„Ich kann’s nicht lassen!“ von und mit Queen Buckhype, Iman Gele, Baby Wave, Kofie DaVibe/Solomon „Big Liveness“ Quaynoo nach einem Konzept von Janne Gregor

Energie im Brustkorb

Nachwuchsautorinnen aus Düsseldorf, Köln, Mainz und München bloggen über das THINK BIG! Festival #11 in München

Das tanznetz-Blog-Team berichtet vom dritten Festivaltag. Hannah Emami, Lea Christine Miltz und Maren Nöding schreiben über das internationale Tanz-, Musiktheater- und Performance-Festival für junges Publikum.

München, 09/07/2026

12. Juli 2026

16:00 Uhr Workshop „What remains“

Eine Person streicht mir über den Rücken. Ich halte die Erinnerung an die Berührung fest und lasse sie in meinem Körper nachhallen. Als der Impuls endet, halte ich inne und verharre in meiner Position. Warte auf die nächste Berührung. Mein Tanz ist geprägt von dem, was bleibt. Das erfordert Offenheit mit allen Sinnen und die Durchlässigkeit, die Veränderungen im Körper zuzulassen.

Mein letzter Tag beim Think Big Festival beginnt mit einem Workshop über den Körper als Archiv, als einen Ort, der das Erlebte speichert, durch den es verändert wird und durch den es wiedergegeben werden kann. Geschickt führt Zoë Demoustier uns durch die Prinzipien ihrer intergenerationalen Praxis. Erzählt von vergangenen und laufenden Projekten und lässt uns verschiedene Aspekte ausprobieren, wie das Arbeiten mit Kurzzeiterinnerungen, Gegengewicht und der Fokus auf bestimmte Sinnne sowie Übungen aus der Pantomime.

Die Gruppe organisiert sich dabei immer wieder neu und stürzt sich mit Begeisterung auf die komplexer werdenden Aufgaben der belgischen Choreografin und Performerin. Bei der Arbeit mit Gewicht und Gegengewicht spielen wir „Der Boden ist Lava“ und helfen einander durch das große Studio, tragen einander, laufen, klettern übereinander. In einer anderen Übung halten wir imaginierte Hunde an der Leine. Sie ziehen uns hierhin und dorthin. Allmählich verschwinden Hund und Leine, aber die Bewegungsqualität, das Prinzip bleibt. Schließlich werden wir selbst Hunde, tanzende Hunde. „Who lets the dogs out?“ (HE)

 

11. Juli 2026

17:00 Uhr: YOYOYOYOOOOOOOO! bei „Ich kann’s nicht lassen!“

Die vier Krumptänzer*innen Queen Buckhype, Iman Gele, Baby Wave, Kofie DaVibe/Solomon „Big Liveness“ Quaynoo und Janne Gregor, Choreografin, Tanzvermittlerin und Performerin bringen das Stück „Ich kann’s nicht lassen“ auf die Bühne der Schauburg. Klar ist: Das Stück ist für alle und damit meinen sie auch wirklich ALLE! Die Tür geht auf und unsere Augen müssen sich erst einmal ans dunkle Licht gewöhnen. Was erwartet uns dort? Kein Zuschauerraum, nur Bühne. Und jetzt: zwei Stimmen, ein Dialog.

Lea: Maren! Warst du auch so begeistert vom Stück? Müssen wir lächeln, wenn wir uns traurig fühlen?

Maren: Lea! Mein Körperbeben von Musik und Tanz direkt weitergeführt. Pochendes Herz und verlorenes Handy. Eingeladen werden. Cornern, an jeder Ecke erzählt jemand seine Geschichte, bis man mitgenommen wird. Hip-Hop, Krump, Rap, Graffiti. Erst sind wir draußen und die fünf Tanzenden eine Gruppe. Und plötzlich sind wir gemeinsam, dynamisch vereint, ein großes Ganzes, das sich rhythmisch bewegt.

Lea: Krumptänzer Solomon sagt, dass sich Kinder einfach drauf stürzen, wenn sie etwas lieben. Dass sie leidenschaftlicher sind, freier. Bewegungen in Kreisen, Quadraten, Schlangenlinien: Alles das lädt ein, nicht nur mit den anderen, aber auch mit sich selbst in Dialog zu gehen. Warum macht mich das so glücklich?
Krump heißt: Eins sein. Zwei Menschen hypen sich. „Hey! Jo! Let's go!“, schreit die Queen im schwarzen Mantel. Die Kraft kommt aus den Unterarmen! Checkst du, was sie uns sagen wollen? Wo musst du sein, damit sich die Musik in deinem Körper ausbreiten darf?

