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Neustrelitz

MIT DER TRADITION IN DIE ZUKUNFT

Die Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz setzt mit „Folklore!“ ein Achtungszeichen



Wie man Folklore zeitgenössisch aufbereitet und damit auch noch gut ankommt, zeigt die Tanzkompanie Neustrelitz.


  • Entree; Mitglieder des Ensembles der Deutschen Tanzkompanie in "Folklore" Foto © Deutschen Tanzkompanie
  • Königskinder; Mitglieder des Ensembles der Deutschen Tanzkompanie Foto © Deutschen Tanzkompanie

Die Folklore hat in Deutschland keinen leichten Stand. Während etwa beim Festival TANZOLYMP alljährlich die Volkstanzensembles aus Russland umjubelt werden und zu den absoluten Höhepunkten zählen, wird man auf einen entsprechenden Beitrag aus unseren Gefilden vergeblich warten. Liegt es am eher bieder behäbigen Zuschnitt deutschen Volkstanzes, an seinem arg heimattümelnden Missbrauch durch die Nazis, an seinem prononcierten Einsatz in sozialistischen Zeiten? Man kann über die Gründe nur mutmaßen.

Trachtengruppen gebe es in jedem rheinischen Dorf: Mit diesem Argument löste der Berliner Senat kurz nach der Vereinigung das in Berlin beheimatete Staatliche Tanzensemble auf, die beste der drei professionellen Folkloretruppen der DDR. Umso höher ist der Einsatz all jener wertzuschätzen, die wenigstens dem Staatlichen Dorfensemble in Neustrelitz eine Zukunft eröffneten und es zur Deutschen Tanzkompanie umformten.

Zwei Jahrzehnte besteht die Gruppe mittlerweile, hat alle Finanzierungstiefs überstanden, kollaboriert mittlerweile mit der Theater-GmbH aus Neubrandenburg und Neustrelitz, das sein eigenes Ballett längst aufgelöst hatte, schrumpfte sich allerdings mit derzeit sechs Paaren auch auf weniger als die Hälfte ungesund. Und steht vor dem künstlerischen Balanceakt, Folklore zu pflegen, ohne den Bezug zur Gegenwartskunst zu verlieren.

Seit vor zwei Jahren Torsten Händler, Ballettchef in Zwickau-Plauen, zudem auch die künstlerische Leitung der Deutschen Tanzkompanie übernahm, hat er ihr ein eigenes Profil gegeben: Er tut das eine, ohne das andere zu lassen. Heißt, er arbeitet mit dem Schritt- und Formengut des Volkstanzes, platziert ihn jedoch in einem Umfeld von heute und im Dienst zeitgenössischer Themen. Zu welch eindrücklichen Ergebnissen das führt, bewies im Neustrelitzer Theater die jüngste Premiere, mit der das Team nun auf seine traditionelle Sommertour durch die Kaiserbäder gehen wird.

„Folklore!“ reiht rund 75 Minuten lang Miniaturen um menschliche Befindlichkeiten und nimmt die Tradition als Ausgangspunkt. Hinter den prächtigen Folklorekostümen älterer Produktionen, wie sie auf Kleiderpuppen über die Bühne fahren, lugen bald junge Tänzer hervor und verlassen so den Kokon der Vergangenheit. Jene aufwändig applizierten Dirndl als Teil der Ensemblegeschichte sind gleichsam die Kulisse, in die die Paare nach ihrem Tanz wieder entschwinden.

Mit einem musikalischen Streifzug von Balkan über Bayern bis Walzer beginnt der Abend. Beim Flirt eines Narren mit vier amüsierten Damen klingeln seine Schellen; „Leidenschaft“ zeigt orientalisierend die vergeblichen Mühen von vier Burschen um trickreich sich entziehende Frauen; „Boarisch“ nimmt humorvoll bajuwarisch männliche Selbstgefälligkeit in den unvermeidlichen Krachledernen aufs Korn, mit Schuhplattlern, zu Alphornklang, dem Zither-Welthit aus dem Film „Der dritte Mann“.

Was Händlers Stärke ist, den Reichtum der menschlichen Seele in tänzerische Form zu gießen, bescherte dem Abend Höhepunkte. So berührte im Triptychon „Spiel/Erfahrung/Vertrautheit“ der emotionale Bogen vom Aufkeimen der Liebe zwischen einem Schüchternen und seiner beherzt schubsenden Auserwählten über neue Wahlverwandtschaften unter zwei Paaren bis zu den widerstreitenden Gefühlen im Leben einer gestandenen Bindung. All dies mit Folkloreeinsprengseln im zeitgemäßen Bewegungskanon, in der erfindungsreichen dritten Miniatur zur melancholischen Musik von „Greensleaves“.

Was man sich zu einem Volkslied wie „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ an jazziger Rivalität zweier Burschen um ein Mädchen einfallen lassen kann, stellte ein weiteres Mal die tänzerischen wie auch darstellerischen Qualitäten von Emanuel Schonkalla und Philipp Repmann unter Beweis.

