KRITIKEN 2009/2010



Berlin

ZERFASERNDE TANZAKTIONEN

Constanza Macras’ „Oedipus Rex“ im Hebbel am Ufer mangelt es an szenischer Fantasie


  • „Oedipus Rex“ Foto © Goetzmann/wrb
  • „Oedipus Rex“ Foto © Goetzmann/wrb
  • „Oedipus Rex“ Foto © Goetzmann/wrb

Bedrohlich schwebt es von Beginn an über der Szene im Hebbel am Ufer, das unwohnlich gewordene Mobiliar einer aus den Fugen geratenen Gemeinschaft, Stühle, Tische, Kommoden, Betten, bunte Luftballons, ein Spielzeuglamm, ein ungenutztes Festkleid. So stattet der Japaner Chiharu Shiota „Oedipus Rex“ in der Bühnenversion aus, die kürzlich am Festspielhaus Hellerau Premiere hatte. Uraufgeführt wurde Igor Strawinsky zweiaktiges Opern-Oratorium schon 1927 konzertant in Paris, szenisch dann 1928 in Wien und Berlin. Peter Sellars inszenierte es 1994 in Salzburg, mit Jessye Norman als Iokaste, Robert Wilson 1996 in Paris. Nun das Berlin-Gastspiel jener von Constanza Macras inszenierten und choreografierten Dresdner Version. Transparent hinter Gaze platziert sie das Orchester, die Junge Philharmonie Brandenburg unter Max Renne; zu beiden Seiten davon stehen die Herren des von Jörg Genslein einstudierten Dresdner Kammerchors, und dort bleiben sie auch. In Nebel und ohne Musik leitet Macras ihre Fassung ein: mit einem Solo der Sphinx voll innerer Aufruhr, stürzend, spreizend, mit Handstand, immenser Körperrenkung, Kampfsport. Das beeindruckt. Ein Mann stoppt sie, ein zweiter fängt an, die Geschichte zu berichten, vom Sphinx-Besieger Oedipus, Thebens neuem König, Gatten der Iokaste. Die Stadt von der Pest zu befreien schickt der König Kreon zum Delphischen Orakel.

Erotogymnastisch pflegen Oedipus und Iokaste die Liebe, er mit Rock, sie im roten Kleid und mit Pumps, er hebt sie reichlich durch Fassen in den Schritt. Im Husten, der den Chor und die eindrängenden Tänzer erfasst, liegt hier Thebens Übel. Wüste Hechtsprünge, wilde Überschläge, Stürze aus dem Hochsprung treiben die Tänzer zu gefährlichen Höchstleistungen. Als Thebens Chaos abebbt, setzt die Musik ein. Transporte und Zuwürfe von Körpern kennzeichnen die Situation in der Stadt, Oedipus hält auf dem Schoß eine Frau, die als seine Marionette den Text des Sängers mitplappert. Statisch agieren die Gesangsdarsteller, separat und schweißtreibend die Tänzer, die Szene splittert sich in akrobatische Einzelaktionen auf, wo das klammernde Bild nötig wäre. Modisch muss ein Nackter auftauchen, Teiresias unter der Sonnenbrille blinzeln, Oedipus mit den roten Pumps der Gattin-Mutter hantieren. Paare üben sich in Sexposen, Frauen heben Männer im Schritt, ihre durchgreifende Hand zum Penis formend, oder gebären Männer.

Freilich geht es in Sophokles’ literarischer Vorlage, und auf die bezieht sich Jean Cocteaus und Strawinskys Opernlibretto, auch um Sex, blutschänderischen zumal, mehr aber wohl doch um die tragische Verkettung göttergewollter Umstände. Macras lässt einzig physische Abreaktion zu, um der dramatischen Tektonik der Musik gegenzusteuern, wo das klare, erfinderische Tableau genügt hätte. Einmal nur kommt auch szenisch Dramatik auf: Wenn Oedipus und Iokaste sich um das Bett herum jagen, auf dem sich ihre Tänzer-Doubles mit Kreon, vielleicht auch als Vision Laios, in wirrem Taumel verlieren, Iokaste dann den besudelten Pfuhl reinigt. Vier Sprecher bietet Macras auf, einer davon ein jugendlicher HipHopper, der selbst im Einhandstandsprung noch erzählt, der letzte ein kleiner Junge. Bis dahin hat Oedipus anhand von Fotos seine Schuld erkannt, ist taschenlampenerhellt worden, muss die Stadt verlassen, zu plattem Bürgergeheul. In letzter Wut steigert sich wirbelnd der Tanz, ehe Oedipus hinter dem Spiegel der Kommode verschwindet, sich die Requisiten erquetschend auf den Boden senken. Wie zu erwarten war. Respekt den acht mutigen Tänzern.

Nochmals 15., 16.3., 19.30 Uhr, HAU 1, Stresemannstr. 29, Kreuzberg, Kartentelefon 25900427, Infos unter www.hebbel-am-ufer.de

Veröffentlicht am 15.03.2010, von Volkmar Draeger in Kritiken 2009/2010

Dieser Artikel wurde 2913 mal angesehen.



Kommentare zu "Zerfasernde Tanzaktionen"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

AKTUELLE NEWS


EINE MILLIARDE EURO FÜR "NEUSTART KULTUR"

Die Bunderegierung legt im Zuge der Corona-Krise ein Förderprogramm für die Kultur vor
Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


MIT DEM RÜCKEN ERZÄHLEN

Michael Molnár ist gestorben
Veröffentlicht am 23.06.2020, von Hartmut Regitz


ANZEIGE ERSTATTET

Die nächste Runde in der Causa Staatliche Ballettschule Berlin
Veröffentlicht am 17.06.2020, von tanznetz.de Redaktion



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



SAISONSTART IM AUGUST UND SEPTEMBER

Zwei Gala-Abende und eine Neuproduktion des Staatsballett Berlin auf den Berliner Opernbühnen

Das Staatsballett Berlin eröffnet die Saison 2020/21 zurück auf den Opernbühnen der Stadt mit den Gala-Abenden FROM BERLIN WITH LOVE (I + II) im August in der Deutschen Oper Berlin und im September in der Staatsoper Unter den Linden sowie der Neuproduktion LAB_WORKS COVID_19 in der Komischen Oper Berlin zu Anfang September 2020.

Veröffentlicht am 19.06.2020, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

MEISTGELESEN (30 TAGE)


SCHRITT FÜR SCHRITT

Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


ANZEIGE ERSTATTET

Die nächste Runde in der Causa Staatliche Ballettschule Berlin

Veröffentlicht am 17.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


HOMMAGE AN EIN GENIE

Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


GEKÜNDIGT

Ralf Stabel ist entlassen worden

Veröffentlicht am 07.06.2020, von tanznetz.de Redaktion



BEI UNS IM SHOP