SECHS FRAGEN AN DIE TANZLEHRER, DIE UNS BEWEGEN



Köln

GISELA PETERS-ROHSE

Kreativer Kindertanz


  • Gisela Peters-Rohse und Tanzschüler Foto © Patricia Kapp
  • Gisela Peters-Rohse und Tanzschüler Foto © Patricia Kapp
  • Gisela Peters-Rohse Foto © Patricia Kapp
  • Gisela Peters-Rohse und Tanzschüler Foto © Patricia Kapp

Es gibt kaum einen Tanzpädagogen in Deutschland, der nicht mit Gisela Peters-Rohse gearbeitet hat! Sie unterrichtet jetzt auf der ganze Welt: Indonesien, Philippinen, Russland, China usw. Ich habe mich gefreut, endlich ihren Unterricht zu sehen, ich kannte sie bei der Arbeit noch nicht. Die ersten Übungen sind konzipiert, um die Kinder spielerisch dazu zu führen, dass sie die Musik hören und den Rhythmus finden. Danach gehen die Kinder zur Stange und es wird eine Mischung von klassischen Stangenübungen mit expressiven Ports de bras geübt. Zurück in der Mitte wird mit allen Sinne improvisierend gearbeitet, und der ganzen Körper kann hören, fühlen, sehen … Sie hat noch unglaublich viel Energie, verlangt sehr viel, spricht eine Bildersprache, aber keine Babysprache. Sie erzählte mir, dass sie ihren Pädagogikstudenten verbietet, von „Füßchen“ zu sprechen, sondern sie müssen einen Fuß Fuß nennen! Die Kinder brauchen ein bisschen Zeit, um los zu lassen und sich nicht immer an die anderen anzupassen. Frau Peters hat Geduld und langsam kommen die Kinder in ihrer eigenen Fantasiewelt! Und als sie sie auffordert, sich „innerlich zu schminken“, da sprechen die Gesichter mit.

Ich habe Ihr meine sechs Fragen gestellt:

Wie und wann sind Sie zum Unterrichten gekommen?

Zum ersten Mal tat ich dies schon mit etwa sechs Jahren: Ich war schon eingeschult worden in die Dorfschule eines kleinen Ortes in Norddeutschland. Über Nacht waren die großen Flüchtlingstrecks aus Ostpreußen angelangt – und mit ihnen auch eine Ballettlehrerin, die in der Schule mit uns Kindern etwas „Wunderschönes“ machte. Vom Tanz hatte ich noch nie gehört, war aber restlos begeistert von diesem ganz Neuen. Auch bei uns zu Hause waren sämtliche Schulräume (mein Vater leitete eine Berufsschule) inzwischen von mehreren geflüchteten Familien bewohnt, zu denen etwa fünfzehn Kinder gehörten. Noch gingen diese Kinder nicht in die Schule – und so vermittelte ich ihnen das, was ich gerade in meiner Schule erfahren hatte. Ich sang und tanzte und versuchte, meine Begeisterung zu übertragen.
Erst, als mein Vater in die Stadt versetzt wurde, erfuhr ich wirklich und nun durchaus bewusst, was Tanz mir bedeutete. Ich lernte und lernte, holte mir daraus Kreft für alle anderen Anforderungen des Lebens. Die Berufsidee, Tänzerin zu werden, verfestigte sich, auch schon der Wunsch, eines Tages zu lehren. Selbst in meinem ersten Engagement am Theater bekam ich schon gleich den Auftrag des Ballettmeisters, am Nachmittag die Kinderklasse im Haus zu unterrichten. Endgültig machte ich die tanzpädagogische Ausbildung nach meinen Theaterengagements.

Welche Meister haben Sie nicht vergessen? Und warum?

Lola Rogge gehört zu diesen Personen, den sie forderte mich heraus (zumindest verstand ich so ihre Kritik oder ihr Lob), zu dem zu stehen, was ich herausgefunden und weiterentwickelt hatte. Lola Rogge zwang nicht junge Menschen doktrinär, zu Epigonen zu werden, sondern lehrte zu lernen und die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Einen zweiten Meister entdeckte ich in Gustaf Gründgens, bei dem ich mehrere Jahre lang im Hamburger Schauspielhaus zu tun hatte. Ich erfuhr etwas über die Achtung vor dem Werk, über Demut und Genauigkeit, über Eigenkritik und äußersten Einsatz.