Stille. 

Lea: Was ist nun? Antworte mal!

Maren: Ich sortiere noch den Abend. Da war eine krasse Sehnsucht spürbar. Dieses Erzählen von Geschichten aus dem eigenen Background, aber gleichzeitig etwas Gemeinsames schaffen. Wir waren erst Außenseiter*innen. Wir standen auf der anderen Seite und haben dadurch vielleicht einen Moment lang nachempfunden, wie es der Krump-Community lange Zeit ging. Die vier Performer*innen haben erst untereinander Kontakt aufgenommen und uns dann langsam gezeigt, wie alles funktioniert. Es war ein ständiges Austesten von Grenzen:  Wir wurden eingeladen mitzumachen, nur um kurz darauf wieder ausgeladen zu werden.
Diese Dynamik war extrem ehrlich und auch so einfach. Wie beim restlichen Festival sind es der Mensch und die zwischenmenschlichen Begegnungen,  die einen durch so eine Vorstellung tragen. Besonders der Ausflug in die Geschichte hat am Ende gezeigt: Jeder Mensch kann tanzen. Es geht um Rhythmus und Energie, die entsteht, wenn man sich darauf einlässt.

Lea: Plötzlich verstehe ich Kinder in Tanz-Workshops. Was ist, wenn sie die Bewegung von der anleitenden Person total öde finden und eine viel geladenere, energievollere und leidenschaftlichere Bewegung im Kopf haben? 
Endlich! Eine Frau spricht mit ihrem Körper! Endlich! Die Energie geht von ihrem Brustkorb aus, doch der gesamte Körper darf mitmachen. Sogar ihr mittellanges Haar darf mitwippen. Kurz habe ich mich gefühlt, wie sich die 5-Jährigen im Robinson-Club auf Mallorca fühlen müssen!
Und dann auf einmal Polonaise. Was hat das mit Krump zu tun??? Wie kommen wir jetzt von dieser schrägen Polonaise zu der Gruppe in der Bühnenmitte? In den Inner Circle? Da will ich sein! Mitmachen! Ich will das in der Brust spüren, was die spüren! Etwas, das im Outer Circle nur verhalten angekündigt, aber nicht ausgeführt wird. Die Energie kommt vom Brustkorb, aber wo fließt sie hin? 

Maren: Ich fand die Polonaise eigentlich ein extrem gutes, subtiles Mittel. Gerade für uns „deutsche Kartoffeln“ war das am Anfang voll die Komfortzone. Aber dann hat sich das so schleichend verändert, die Bewegungen wurden anders, und plötzlich waren wir alle eine Einheit. Obwohl wir gleich gestartet sind, gab es dann diese andere Gruppe neben uns, die völlig andere Sachen gemacht hat. In dem Moment sind die Grenzen total verschwommen: Anfang, Ende, Individuum oder Gruppe? Da hat man sich getraut, sich fallen zu lassen.
YOYOYOYOOOOOOOO!
Plötzlich steht da wieder eine einzelne Person im Fokus und krumpt, die anderen Performer*innen feuern an, jubeln, schreien. Wir waren wieder außen vor, „nur“ Publikum, aber gleichzeitig aufgefordert, mitzumachen und anzufeuern. Wir sind mittendrin, doch es fühlt sich so neu an. Man weiß gar nicht genau, was man tun soll. Was für die einen totaler Alltag ist, wirkt auf uns erst mal befremdlich.
Am Ende hat der Beat alles zusammengehalten. Die Musik war so laut am Dröhnen, dass die Kids sogar Ohrenschützer bekommen haben. Der Beat ist direkt in den Körper gegangen – Beat und Körper in einem Klang. Da hat es sich wirklich so angefühlt, als wäre alles eins.

Lea: YOYOYOYOOOOOOOO! Die Frage ist, wo sich jede Person wohl fühlt, wie Komfort entsteht. Kleine Gemeinschaften im Outer Circle zu kreieren, fühlt sich für die meisten erstmal sicher an. Sicherheit. Gemeinschaft. Ein gemeinsamer Beat.
Doch auch: Zentrum und Fokus. Im Spotlight stehen. Sich ins Spotlight wagen. Queen Buckhype, Iman Gele, Baby Wave, Kofie DaVibe/Solomon „Big Liveness“ Quaynoo zeigen, wie Partizipation gelebt werden kann und erzählen uns auch zum Abschluss noch, was sie bewegt und antreibt. Danke! 

