„Multitud” von Tamara Cubas

Swissness am Tanz

Zürcher Theaterspektakel 2026

Der Berner Choreograf Joshua Monten zeigt mit „Anger Management“, wie mit Wutgefühlen umzugehen ist. Und Tamara Cubas erprobt mit über 60 Zürcher*innen, wie aus Individuen Masse entsteht – und umgekehrt.

Zürich, 18/08/2026

Noch bis zum 30. August herrscht auf der Zürcher Landiwiese der Theater-Ausnahmezustand. Neben den extra aufgebauten Bühnen und Theatern, großer kulinarischer Vielfalt und Allerlei für die Kleinsten gibt es auch Nebenschauplätze, die nicht zu verachten sind. So zum Beispiel die öffentliche Zentralbühne, deren Programm gratis für alle ist, Aufführungen in der City, theoretische Diskurse am „Stammtisch“, Podiumsgespräche zum diesjährigen thematischen Fokus „Demokratie und Versammlung“, sowie eine Simulation zur „Allianz der letzten Demokratien“ an der Universität Zürich. 

Witzig trotz hässig

Vom Stück „Anger Management“ des Berner Choreografen Joshua Monten existieren sowohl eine einstündige Bühnenfassung wie eine halbstündige Freiluftfassung. Letztere konnte am Eröffnungstag bei schönstem Wetter einem vergnügten Publikum gezeigt werden. Der ehemalige Tänzer am Theater Bern ist inzwischen ein gefragter Choreograf für verschiedenste Companien und Theater. Seit 2012 leitet er seine eigene, vierköpfige und finanziell geförderte Joshua Monten Dance Company. Im Stück geht es, wie der Titel sagt, um den Umgang mit Wut. Wenn innere Gefühle eine äußere Form annehmen, werden große Energiemengen freigesetzt, oder Zitat: „Wut kann schön sein. Umso mehr, wenn sie getanzt wird.“

So präzis, wie die Produktion umschrieben ist, so witzig kommt sie auch daher. Die vier Tänzer*innen, unter ihnen Josua Monten selber sowie eine Sprecherin, tanzen dieses Kleinspektakel auf der Zentralbühne unter freiem Himmel. Das Publikum sitzt rundum, plaudert, isst, trinkt, kommt und geht. Doch die meisten Besucher*innen schauen fasziniert zu, wie sportlich das Kollektiv das Thema angeht. 

Was mit einer Art Kissenschlacht beginnt, gerät immer mehr zu einer temperamentvollen Auseinandersetzung, bei der es „chlöpft und täscht“, das heißt, die Schläge sind nicht nur visuell, sondern auch akustisch sehr gut wahrnehmbar. Was tun, wenn die Gefühle überhandnehmen? Wie lassen sie sich unter Kontrolle bringen, fragen sich die Performer*innen. Die Kids am Bühnenrand haben sichtlich Vergnügen daran, wie die Erwachsenen sich austoben und sich zuletzt wieder versöhnen. Streit kommt und geht, oder wie eine Performerin sagt: „Stormy weather comes and goes.“ Irgendwann wird alles wieder gut. Tänzerisch energiegeladen, choreografisch abwechslungsreich und thematisch überzeugend umgesetzt, und das in nur 35 Minuten, macht das Stück trotz aller „Hässigkeit“ bzw. Wut tatsächlich Spaß. 

Masse und Individuum

Auch in Tamara Cubas‘ „Multitud”, gleichbedeutend wie Menschenmenge oder Volksmasse, geht es um ein kollektives Tanzerlebnis. Passend zum Fokus des Theaterspektakels dreht sich das Community-Tanzprojekt um Gemeinschaft als politischer Akt. Die sowohl in bildender Kunst wie Tanz ausgebildete uruguayische Choreografin Tamara Cubas erarbeitete das anderthalbstündige Stück vor Ort als Schweizer Erstaufführung in nur sieben Probetagen mit über 60 (laut Programm über 80) Zürcher*innen im Alter von 19 bis 77 Jahren. Im Theaterhaus Gessnerallee standen sich gefühlt gleich viele Zuschauende wie Tänzer*innen gegenüber. 

Keine einfache Sache, in so kurzer Zeit mit so vielen neuen Körpern und Gesichtern ein publikumstaugliches Stück zustande zu bringen. Die Idee und der Prozess sind mindestens genauso wichtig wie die Aufführungen vor Publikum. Die Tänzerinnen, die Frauen in der Überzahl, sind sowohl Laien wie Profis. Sie kommen in individuellen Straßenkleidern daher (bei der Hitze ziemlich spärliche) und tragen Sneakers. Sie rennen, fallen, knicken ein, stehen wieder auf, fallen übereinander und reihen sich wieder auf. Emotionslos und ohne ersichtliches Ziel oder zu einem Zweck bilden sie als sich ständige bewegende Individuen ein System, das in sich aufgeht und wieder zerfällt. Allein die schiere Anzahl von Persönlichkeiten vermag zu fesseln. Eine wummernde und brummende Musik setzt zwischendurch szenische Akzente.

Es herrscht Einheit, bis ein Einzelner plötzlich das Ziel einer gemeinsamen Attacke wird. Als Einzelgänger wird der verstoßen. Doch schon bald schließt sich die Gruppe wieder wie ein hermetischer Organismus. Neben den Körpern werden auch die Stimmbänder der Performer*innen gefordert, mal schreiend, mal kreischend, mal lachend. Beim schnellen Krabbeln auf allen Vieren und dem Aufspringen aus dem Liegen zeichnen sich die Profis aus. Zum Schluss werden Kleider – je nach Mut bis auf winzige Unterwäsche – ausgezogen und aufgeworfen. Eindrücklich, was in einer Woche von kollektivem Tanzen zustande kommt. Das Stück lässt neben den multiplen, visuellen Eindrücken dem Publikum die Freiheit zum Denken, zum Wahrnehmen des eigenen Verhaltens als Individuum in der Masse, respektive der Gesellschaft. 

Neben den zwei Aufführungen im auswärtigen Theaterhaus Gessnerallee sind auch zwei Aufführungen auf der dem Wetter ausgesetzten Zentralbühne vorgesehen. Bei Regen werden übrigens alle Out-Door-Aufführungen abgesagt und ersatzlos gestrichen. Das Wetter wird auch am Wochenende für Anne Teresa de Keersmaekers/Rosas eine eigene Rolle spielen. 

 

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