Sind Sie der Meinung, dass man das Lehren lernen kann? Wenn ja, wie sollte Ihrer Meinung nach so eine Ausbildung aussehen?

Um lehren zu können, sind unbedingt Empathie und analytische Fähigkeit Voraussetzung. Der Lehrende sollte immer den Schüler als ganzen Menschen, als Persönlichkeit sehen. Fachmethodik Didaktik sollten selbstverständlich sein – und möglichst auch ein breiteres Wissen vom gesamten Kanon des Tanzes, selbst wenn man nur ein Teil dessen unterrichtet. Ein Lehrgang sollte eine ausgewogene Mischung von Theorie und Praxis sein, wo immer der Mensch mit seinem Körper, seiner Seele und seinem Geist im Vordergrund steht.

Muss für Sie ein Lehrer professionell getanzt haben?

Das halte ich für unbedingt notwendig – und möchte es auch selbst nicht missen.

Was ist für Sie das Wichtigste zum erfolgreichen Unterricht?

Dass es mir gelingt, auf der einen Seite den inneren Jubel zu erzeugen und auf der anderen Seite den Schülern durch jeweils individuelle Korrekturen den Weg zu bereiten. Es sollen nicht schablonenartig gezüchtete Ausführende, sondern lauter Individuen sich entwickeln, die sehr wohl auch in der Lage sind, vorgegebenen Anforderungen zu genügen. Die Lernenden sollen neugierig bleiben und immer selbständiger in der Arbeit werden. Der Weg darf nicht ausschließlich auf Motorik beschränkt werde, sondern soll immer auch Futter für den Geist beinhalten. Immer sollen die Schüler die Gewissheit haben, dass ich als Lehrer an ihnen interessiert bleibe.

Welche Korrekturen sollen Ihre Schüler nicht vergessen?

Da ist in erster Linie die Körperlichkeit. Ein Schüler sollte seine Bewegungen nicht ausschließlich von außen sehen, sondern sie von innen her entwickeln und dann körperlich gestalten mit dem ihm technisch zur Verfügung stehenden Material. Und die Korrekturen der technischen Vorgänge betreffend sind es die von mir so genannten Aha-Erlebnisse, die beim Überwinden einer Hürde jeweils ganz individuell ausfallen. An sie erinnern sich Schüler ohnehin in den meisten Fällen.

Kurze Biografie
Gisela Rohse wurde 1938 in Stade geboren, dort ging sie bis zum Abitur auf die Ballettschule. 1958 begann sie ihre tänzerische Berufsausbildung bei Lola Rogge in Hamburg, 1961 wurde sie ans Theater Koblenz engagiert, danach tanzte sie in Flensburg und Osnabrück. 1963 begann sie eine tanzpädagogische Ausbildung in Hamburg und arbeitete bis 1967 als Tanzpädagogin in der Lola-Rogge-Schule, gleichzeitig machte sie eine Fortbildung in Kopenhagen und lernte Bournonville-Technik bei Kirsten Ralov und Hans Brenaa, dann Jazztanz bei Matt Mattox, Folkloretanz in Budapest bei Vasarhely. 1967 heiratete sie den Tanzpädagogen und –kritiker Kurt Peters, den Gründer des Deutschen Tanzarchivs, und zog nach Köln, wo sie bis 1970 freischaffend und in ihrem eigenen Tanzstudio tätig war. Bis 1989 arbeitete sie als Dozentin an der Rheinischen Musikschule Köln, sie leitete die Abteilung Kinderballett und das Pädagogikseminars für Kindertanz. Von 1986 bis 2001 war sie Dozentin an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, sie unterrichtete Labans Raum- und Bewegungslehre, Improvisation, Folkloretanz, Pädagogik für Kindertanz.
Gisela Peters- Rohse hat viele Stücke für Kinder choreographiert und eine eigene Unterrichtskonzeption und Methodik entwickelt. Sie war und ist Gastdozentin in Antwerpen, Berlin, Bern, Bremen, Budapest, Den Haag, Dresden, Essen, Fortaleza, Frankfurt, Guayaquil, Hamburg, Jakarta, Köln, Leipzig, Luzern, Manila, Moskau, Paris, Peking, Remscheid, Saarbrücken, Singapur, St. Petersburg und Zürich.

Veröffentlicht am 23.02.2011, von Patricia Kapp in Sechs Fragen an die Tanzlehrer, die uns bewegen

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Kommentare zu "Gisela Peters-Rohse"



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