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München

SCHÄTZE AUS DEM INTERNATIONALEN NETZWERK „LES NOUVEAUX REPÉRAGES“

“side.kicks”: “Adom Modulations” von Zufit Simon und “There We Have Been” von James Cousins im Schwere Reiter, München



Hier erkennt man, dass auch Tanz – wie Beziehungen – verdammt schwer sein kann, aber wenn beide gut laufen, gibt es nichts Besseres.


  • "There We Have Been" Foto © Benedict Johnson
  • "Valse en trois temps" Foto © Estelle Brugerolles
  • "There We Have Been" Foto © Benedict Johnson
  • "Adom Modulations" Foto © Udo Hesse

Menschliche Beziehungen sind verdammt anstrengend. Auch wenn wir eine Spezies sind, die die körperliche und seelische Nähe unserer Mitmenschen wesentlich und dringend braucht, ist die Gestaltung dieser Nähe trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – kein Leichtes. Sollte es noch tatsächlich irgendjemanden geben, der daran zweifelt, ist ein aufklärender Abend bei „side.kicks“ wärmstens zu empfehlen.

Das „side.kicks“-Programm umfasste drei Stücke, die im Schwere Reiter in München gastierten. Das Programm stammt von Tanztendenz im Rahmen des internationalen Netzwerks „Les Nouveaux Repérages“ und präsentierte eine der zwei KandidatInnen für das Festival „Le Grand Bain“ (früher: „Danse à Lille“) 2014 – die israelische Choreografin Zufit Simon. Die französischen Kompanie CFB 451 – Christian et François Ben Aïm – und der britische Choreograf James Cousins komplettierten den Spielplan. Die Aufführungen waren über zwei Tage verteilt: „Valse en trois temps“ von CFB 451 am 27.09. und „There We Have Been“ von Cousins am folgenden Tag; Simons „Adom Modulations“ spielte jedoch an beiden Abenden. Schade, dass es nicht alle drei an jedem der beiden Abenden als Triple-Bill zu sehen gaben. Vielleicht spielten zeit- oder terminbedingte Gründe eine Rolle, es wäre aber für das Publikum ein Gewinn gewesen.

Der zweite Abend fing mit dem zunächst zögerlichen blauen Licht des Simon-Stückes an. Zwei Körper, einer flach und schwer auf dem anderen lastend, kämpfen gegen eine offensichtlich hochpotenzierte Schwerkraft, winden sich und pulsieren. Man hat das Gefühl, Amöben unterm Mikroskop zu beobachten. Ihr ständiges, viskoses Auseinandergehen und Zusammenkommen erinnert bildhaft an Zellteilung. Überhaupt scheinen die Formen und Bewegungen des Stücks eine kurz gefasste Geschichte der Evolution zu demonstrieren.

Hier fungiert der Boden als eine Art dritter Partner in einem sehr taktilen ménage à trois. Die Tänzerinnen – Simon mit Ulrike Etzold – können sich von der Erde ebenso wenig wie von sich selbst lösen. Dass der Boden hier in jedem Sinn eine solch tragende Rolle spielt, weist darauf hin, dass er immer ein wichtiger, wenn auch stiller Tanzpartner ist. (Auch wenn er sich letztendlich doch nicht als Solist eignet.) Simons handfeste Körperlichkeit erinnert ein wenig an die physische Qualität der Choreografie ihres Landsmanns Hofesh Shechter, jedoch ohne seine explosive Energie. Stattdessen dringt durch das Werk eine menschliche Version der Kraft der starken Wechselwirkung. Diese enorme Anziehungskraft zu überwinden heißt aber auch sich selbst zu vernichten. Als schließlich eine eigenständige Stärke gefunden wird und beide Tänzerinnen frei und selbständig stehen, gehen sie in entgegengesetzte Richtungen ab, als ob sie sich schließlich wie ätherisches Öl aufgelöst hätten.

Wo „Adom Modulations“ eine Art Entwicklungsgeschichte erzählt, beschreibt „There We Have Been“ die Qualität einer Beziehung, das gequälte Dasein einer seelischen Hörigkeit. Das meisterhafte Stück vom jungen britischen Nachwuchschoreografen Cousins hat schon eine ausverkaufte Premiere am Sadlers Wells hinter sich. Die technische Brillanz des Stücks bestätigt seine Ernennung von Time Out-Magazin als „new face of contemporary dance“. Basierend auf dem Roman „Norwegian Wood“ vom japanischen Autor Haruki Murakami, fesselt diese Choreografie das Publikum mit der Darstellung einer Beziehung, die Not statt Liebe als Grundlage hat. Die Figuren im Murakamis Roman sind gezwungen zu erkennen, dass emotionale Abhängigkeit nicht dasselbe wie Liebe ist, und das lassen uns die gemarterten Tänzer Lisa Welham und Aaron Vickers keine Sekunde vergessen. Welham, die anfangs und am Ende der Choreografie im Äther zu schweben scheint, betritt buchstäblich nie den Boden. Vickers bildet hier ihre Erde, und noch mehr – er schwingt ihren immer wegstrebenden Körper um sich herum, und sie schleudert sich, besteigt und wickelt sich um ihn wie eine rasch wachsende Liane. Die anhaltende Düsterheit auf der Bühne zeigt auch, dass es nur sie und ihn auf ihrer gemeinsamen Erde gibt. Wenn es still ist, hört man die Tänzer vor Anstrengung keuchen.

Cousins ist es mit gewaltigen Bildern gelungen, das Fatale an dieser Beziehung zu entblößen: Einer quält den anderen, aber irgendwie sind sie sich lebenswichtig. Sie kann ohne ihn nicht stehen; er ist nach ihrer unstillbaren Bedürftigkeit süchtig, auch wenn sie ihm keines Blickes würdigt. Mit seinen nur 17 Minuten ist das Stück kurz und nachhaltig intensiv wie ein Ristretto. Und liefert einen ähnlichen Kick.

Beide Werke zeichnen sich zusätzlich durch eine gelungene Dramaturgie aus. Das Tempo erschlafft nie, und nichts ist überflüssig. Hier erkennt man, dass auch Tanz – wie Beziehungen – verdammt schwer sein kann, aber wenn beide gut laufen, gibt es nichts Besseres.

Veröffentlicht am 03.10.2013, von Christine Madden in Homepage, Kritiken 2013/2014

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