KRITIKEN 2011/2012



Magdeburg

TANZGLÜCK IN MAGDEBURG

Tanzbegegnungen im Schauspielhaus begeistern das Publikum


  • Auszüge aus "Ausnahmezustand" Jake Burden, Viacheslav Tyutyukin Foto © Andreas Lander
  • Auszüge aus "Ausnahmezustand" Jake Burden, Emma Hanley Jones Foto © Andreas Lander
  • Auszüge aus "Ausnahmezustand" Pavel Kuzmin, Laura Acosta Cruz Foto © Andreas Lander

Gerade noch in der Hauptstadt gefeiert, Horst Koeglers 85. Geburtstag, dazu klassische Kostproben vom begabten Nachwuchs der Staatlichen Ballettschule Berlin, geht es am nächsten Tag nach Magdeburg. Hier hält Ballettdirektor Gonzalo Galguera die klassischen Tugenden in Ehren, hat aber mit der Reihe „Tanzbegegnungen“ ein Format geschaffen, das es möglich macht, einmal die klassischen Formen auf ihre zeitgemäße Gültigkeit im Kontext neuerer Choreografien zu prüfen und zum anderen den bewegten Dialog zu führen mit Choreografien, die sich neueren Richtungen des Tanzes verpflichtet fühlen, ohne jedoch die notwendigen Grundlagen technischer Ansprüche zu leugnen.

„Tanzbegegnungen“ heißt die Reihe im Magdeburger Schauspielhaus, die zweite Vorstellung der neuesten Ausgabe ist ausverkauft und auch für die folgenden Aufführungen sind die Karten schon sehr knapp. Die Stimmung ist gut, das Publikum liebt ganz offensichtlich das Ballett, hat Tänzerinnen und Tänzer ins Herz geschlossen und so gibt es Beifall wie man ihn sich anderenorts manchmal wenigstens an Premierenabenden wünschen würde.

Für „Dancing in the City“ – so der Titel des neuen Abends hat Gonzalo Galguera den in Leipzig lebenden Choreografen Paul Julius eingeladen mit der Magdeburger Kompanie eine Uraufführung zu kreieren. Der Chef selbst steuert mit vier Teilen Auszüge seiner Dessauer Kreation „Ausnahmezustand“ bei, die neue Arbeit von Paul Julius heißt „Fragments“, beide widmen sich auf assoziative, poetische Weise dem weiten Feld menschlicher Beziehungen. Bezieht sich Julius in seinen Varianten auf einen städtischen Kontext, der musikalisch grundiert ist, szenisch angedeutet wird, so ließ sich Gonzalo Galguera von philosophischen Texten der Spanierin María Zambrano anregen, in denen sie etwas von ihrem Wissen über die Seele mitteilt.
Beseelt, wenn auch auf unterschiedliche Art, sind beide Arbeiten, an Poesie mangelt es ebenfalls nicht, die tänzerischen Herausforderungen haben es in sich. Galguera wählt Musik von John Adams, Philip Glass und Arvo Pärt. Besonders zur Sonate für Violoncello und Klavier von Pärt gelingt in der Szene „So nah“ eine Verschmelzung zweier Paare, die parallel je einen besonders innig gestalteten Pas de deux tanzen, aber immer abwechselnd im Lichtkreis erscheinen. Höchste Konzentration im Saal, athletische Körperpoesie auf der Bühne, stürmischer Applaus für Andreas Loos, Veronika Zemlyakova, Pavel Kuzmin und Acosta Cruz . Ansonsten, vor schwarzem Hintergrund, bei dem ein Spalt mit Himmelslicht Weite und Sehnsucht suggeriert, die große Gruppe in verschiedenen Konstellationen, streng klassisch grundiert, exakter Spitzentanz der Damen, dem Raum geschuldete gezügelte Vehemenz der Herren.