(LCM, MN)


 

11. Juli 2026

11:00 Uhr: Kunst, Inklusion und Gemeinschaft: Workshop im Schauburg Labor

Manchmal führt ein kleiner Umweg genau dorthin, wo man eigentlich sein sollte. Das habe ich als Nicht-Münchnerin bei meinem Besuch im Schauburg Labor auf die harte Tour gelernt. An alle von außerhalb: Das Schauburg Labor in der Rosenheimerstraße 192 ist ein eigenständiger Standort und nicht identisch mit der Schauburg am Elisabethplatz. Seufz. 

Nachdem ich schließlich den richtigen Ort in einem umgebauten ehemaligen Heiz-Kraftwerk erreicht habe, steht eigentlich ein Songwriting- und Hip-Hop-Workshop auf dem Plan. Da ich nicht angemeldet war, zeigt sich sofort das Herzstück der dortigen Philosophie: echte Mitbestimmung. Anstatt mich einfach „reinzuschieben“, dürfen die Kinder entscheiden, ob sie eine fremde Person im Raum haben wollen oder nicht. Das Labor stellt die Bedürfnisse der Kinder und ihren geschützten Raum über den potenziellen Nutzen eines Blogbeitrags, was für mich ein beeindruckendes Zeichen für gelebte Partizipation ist.

In dieser Situation hätte ich mich leicht verloren fühlen können, doch hier kommt Asmir Šabić ins Spiel. Asmir ist im Schauburg Labor für das Community Building zuständig und kümmert sich während der Workshop-Zeit unglaublich nett um mich, zeigt mir die Räume und erklärt mir ganz genau, für welchen tieferen Zweck dieser Ort geschaffen wurde. Wir sind uns einig, dass Kunst und Kultur eigentlich für alle da sein sollten, dies in der Realität aber leider oft noch ein Problem darstellt. Viele Kinder und Jugendliche haben kaum Zugang zu solchen Angeboten, und das Labor fungiert hier als wichtiger „Dritter Ort“, ein Raum zwischen Zuhause und Schule, der genau diese Diskrepanz auffangen soll. Hier ist jede und jeder willkommen und das habe ich am eigenen Leib erfahren.

Eine zentrale Rolle während des Workshops spielt die Sängerin Kokonelle, die den Workshop leitet. Sie ist eine erfahrene Künstlerin, die es versteht, kreative Impulse zu setzen und gleichzeitig einen sicheren Raum für junge Stimmen zu schaffen. Kokonelle arbeitet mit den Kindern auf absoluter Augenhöhe, behandelt alle gleich und nimmt ihre Bedürfnisse extrem ernst. Sie agiert als schützende Person, gibt aber wertvolle Impulse, wenn die Kinder Hilfe dabei brauchen, ihre Befindlichkeiten zu äußern. 

Am Ende zur Vorstellung der Texte gibt es Gänsehaut pur. Die Kinder rappen vor ihren Eltern – die jetzt auch wieder rein dürfen – über Themen, die sie tief bewegen. Texte über Freundinnen und Freunde, die wie eine eigene Familie sind, sowie die brennende Frage, in was für einer Welt wir eigentlich leben und wo in all dem Chaos der Frieden bleibt. Sie setzen sich in ihren Reimen damit auseinander, wer sie eigentlich sind und wer sie in Zukunft sein wollen.

Dieser Workshop zeigt eines ganz deutlich: Wenn man Kindern Respekt und Vertrauen schenkt und sie als Gleichberechtigte behandelt, kommt etwas Poetisches, Authentisches und Ehrliches heraus und das innerhalb von nur zwei Stunden. Ich bin nachhaltig begeistert von diesem Ort und den Menschen, die dort so viel leisten, um echte Chancengleichheit in der Kunst zu schaffen. (MN)

10:00 Uhr: Partizipations-Workshop für alle: Why we need a gigantic transparent aquarium in the middle of a school

Micaela Kühn Jara is welcoming us in our known cultural and community center in LUISE Kulturzentrum. Known and unknown faces. Mood of the day: mixed. A mix of modalities. 

In “Partizipation als künstlerische Praxis“ she invites us to acknowledge how much we’ve been intertwined with the festival so far. Who’s here for the first day? Who’s already spending the fourth day at Think Big Festival? And why do we need a gigantic transparent aquarium in the middle of each school?

Micaela Kühn Jara is based in Denmark and works at the intersection of dance and education, with a particular interest in participation and young audiences. With a background as a dancer, her work today spans production, education, concept development, and research. What is the difference between the classical dance, teaching art and her study focus dance and participation: more openness.

 Touching fingers. Leading. Following. Topics that have been a huge part for her during the past half year working as a dance teaching artist. New territory for me, yet unsurprisingly familiar. Dance. Community. Trust. The ever recurring question: Who is leading whom? Who’s following whom? Surprisingly that’s not always clear.

