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Cottbus

„IM FLUSS DER ZEIT“ VORWÄRTS ZU NEUEN UFERN

Das Ballett am Staatstheater Cottbus setzt einen weiteren Meilenstein



Das Cottbuser Ensemble zeigt an diesem Abend eine beeindruckende Leistung, die auch eine klare Forderung an die Kulturpolitik ist: diese Kompanie verdient einen höheren Stellenwert.


  • „SYNC“ von Nils Christe; Stefan Kulhawec und Denise Ruddock Foto © Marlies Kross
  • „SYNC“ von Nils Christe; Alexander Teutscher und Ensemble Foto © Marlies Kross
  • „Suite Nr. 2 (Rachmaninow)“ von Uwe Scholz; von unten Alexander Teutscher, Stefan Kulhawec, Greta Dato Foto © Marlies Kross
  • „Suite Nr. 2 (Rachmaninow)“ von Uwe Scholz; v.l.n.r.: Stefan Kulhawec, Greta Dato und Alexander Teutscher Foto © Marlies Kross
  • "Oktett" von Uwe Scholz; v.l.n.r. Glauber Mendes Silva, Greta Dato und Martin Zanotti Foto © Marlies Kross
  • "Oktett" von Uwe Scholz; Stefan Kulhawec und Emily Downs Foto © Marlies Kross

Wer geglaubt hat, nach revuehaften und tanztheatralen Produktionen, abendfüllenden Klassikern und empfindsamem Kammertanz ‚sein’ Cottbuser Ballettensemble zu kennen, rieb sich nach der neuen Premiere verblüfft die Augen: „Im Fluss der Zeit“ trägt auch die Minikompanie vorwärts zu neuen Ufern.

Zwar musste für dieses Projekt die Truppe durch Gäste verdoppelt werden, was nur durch finanzielle Unterstützung des Tanzfonds Erbe möglich war. Den Kern bildet indes jenes Team, das Ballettchef Dirk Neumann in einem zehnjährigen Arbeitsprozess zur besten Komapnie gefiltert und geformt hat, die Cottbus je besaß. Mit dieser soliden Basis konnte sie sich an ein Unternehmen wagen, das selbst großen Ensembles gut zu Gesicht stehen würde: an drei „Meisterchoreografien des 20. Jahrhunderts“, so der Untertitel.

Die Projektion einer schwingenden Linie aus dem zeichnerischen Fonds von Wassily Kandinsky bildet den Hintergrund, vor dem sich zur Romanze aus Sergej Rachmaninows „Suite Nr. 2“ für zwei Klaviere eine Frau zwischen zwei Männern träumerisch ihrem Verliebtsein hingibt. Statt Konkurrenz dominiert Harmonie, wenn ein Partner die Tänzerin hebt und friedvoll dem anderen weiterreicht, der sie akrobatisch absetzt. Im Bild der sanft schmiegenden drei Köpfe endet das Trio. Fluss und Atem überall in dieser Choreografie von Uwe Scholz, der bis zu seinem frühen Tod 2004 das Leipziger Ballett zu einer Kompanie von europäischem Rang geführt hatte.

Auch das zweite Werk des Abends verdankt sich Scholz, dessen umfangreiches Œuvre international eine Renaissance erlebt. Und auch „Oktett“ nach dem Oktett für Streicher von Felix Mendelssohn Bartholdy entstand bereits 1987, ohne Patina angesetzt zu haben. Vor orangefarbenen Wolkenstores verlieren sich sechs Paare und ein Solopaar in ein heiteres, nachdenkliches Spiel um Finden und Verlieren. Scholz verflicht die Paare in Korrespondenz mit den Violinen, löst die Versuche indes stets wieder auf, um neuen Begegnungen Platz zu machen. Die Diagonale ist die spannungsreich den Raum teilende Hauptlinie. Satz 2 ist einem Paar vorbehalten, dem das Füllhorn der Gefühle neben Liebe auch Trennung bereithält.
Satz 3 thematisiert mit Trio und Solist jungenhafte Freundschaft und den Wettstreit um die beste Präsentation. Im finalen Satz erwarten die Männer ungeduldig stampfend den Auftritt der Frauen und vereinen sich nochmals in werbendem Spiel. Wie nach einem Match verabschieden sich die Geschlechter jedoch nach verschiedenen Seiten. Hochvirtuos hat Scholz sein Credo über die Unmöglichkeit dauerhafter Beziehungen angelegt. Den Tänzerinnen, wieder auf Spitze, und ihren Partnern verlangt die halbstündige Exkursion in die Welt der Emotionen eine Brillanz ab, der sich die erweiterte Cottbuser Kompanie souverän gewachsen zeigt. Greta Dato als echte Ballerina, Emily Downs, Stefan Kulhawec, Alexander Teutscher und der Berliner Ballettstudent Glauber Mendes Silva als Gäste überstrahlen ein bestens konditioniertes Ensemble.

Alle trumpfen sie nach der Pause in einer Choreografie von Nils Christe, einem der Protagonisten der holländischen Schule, auf. Auch „Sync“, zehn Jahre jünger als die Scholz-Werke, setzt Spitzentanz ein und unterlegt mal treibende, mal lyrische Musik des Italieners Ludovico Einaudi, die als Ballett in einer Oper entstand. Wieder geht es um die Geschlechter und ihre Suche nach einem Miteinander. Zentrales Requisit und Katalysator zum artistischen Abreagieren überschüssiger Energie ist ein im Hintergrund liegendes verstrebtes Gerüst. Was dem Choreografen in seinen vielen kurzen Sequenzen an kraftvollen, dabei wohlgeformten Attacken, Provokationen, Paarformationen einfällt, oft mit dem Rücken zum Betrachter, addiert dem neoklassischen Tanz etwa eines Scholz als tänzerische Bewegungsebene den Boden, erlöst die Körperteile aus jeder streng schulischen Form und eröffnet dem Tanz durch bizarre, ritualhafte Bilder eine fulminante Zukunft. Über einer Dauerfolge fällt der Vorhang, löst die Spannung des Publikums in frenetischen Jubel auf – und setzt Theaterleitung und Kulturpolitik unter Zugzwang.

Soll das Ballett des Staatstheaters Cottbus seine Strahlkraft weit über die Stadt hinaus behalten, ist die Besetzung mit nur acht permanent überbelasteten, hoch verletzungsgefährdeten Tänzern nicht mehr angängig. „Im Fluss der Zeit“ ist ein furioses Bekenntnis des Hauses zur Sparte Ballett. Dem müssen nun auch verändernde Taten folgen.

Veröffentlicht am 14.04.2016, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "„Im Fluss der Zeit“ vorwärts zu neuen Ufern"



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