Zeigen hier die Tänzerinnen und Tänzer welches Potenzial in der immer wieder neuen Zuordnung klassischer Elemente verborgen ist, so lässt sie Paul Julius fast durchgängig von der Spitze aus die Sohle kommen, ja er führt sogar immer wieder Passagen ein, die so etwas wie neutrale Haltungen der Körper fordern, den Tänzer „aus der Rolle“ treten lassen, um gehend den Raum zu erkunden und denselben neu zu betreten um in einer neuen Folge von Varianten Facetten der Beziehungen zu erkunden.

Dazu wählt er Musik, die stark atmosphärisch wie ein Sound, gemischt mit Geräuschen einer Stadt, die Szenen untermalt und Rhythmen eher indirekt vorgibt, so dass der Eindruck entsteht, die Tänzerinnen und Tänzer folgten individuellen Klängen ihrer Gefühle oder temporären Wahrnehmungen. Szenisch entsprechen dem einige starke Bilder, die Menschen wie Silhouetten im Gegenlicht vor himmelsblauem Hintergrund erscheinen lassen. Daseinsformen von Paaren bestimmen den Tanz, dabei kann keine der Varianten für sich in Anspruch nehmen die einzig gültige zu sein, die Vision wäre der Zusammenklang, der Ausgleich von Individualität und Harmonie in der Beziehung, was aber bewusst als Ideal gezeigt wird, bei einem Paar nur, welches auch am stärksten dem klassischen Kanon verpflichtet ist. Gemäß dem Titel „Fragments“ spielt Julius in kurzen Pas de deux unterschiedliche Beziehungsformen durch und baut die stärkste Spannung da auf, wo Trieb und Aggression in die Momente größter Nähe führen. Jake Burden und Frieda Mennen können das mit bestechender körperlicher Präsenz vermitteln. Von besonderer Intensität sind die Soli von Emma Hanley Jones mit ihren gänzlich unaufgeregten einsamen Szenen, die dann sogar in eine Variante schmerzhaft empfundener Einsamkeit führen, gänzlich in der Stille, ohne Musik, ohne Sound, der Atem nur ist es, der diese berührende Szene besingt. Verlust, Tod und Versagen werden nicht ausgespart, ein dunkles Stück allein aber ist es nicht, es bleibt die Kraft der menschlichen Empfindung, eine Hälfte zu sein, und die andere zu suchen. Ein solches Thema kann der Tanz umspielen, das Publikum in Magdeburg spielt sehr gern mit und bejubelt den ganzen Abend bis der eiserne Vorhang fällt.

Veröffentlicht am 25.03.2012, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2011/2012

Dieser Artikel wurde 6229 mal angesehen.



Kommentare zu "Tanzglück in Magdeburg"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    EINE MILLIARDE EURO FÜR "NEUSTART KULTUR"

    Die Bunderegierung legt im Zuge der Corona-Krise ein Förderprogramm für die Kultur vor
    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


    MIT DEM RÜCKEN ERZÄHLEN

    Michael Molnár ist gestorben
    Veröffentlicht am 23.06.2020, von Hartmut Regitz


    ANZEIGE ERSTATTET

    Die nächste Runde in der Causa Staatliche Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 17.06.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ARTORT 020 „GEISTERSPIELE - FEST DER KÜNSTE“

    Das beliebte Heidelberger Kunstereignis im öffentlichen Raum findet statt - mit Publikum und mit variiertem Konzept!

    ARTORT 020 „Geisterspiele - Fest der Künste“ findet an acht Abenden von 9. bis 12. Juli und 16. bis 19. Juli ab 20.30 auf dem Festgelände Heidelberger Airfield in Kirchheim/Pfaffengrund statt. Pro Vorstellung sind voraussichtlich 99 Personen zugelassen.

    Veröffentlicht am 16.06.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    EINE WARMHERZIGE UND STARKE FRAU

    Marlis Alt ist am 19. Juni verstorben

    Veröffentlicht am 29.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    DIE PREISTRÄGER*INNEN STEHEN FEST

    Preisvergabe beim 24. Internationalen Solo-Tanz-Theater Festival Stuttgart 2020

    Veröffentlicht am 29.06.2020, von Pressetext


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    DANCE!

    Lucinda Childs wird 80 und wirkt heute noch radikal und neu

    Veröffentlicht am 25.06.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP