée darf aber in jedem Fall gesagt werden: Die Standing Ovations hatten tatsächlich ihre Berechtigung. Das Niveau der Tänzer ist durchweg beeindruckend hoch.

Den Auftakt machten „die ganz Kleinen“, die Orientierungsklasse 2, mit einer Neuinterpretation von Paluccas „Aufforderung zum Tanz“, die auch musikalisch neu gedacht wurde. Und sie zeigten auch gleich, wo der Hammer hängt. Beeindruckend war die Tatsache, dass jeder der Tänzer das Material absolut im Griff hatte. Nicht mal die Kleinsten ließen sich von der Größe der Bühne einschüchtern. Die Fähigkeit zum Ausdruck war geradezu verblüffend. Da wurde kokettiert und geflirtet, Charme und Witz saßen punktgenau bei Tänzern, die kaum älter als zehn Jahre waren. Damit war die Qualität für den Rest des Programms gesetzt.

Insgesamt elf Arbeiten, allesamt choreografiert von Alumni der Palucca Schule, gaben den Tänzern erfreulicherweise tatsächlich die Gelegenheit, zu tanzen und somit wirklich zu zeigen, was sie gelernt haben. Nicht nur die Damen durften sich auf Spitze präsentieren.

Auffällig war auch die thematische Gesamtheit der Arbeiten. Vielleicht hat kaum eine Ausdrucksform wie der Tanz die Legitimation, ichbezogen zu sein. In diesem Fall war es immer wieder die Suche nach der Verortung des Ich im Wir, die allerdings nicht als generelle Suche, sondern unter sehr aktuellen Bezügen durchdekliniert wurde: In mehreren Arbeiten fand sich eine unterschwellige innere Bedrohung, die sich aus einer nicht näher zu benennenden Unsicherheit des Einzelnen hinsichtlich seiner Position und Funktion innerhalb einer Gruppe ergab.

Am verstörendsten war dies in der auffälligsten Arbeit sichtbar, „Daddy Song“ in der Choreografie von Stephan Thoss. Jene Arbeit nahm Anleihen aus dem Tanztheater, um eine befremdliche, leicht absurde Situation zu schaffen. Wenn dabei einem Tänzer mit ohrenbetäubendem Geräusch vermeintlich das Genick gebrochen wird, gefriert das Blut in den Adern.

Diese Orientierungslosigkeit des Ich fand in den Arbeiten „Tribe“ (Choreografie: Maria Nitsche) und „Das Schaf“ (Choreografie: Katharina Christl) ihren Gegenpart. Quasi bereits in den Titeln verraten diese Stücke, dass genau dort und nur dort, wo sich das Individuum befindet, die eigene Gesundung erfolgen kann: in der Gemeinschaft. Nur ist es eben genau dieser Aspekt, die Gemeinschaft, die eine Gruppe erst zu einer funktionierenden Einheit werden lässt. Eine Ansammlung von Individuen ist eben noch lange keine Gemeinschaft.
Diese Nähe an gesellschaftlichen Entwicklungen in Kombination mit exzellentem tänzerischen Können lässt weder Sorgen über die Zukunft des Tanzes noch Zweifel über die Reputation der Palucca Schule aufkommen.

Besonderer Höhepunkt der Matinée war wie immer die Verleihung der Stipendien. Jacqueline Krell (Studiengang Tanzpädagogik) und Swane Karin Küpper (Studiengang Tanz) erhielten beide das Palucca-Stipendium der Dresdner Stiftung Kunst & Kultur der Ostsächsischen Sparkasse Dresden im Programm des Deutschlandstipendiums. Gleb Matveev (Studiengang Tanz) freute sich über das Palucca-Stipendium des Talentschmiede e.V.

Veröffentlicht am 07.05.2016, von Rico Stehfest in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 6094 mal angesehen.



Kommentare zu "Das Ich im Wir"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    „DAMALS LEBTE ICH NOCH IM PRÄSENS“

    Skoronel Reloaded/Judith Kuckart: „Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht“ in der „Wartburg“ Wiesbaden
    Veröffentlicht am 20.09.2021, von Gastbeitrag


    DIE ENTHÜLLUNG DES SELBST

    „Personne“ von Isabelle Schad und Laurent Goldring in der Tanzhalle Wiesenburg
    Veröffentlicht am 19.09.2021, von Gastbeitrag


    WOHNZIMMERDISKO

    „All in One“ lässt im Societaetstheater Dresden die Wände wackeln
    Veröffentlicht am 18.09.2021, von Rico Stehfest



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    PREISGEKRÖNTES NEW YORKER TANZSOLO GASTIERT IN BERLIN!

    Die Choreografin und Tänzerin Marjani Forté-Saunders präsentiert am 07. und 08. Oktober ihr dreifach Bessie-prämiertes Solo „Memoirs of a… Unicorn“ im Rahmen des „Coming of Age“-Festivals an den Berliner Sophiensælen.

    Ihre poetische Performance verbindet Elemente von Afrofuturismus und Science Fiction mit einer zutiefst persönlichen Auseinandersetzung mit Schwarzer Männlichkeit.

    Veröffentlicht am 19.09.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    ALFONSO PALENCIA WIRD BALLETTDIREKTOR IN BREMERHAVEN

    Ab der Spielzeit 2022/2023 tritt der Spanier Alfonso Palencia die Nachfolge von Sergei Vanaev an.

    Veröffentlicht am 14.09.2021, von tanznetz.de Redaktion


    REISE DURCH DIE MENSCHLICHKEIT

    HUMAN – Musik- und Tanzpremiere feiert großen Erfolg in Bremen

    Veröffentlicht am 30.08.2021, von Renate Killmann


    JÖRG MANNES GEHT ANS THEATER MAGDEBURG

    Neuer Intendant Julien Chavaz stellt sein Leitungsteam vor

    Veröffentlicht am 26.08.2021, von Pressetext


    DIE WEIßEN MIT UNSEREN GEFÜHLEN KONFRONTIEREN

    Ein Gespräch vor der Berliner Premiere von „Ubiquitous Assimilation“ der Grupo Oito

    Veröffentlicht am 24.08.2021, von Volkmar Draeger



    BEI UNS IM SHOP