Things that are unclear demand for a little visual aid. Micaela wants people to wear glasses that put relationship in the center of attention when it comes to dance teaching art. She imagines something bigger than just the label of participation. Her work is guided by questions such as: Who is here? What is the context? What do we need?

 We need a concept that allows conversation to happen. New conversations ABOUT participation. We need invitations and invitations are here. Everywhere! 

 “Hey! Welcome weird artists! This is my chair! What are you doing with it?” She describes artists, who often enter schools as outsiders, through the notion of “invasive hospitality”. Does an artist really want to take on the workload of doing the hard work of entering a school to teach something completely new? School usually acts within the binary structures of yes and no, of right and wrong. We can give a space of choices of movements that gradually evolves into a spectrum of possibilities, exiting the binary code. 

 “Fresh topic!” We need advocates in the schools who can mediate between the fields. Teaching dance is about so much more than just getting kids active and moving. It’s about the artistic process. Is it a domino effect, one school after another, day by day? Wishful thinking!

Perhaps, we could win schools over with the space of a doughnut? In Colombia, a doughnut stands for good connections, building relationships. The bigger the dough the bigger the space within. How does it feel to sit inside a doughnut? “Posto” offers a first impression. While watching the piece, I described the sense of community as a cluster of people. During the workshop again an incredibly familiar cluster begins to form. Nevertheless, neither a performance nor a workshop should ever be completely controlled, says Micaela. A crucial point here as well: Focus on the process! Challenge! Each other! Me! Then you! Me again… The important question is not what we think, but how we respond.

The more space the doughnut leaves at its centre, the more it opens itself to exploration and inspiration. A transparent aquarium in the midst of each school would be a good starting point. Behind glass, but still centred on participation and process. Micaela describes children being part of a creation process but from afar. Eyes meet across the boundary. A contained space that nevertheless leaves room for connection.

I wish everyone a wonderful final performance of “Posto”. It will be exciting to see what you enter into dialogue about this time. Did you leave enough space for participation? Or, in the end, were people merely allowed to briefly touch the oversized balls?

Now off to “Ich kann’s nicht lassen!” (LCM)


 

10. Juli 2027

18:15: „Boxed“ von Wired Studio

Einen Tag vorher

Ich sitze mit einigen anderen auf einem Podest am Elisabethplatz und beobachte eine Gruppe Menschen mit Kopfhörern dabei, wie sie Holzkisten durch die Gegend tragen. Plötzlich bleiben sie alle gleichzeitig stehen. Die Geräusche der Stadt rauschen unbeeindruckt weiter. Dann schauen sie zuerst nach oben, nach unten und setzen dann ihre Kiste auf den Boden. Das Ganze wirkt koordiniert, obwohl scheinbar keine Absprache zwischen den Personen stattfindet. Was geht da vor sich? Was ist so besonders an diesen Kisten?

Jetzt

Ich stehe mit einigen anderen auf einer Wiese am Elisabethplatz. Ich trage jetzt selbst einen Kopfhörer und eine Holzkiste durch die Gegend. Eine Stimme sagt: „Stop.“ Ich bleibe stehen. Atmosphärische Musik überdeckt die Geräusche der Stadt. Die Stimme fordert mich auf, nach oben zu sehen, dann nach unten, dann die Kiste vorsichtig abzusetzen. Ich bin mit den anderen Teilnehmer*innen über diese Stimme verbunden. Über unsere geteilte Erfahrung. Über die Kisten, die unsere Aufmerksamkeit bündeln.

„Eine lebendige Skulptur im öffentlichen Raum“, verspricht das Programmheft. Okay, so mag es von außen aussehen. Aber für die Teilnehmer*innen wird es schnell zu einem Aushandeln von Gruppendynamiken und Prozessen von Co-Creation. Der Einsatz der Holzwürfel als Fokuspunkt ist dabei so simpel wie genial: Sie sind schlicht, einfach zu händeln und gleichzeitig vielseitig einsetzbar. Sie fordern geradezu heraus, mit ihnen in Interaktion zu treten. „Dürfen wir die anfassen?“, fragen mich zwei Kinder, die die Vorstellung beobachtet haben.

Wie verändert aktive Teilhabe unsere Wahrnehmung einer Situation? Wie kann das Dazugehören einer scheinbar absurden Handlung Bedeutung verleihen? Was machen Ein- und Ausschluss mit unserer Perspektive?

