KRITIKEN 2010/2011



Berlin

EINVERLEIBT, VERBISSEN, VERWACHSEN

”is maybe” von und mit Angela Schubot und Jared Gradinger im HAU 1


  • "is maybe” mit Jared Gradinger und Angela Schubot Foto © Dieter Hartwig
  • "is maybe” mit Jared Gradinger und Angela Schubot Foto © Dieter Hartwig
  • "is maybe” mit Jared Gradinger und Angela Schubot Foto © Dieter Hartwig
  • "is maybe” mit Jared Gradinger und Angela Schubot Foto © Dieter Hartwig

Man muss nicht unbedingt Platon bemühen, um das Wesen der Liebe zu ergründen und den Drang nach Vereinigung. Aber Angela Schubot und Jared Gradinger meinen letztlich dasselbe, wenn sie im Zusammenhang mit ihrer neuesten Arbeit von der “Entgrenzung des Körpers” sprechen und vom Versuch, im “bedingungslosen Miteinander” der “eigenen Identität zu entkommen”. Ein Versuch, der zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist. Aller verzweifelten Anstrengung zum Trotz werden auch Angela Schubot und Jared Gradinger nicht eins. Es bleibt (wie schon in Platons “Symposion” ausdiskutiert) ein hoffnungsloses Unterfangen. Und so endet “is maybe”, wie die Performance gut eine Stunde zuvor begann: mit den beiden Künstlern, die sich gegenüberstehen.

Die Stunde hat es allerdings in sich. Mit wachsender Spannung beobachtet man, wie sich die zwei einander nähern: erst ganz vorsichtig, wie in Slow-Motion. Dann immer heftiger, ja brutaler in dem Bemühen, das Ich des Gegners auszulöschen. Ein Kinnhaken (angedeutet natürlich) gibt den anderen, und eh man sich’s versieht, entwickelt sich aus der schlagenden Verbindung ein choreografisches Catch-as-catch-can, das Runde um Runde an Dramatik und Direktheit gewinnt. Umringt übrigens von einer Zuschauerschar, die das Geschehen hautnah mitverfolgt, während sich im Hebbeltheater die Bühne lange Zeit immer schneller um die eigene Achse dreht.

Wie schon in ihrem ersten Kooperations-Projekt “What they are instead of” vor zwei Jahren lassen die Mitbegründerin von Two Fish und der Mitbegründer von Constanza Macras/Dorky Park nichts unversucht, gegenseitig ihre Grenzen auszutesten. Der Griff ins Gesicht des anderen kommt da nicht von ungefähr, und der Körperkontakt verstärkt sich im weiteren Verlauf in einem Maße, dass man tatsächlich den Eindruck haben kann, dass der eine sich die andere einverleibt. Ja, Jared Gradinger verbeißt sich einmal geradezu in Angela Schubot und kommt von ihr nicht mehr so leicht los. Zwischendurch erstarren die beiden aber auch in skulpturalen Posen, die jenen ähneln, die der US-amerikanische Street-Artist Mark Jenkins aus durchsichtigen Klebebändern hergestellt hat. Wie Versuchsballons schweben seine “Tape Sculptures” entweder über der Bühne oder hocken am Boden: miteinander verwachsene, kopflose Kreaturen, die so etwas wie beider Wunschvorstellungen verkörpern.

Das alles ist fast ein wenig zu schön anzuschauen im eiskalten Lichtdesign von Andreas Harder. Auch der elektronische Sound von Johannes Malfatti gibt dem “Liebesakt” etwas Theaterhaftes, das dem existenziellen Thema eigentlich widerspricht. Nicht zufällig geht einem das Stück erst dann so richtig unter die Haut, wenn die Drehbühne wieder zum Stillstand kommt und die dumpf orgelnde Musik erstirbt. Der Rest des Abends ist nicht etwa Schweigen, sondern ein letzter gemeinsamer Atemzug. Doch selbst die Mund-zu-Mund-Beatmung, der Kuss: sie täuschen nicht darüber hinweg, dass die Körper nicht wirklich ineinander implodieren. Doch wie schon Platon sagt: die Sehnsucht bleibt. Das, was wir Liebe nennen.

[vgwort]c583db096754b0a84d3f06c4bcfe32[/vgwort] www.jaredgradinger.com www.hebbel-am-ufer.de

Veröffentlicht am 19.06.2011, von Hartmut Regitz in Kritiken 2010/2011

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Kommentare zu "Einverleibt, verbissen, verwachsen"



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