Dass nach wie vor die Folklore ihren Platz im Repertoire der Tanzkompanie behält, dafür sorgen fünf Beiträge von Kirsten Hocke, dem langjährigen Ensemblemitglied. Wirkte „Schüddel de Büx“ mit seinen originalen Formen wie ein Fremdkörper in dem jedem Folklore-Frohsinn abholden Händlerschen Bewegungskosmos, so gelang Hocke mit „Halling“ nach einem norwegischen Volkstanz ein echter Wurf: Repman hat dazu mit bravouröser Akrobatik den Hut zu erhaschen, den ihm seine Partnerin Lenka Liebling immer raffinierter entgegenhält und ihn so zu stets komplizierteren Sprungtricks provoziert, bis zu bodenständigen Anleihen beim HipHop.

In der besten Tradition der großen Folklorebilder aus DDR-Zeiten findet sich ihre „Erntezeit“: Liebe nach getaner Feldarbeit mit der Sense, in wirbelnden Formen und originell heutiger Umsetzung. Dass „Folklore!“ bei allen stilistischen Unterschieden so sehr geschlossen wirkt, verdankt sich ebenso Sieghart Schuberts durchlaufend komponierten Arrangements in ihrem modernen Klangbild wie dem hohen Standard der Deutschen Tanzkompanie. Wenn Torsten Händler mit dieser Spielzeit seine Funktion als künstlerischer Leiter niederlegt, wird es für das Ensemble essenziell, wieder eine Führungspersönlichkeit von ähnlichem Format zu gewinnen, will sie nicht rasch hinter das Erreichte zurückfallen.

Wieder 31.5., Schauspielhaus Neubrandenburg

Veröffentlicht am 08.05.2013, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2012/2013, Tanz im Text

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Kommentare zu "Mit der Tradition in die Zukunft"



    • Kommentar am 30.10.2013 14:31 von DancerRevolution
      Ein Paar schlendert auf die Bühne, hakt sich ein, lächelt sich an, setzt vorsichtig einen Fuß vor den anderen - es geht noch: Als die Musik einsetzt, drehen sich Mann und Frau im Takt. Vorsichtig, damit der Ischiasnerv nicht schmerzt, schwingen sie um einander. Der lange Faltenrock hebt ein wenig vom Boden ab. Das ist ein hübsches Bild für die Empfindung der beiden. Sie genießen die körperliche Nähe, der Tanz verjüngt sie, denn sie leben in fortgeschrittenem Alter. Es könnte der Tanz ihrer Diamantenen Hochzeit sein.



      Falsche Richtung?



      „Hochzeiter“ hieß diese kurze Episode, die die Deutsche Tanzkompanie in ihr angekündigte Programm eingeschoben hatte. Liebenswert drehten Birgit Ramin und Dorin Moscalciuc diese Runden im Stil von Volkstanz und Pantomime. Etliche Tänzer waren erkrankt. Daher änderte die Gruppe ihr Leverkusener Gastspiel, zu dem Kultur-Stadt-Lev eingeladen hatte.



      Die Hochzeiter spiegelten den künstlerischen Stand des Ensembles aus Neustrelitz: Es steht mit einem Bein in der Tradition der alten Tänze aus dem Volk, und mit dem anderen in der Moderne - ein Balanceakt. Das Ziel ist klar umrissen: die Wurzeln zu erhalten und mit neuen Ansätzen zu veredeln. Doch es scheint, als wiesen manche Wege dorthin in die falsche Richtung. Was in der „Ballhaus“-Geschichte gelingt, scheitert in „Carmina Burana“. Hier fröhliche Aufarbeitung der verschiedenen Gesellschaftstänze aus dem 20. Jahrhundert, dort krude Mittelaltervorstellung von Schwarzer Messe bis zum Erwachen heiterer Gefühle zu Beginn der Geschlechtsreife.



      An den Tänzerinnen und Tänzern lag es nicht, dass der erste Programmteil insgesamt mehr überzeugte als der zweite. Thomas Händler, der das „Ballhaus“ entwarf, setzt auf die charakteristischen Merkmal von Cha-Cha-Cha und Rock'n'Roll. Das hatte was.



      Die künstlerische Leiterin Eva Brehme-Solacu schöpft dagegen aus dem Vokabular des Ausdruckstanzes. Das ist für ein Tanztheater im heutigen Sinn zu wenig, auch wenn es sich, wie die Deutsche Tanzkompanie, aus anderen Quellen speist. Quellen, die den „Hochzeitern“ zur liebenswert-sprudelnden Frische verhelfen. Doch die Spannkraft der „Carmina“ basiert vor allem auf der Musik von Carl Orff. Das tänzerische Rankwerk von Ringelreihen, die Hände zum Himmel und ein bisschen Verruchtheit entspricht dagegen kaum der archaischen Wucht des Klangs. Da helfen aufgesetzte Busen und Liebesakte mit Wackelskeletten nicht weiter.



      Bleibt die Frage, was die Deutsche Tanzkompanie zukünftig wirklich sein will: eine Compagnie mit hohem künstlerischen Anspruch oder eine Gruppe, die Tanz weichzeichnet.

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