Ich beobachte die scheinbar kontextlosen Bewegungsmuster der Gruppe – Ich bin Teil eines lebendigen Organismus und bewege mich im Einklang mit den anderen – Jetzt beobachte ich, wie sie die Kisten auf einen Haufen stellen – Zum Abschluss unserer Performance bauen wir gemeinsam eine Skulptur. Sie ist spontan, einzigartig und wirklich co-created. Stolz treten wir zurück und verbeugen uns. (HE)

15:20 Uhr: Wie kann die Berichterstattung über Festivals zugänglicher sein?

Wir haben uns viel über weniger voraussetzungsvolle Sprache ausgetauscht und versuchen unsere Textbeiträge möglichst leicht verständlich zu verfassen. Weiterhin nutzen wir Bilder, um die Festivalatmosphäre zu veranschaulichen. Aber hier versteckt sich auch eine Barriere: Für Blinde und sehbehinderte Personen sind diese nicht oder nur schwer zugänglich. Wir setzen daher auf die Beschreibung unseres Bildmaterials in sogenannten Alt-Texten. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, diese Bildbeschreibungen in all unseren veröffentlichten Bildern vorzunehmen. Das ermöglicht blinden und sehbehinderten Personen Teilhabe an der visuellen Seite unserer Arbeit. Diese Bildbeschreibungen sind im Alt-Text abgelegt und nicht mit der Bildunterschrift zu verwechseln. Für sehende Nutzer*innen bleibt meine Arbeit daher unsichtbar. (HE)

10:00: HochX: Sprung ins Wolkenmeer

Woran denkst du, wenn du einen grünen Teppich siehst, wie er im Foyer des HochX zu finden ist? Ich fühle mich wie während meines Auslandsaufenthaltes in Schweden und finde mich wieder im gemütlichen Studienraum des Ekonomikums in Uppsala. Ein grüner Teppich, gemütliche Sitzkissen. Ein quadratischer Teppich. Rond au carré. Das Runde im Eckigen. Der Popo auf dem Teppich. Rond au carré. Wie viele große und kleine Menschen passen auf diese grüne Wiese? Und warum empfiehlt es sich, diese ausschließlich barfuß zu betreten? Den Popo auf den Teppich und die Schuhe hierhin? Die Erwachsenen aber drängeln, das echte Stück ist doch woanders. 

Ceren Oran hat ein multidisziplinäres Stück für die ganz jungen Zuschauer*innen und ihre Erwachsenen geschaffen: Rond au carré zusammen mit ihren Tänzer*innen und dem Musiker*innenduo Duo Duor.

Wir sind da. Und wir sind laut. Viele Kids der städtischen KiTZ sind dabei. Ihre leuchtenden Warnwesten verraten es. Coole KiTZ, die sich was trauen. Neugierige KiTZ, die malen, beobachten und träumen. Augen zu? Oder Augen einen Spalt offen? Wie sie wohl das Festivalfoyer wahrnehmen? Wann beginnt für sie das Stück? Erst im Saal? Oder schon beim Schuheanlassen, Warten, Ankommen?

Jetzt geht es los. Ich bin bei dir!“

Wir alle sind eingeladen. Choreografin Ceren Oran, für die Tanz nicht nur eine Kunstform ist, sondern auch eine Kommunikationsform, steht auf einer Treppe im Scheinwerferlicht. Alle Augen auf sie. Wichtige Info vorab: Frei sein! Wer rausgehen will, kann das tun. Wer dann wieder reinkommen will, kann dies auch tun. 

Drinnen erwartet uns ein Harfen-Intro von Hila Ofek. Kurz darauf folgt Andre Tsirlin mit sanften Saxophontönen. Als bald stürmen die Tänzer*innen Jin Lee und Jihun Choi sanft die Bühne.

Sieht der Großteil des Publikums bereits die imaginär getragene Kugel, die ich sehe? Braucht es eine physische Kugel? Fürs Spielen braucht es zumindest zwei Personen, welche die Kugel rollen, heben, tragen, verstecken und um sie ringen. Jetzt gib mir doch mal die Kugel! Nein, die gehört mir! „UND JETZT?“, fragt ein Kind. Wenn Zwei sich streiten, freut sich ein Dritter – hier der Saxophonspieler.

Blau, grün, rot begegnen mir nach der gestrigen Aufführung von „Beyond“ erneut, aber in einem völlig anderen Kontext. Hier als bunter Kreisel auf dem Boden. Finde deine Lieblingsfarbe! Kreisel. Kreisen. Nun darf das Publikum die Kraft der Fantasie nutzen. Ein buntes Wolkenmeer. Weiß. Silber. Pailletten. Aus projizierten Wolken formen sich Puzzleteile, Quadrate, Kreise. Kreisen. Drehen. Fließen. Ich fühle mich mit der Art der Bewegungen der Künstler*innen sehr verbunden und tanze in Gedanken mit. 

Hören wir den Wind oder hören wir das Meer? „WAS MACHT DER?“ Ein jede*r mag entscheiden, was er oder sie gerade braucht. Aus dem Rauschen des Saxophons wird dann ein Lied: „Over the rainbow”. Nur blöd, dass das Lied auf diversen Trauerfeiern gespielt wurde, auf denen ich zu Gast war. So findet es eine neue Konnotation. Ich schaue mich um. Die Künstler*innen erinnern mich an Spherikons. Geometrische Objekte, die immer sanft fallen. Die Bewegungen wirken trotz Wackelns nicht holprig, vielmehr gleitend und weiterhin fließend. 

Szenische Verwandlung. Ich möchte auch so eine coole Paillettenhose oder doch lieber die Jacke von ihr? Auch die Bewegungen ändern sich: sie sind jetzt fein und kantig. Jetzt kann ich die Pailletten sogar hören. Was passiert, wenn man blau und gelb mischt? Mehr als grün auf jeden Fall! Kommt nur her, um es mit euren eigenen Augen zu sehen!

Nicht nur das Publikum, auch das Saxophon kann lachen. Glaubt ihr mir nicht? Was ist, wenn ich euch sage, dass sogar eine Harfe übers Meer gleiten kann? So fühlt sich Frieden an. Doch Frieden schließt ein Abenteuer nicht aus. Erwischst du die nächste Welle? Bleibst du offen für’s Abenteuer? (LCM)

9. Juli 2027

18:00 Uhr: Schauburg: Quatsch und Quark zur Eröffnung

Spannende Performances, inspirierende Workshops, fachlicher Austausch, Gemeinschaft Erleben, all das macht ein Festival aus. Trotzdem muss ein jedes mit vielen wichtigen Reden von vielen wichtigen Leuten anfangen. Eine Mischung aus Danksagungen und Eigenlob über die gute und wichtige Arbeit, die alle geleistet haben. Nach jedem zweiten Satz wird geklatscht und werden Blumensträuße überreicht. Die Überreste davon müssen von den Performer*innen, die danach dran sind, schnell von der Bühne geräumt werden. Es gehört zum Ritual des Festivals.

So viel „Quatsch und Quark“ ist das gar nicht unbedingt, wie Vincent Kresse vom Vorstand der ASSITEJ in Ablehnung an die Worte seiner Tochter überlegt. Er betont vor allem die Förderung des Selbst- und Kunstverständnisses von Kindern, gerade in Zeiten der „multiplen Krisen“. Und dem darf ruhig mal etwas Raum gegeben werden. (HE)

 

16:00 Uhr: Schauburg: Himmelsstürmer*innen

Nach einem schnellen Boxenstopp im Hauptquartier und einem quasi inhalierten Mittagessen heißt das Ziel: Schauburg. Das drohende Mittagstief? Schlagartig verflogen, sobald die Scheinwerfer die Bühne in eine leuchtende Manege verwandeln.

Was folgt, ist ein 50-minütiges, fesselndes Aushandeln von Nähe und Distanz. Die sechs Darstellenden der Company Circumstances, allesamt Expert*innen für Tanz, Akrobatik und Poledance, erschaffen eine Atmosphäre, die den Atem stocken lässt. Im Zentrum stehen Leitern, die weit mehr als bloße Requisiten sind. Sie werden zu unberechenbaren Mitspieler*innen auf einem ziemlich wackligen Spielfeld. Spielerisch und mit beeindruckender Leichtigkeit verhandelt die Gruppe Gefühle von Zugehörigkeit und Individualismus. Federleicht schwingen sie sich an den Sprossen empor, lassen sich fallen und vertrauen blind auf das dynamische Gruppengefüge.

Plötzlich werden die Leitern im Raum umfunktioniert und nehmen als riesige Wippen richtig Fahrt auf. Durch die enorme Geschwindigkeit bekommen die ersten Reihen sogar frischen Wind ins Gesicht gepustet, während eine Person wie schwerelos direkt über dem Publikum schwebt. Es ist ein poetischer Kraftakt, der zeigt: Ohne einander funktioniert hier gar nichts. „Mama, was machen die mit den Leitern gleich?“, solche Kinderfragen aus dem Publikum beweisen, wie sehr diese wortlose Performance ohne viele Requisiten alle in den Bann zieht.

Trotz der extremen körperlichen Anstrengung bleibt Raum für pure Menschlichkeit: Da wird beiläufig Schweiß am Kostüm der anderen Person abgewischt oder ein kurzes Lachen über einen Insider unterdrückt. Eine ganz eigene Performance innerhalb der Performance. Homogen und doch heterogen, hochprofessionell und dabei absolut authentisch. „Beyond“ in der Choreografie von Piet Van Dycke geht über Grenzen. (MN)

 

15:30 Uhr: Kurz vor der offiziellen Eröffnung

Was braucht es für einen Festivalbesuch? Karten für die Veranstaltungen. Essen, Trinken, gute Laune sollte reichen. Tut es eigentlich auch, aber mein Rucksack ist ganz schön vollgestopft. Heute frage ich mich: Was haben die Nachwuchsautorinnen dabei, wenn sie das THINK BIG! Festival in München besuchen?

Wir alle benutzen fürs Bloggen natürlich unsere Handys und Laptops. Gleichzeitig sind wir noch analog mit Notizbuch bewaffnet. Wasserflaschen und Snacks dürfen weder im Rucksack noch im Hauptquartier, dem tanznetz Büro, fehlen. Was gehört noch zur persönlichen Ausrüstung?

Lea zum Beispiel hat ihre Kamera dabei, um Fotos zu machen und die Festivalstimmung einzufangen. Zu Marens Ausstattung gehört Traubenzucker. Für die Vorstellungsbesuche trage ich tatsächlich ein Fernglas mit mir herum, um die kleinen Details auch von weit weg wahrnehmen zu können. Und mein persönlicher Geheimtipp ist ein kleiner Vorrat Hustenbonbons gegen die oft trockene Theaterluft. Ich würde sagen: Wir sind für alles bereit! (HE)

12:30 Uhr: Fachtagung Partizipation in Bewegung

Auf dem Weg in die Stadt habe ich einen Ort entdeckt: das Mutabor. Ein Labor für Mut? Das passt. Die Fachtagung scheint auch etwas für Mutige zu sein. Und für Menschen, die anderen Menschen Vertrauen entgegenbringen mögen. Doch wem bringen wir Vertrauen entgegen? Wann geht Vertrauen verloren? 

In der ersten Gruppensituation entsteht eine Atmosphäre, die zum Entspannen und Loslassen einlädt. Deutlich wird: Die teilnehmenden Personen fühlen sich wohl. Wir dürfen aktiv werden. Bühnenelement. Zuschauer*innen. Künstler*innen. Wie steht all das in Verhältnis miteinander? Vertrauen. Raum halten. 360° Fokus. Und was hat das junge Publikum damit zu tun? 

Eine Einladung. Gemeinsam eine Geschichte erzählen. Christiane Plank-Baldauf, Musikdramaturgin und Professorin, berichtet von ihrem Forschungsprojekt: Kindergeschichten als gemeinschaftliche Suchbewegungen mit unkalkulierbaren Verläufen. Räume öffnen ist für sie Nähe schaffen. Doch wie entsteht Nähe? Bedürfnisse einbeziehen. Opernhäuser auf die Perspektive von Kindern zuschneiden. Eigene Foyers? Fürs laut sein? Fürs neugierig sein, ohne weniger erhaben durch die Oper zu schreiten? 

Handlungsräume zu öffnen bedeute, demokratisierend sowie enthierarchisierend zu arbeiten. Feedback-Schleifen. Spiegeln. Ein gemeinsames Wir finden. Das A und O: Das Vertrauen in das Handeln anderer. Mutig sein. Sich begegnen. 

Spannend ist, dass Tanzvermittlung nicht als Add-On beschrieben wird, sondern als essentieller Bestandteil des Lebens einer tanzschaffenden Person. Tanzvermittlung ist Begegnung, Persönlichkeitsentwicklung und Lebens-kunst. Eine Kunst, die Ent-wicklung ermöglicht. Kann man etwas Neues lernen, indem man etwas anderes verlernt? Können wir anleiten und zeitgleich folgen? In jedem Fall beinhaltet sie, mutig zu sein und zu lernen, auf sich und auf andere zu vertrauen. (LCM)

 

11:30 Uhr: Fachtagung Partizipation in Bewegung

Ankunft: Das Pflaster ist ab! Autsch! Kurz und schmerzlos reiße ich mein imaginäres Blogeintrag-Plaster ab, mein erstes Mal! Nach einer entspannten aber lagen Zugfahrt gab es ein super herzliches Willkommen in München. Ich fühle mich ein bisschen wie eine Austauschschülerin, die alles ganz genau gezeigt bekommt.

Klassentreffen in der „Luise“. Den ersten Tag beginne ich mit dem Symposium „Shared Stage – Participation in Motion“. Kleines Learning: die Münchner Verkehrsbetriebe haben ähnliche Pünktlichkeitsprobleme wie die KVB in Köln. Bin also leicht abgehetzt eingelaufen. Drinnen dann Klassentreffen-Vibe. Nur blöd, wenn man wohl in einer anderen Klasse war. Jede*r kennt jede*n, überall Insider und Gelächter. Ein kurzes „Abholen“ für Newbies wäre schön gewesen, aber man darf sich auch nicht zu wichtig nehmen.

Ballons und Gehirnfutter. Highlight der Tagung: Diskussionsrunde zu „POSTO“. Ich sehe das Stück zwar erst morgen, aber das Feedback der anderen hat mich richtig neugierig gemacht. Besonders cool: Drei Ballons fliegen als Gedanken und Feedback Träger durch den Raum. (MN)

 

9:30 Uhr:  Platz - Posto

Erster Festivaltag, gleich am Morgen erleben wir „Posto" von Zinola Kühn Productions. Reicht ein Augenblick, um zum Tanzen aufzufordern? Wie laden wir ein? Ein rhythmischer Beat. Blickkontakt. Zunächst zwischen drei Menschen, den Performer*innen Anne-Hélène Kotoujansky, Michael Helland und Alfredo Zinola. Absprache. Koordination. Dann werden wir vorsichtig eingeladen mitzuwirken und das Geschehen zu beeinflussen. Wie viel Kraft brauchen wir, um einen überdimensionalen Ball durch den Raum schweben zu lassen? Die Künstler*innen schweben mit so einer Eleganz über unsere Bälle, dass ich in staundende Gesichter schaue. Kichern. Schweben. Fliegen. Ein Freudensprung. 

Aus Zurückhaltung wird Präzision. Du hältst hier fest! Du setzt dich hier hin! Halt mal kurz! Es wird dunkel und wieder hell. In Windeseile rennen die Künstler*innen an uns vorbei. Ein Windstoß - als würde ein Zug am Gleis vorbeirauschen. Man möchte mitreisen. Ein Glück, dass wir als bald eingeladen werden. Gedanklich fahre ich nach Schottland. Offene Fenster - Offen Bleiben. „Aus drei mach fünf“ und dann „Aus drei mach zehn". Ein noch gewaltigerer Windstoß lädt weitere zum Mitreisen ein. Auch Teile des Publikums rauschen nun an mir vorbei. Rasend schnell. Aus der Puste hört sich das Atmen wie eine Dampflock an. Ankommen. Die Dampflock zischt. Die überdimensionalen Bälle verlieren Luft. Wieder Blickkontakt. 

Hilf mir mal! Halt mal fest! Gemeinsam mit dem Publikum steigen die Bälle empor. Geteilte Verantwortung, Rückhalt. Ferne Berührung. Es wird dunkel. Die Scheinwerfer gehen an. Wir bilden eine Menschentraube. Es entsteht nun Nähe und Kontakt, eine Gemeinschaft. Hast du deinen eignen Platz im Raum gefunden? Platz. Place. Posto. Ich finde mich wieder im Kulturzentrum LUISE ein und reise nun gedanklich weiter in die Fachtagung: GETEILTE BÜHNE - PARTIZIPATION IN BEWEGUNG  - passt super zum gerade erlebten  „Posto".  (LCM)

 

8. Juli 2026

Das Gelbe vom Ei gab's zum Frühstück. Hält das Leben manchmal bereit, womit man nicht gerechnet hat? Wo führt es hin? Rein ins neue Abenteuer. Offen sein. Offen bleiben. Aus Düsseldorf nach München reisen. Gehirnwindungen in neue Richtungen bringen. Hauptquartier im tanznetz-Büro in der Halle 6 im Kreativquartier München aufschlagen. Rote-Bete-Risotto. Offener Wein. Offen bleiben. Think Big - Think Festival. Mal sehen, was jetzt auf den Teller kommt: Rührei oder Spiegelei? Oder hält das Festival noch etwas ganz anderes bereit? (LCM)

Dieser Text ist Teil des Projekts „Stärkung der zeitgenössischen Tanzszene durch journalistische Nachwuchsförderung“ Tanzpakt Stadt-Land-Bund.

 

TANZPAKT STADT LAND BUNDDer Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

Gefördert von TANZPAKT Stadt-Land-Bund aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

 

BLZT

Dieses Projekt wird ermöglicht durch den Bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT) aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.

 

 

Landeshauptstadt München Kulturreferat

gefördert vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München

 

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