„for the time being“ von Sasha Waltz & Guests, Tanz: Sasha Waltz, Sigal Zouk, Hwanhee Hwang

Für den Augenblick

Uraufführung von Sasha Waltz‘ „for the time being“ im Radialsystem V Berlin

Bei „for the time being“ handelt es sich nicht um ein abgekartetes Spiel, sondern um die totale Freiheit der individuellen Entscheidung – oder, wie es in der Ankündigung heißt, um ein „radikales Annehmen sämtlicher Aktionen und Reaktionen im Kollektiv ohne Werturteil“.

Berlin, 11/03/2026

Man könnte es natürlich auch einfacher sagen, aber der Vorläufigkeitscharakter des neuesten Events ist auf der Website von Sasha Waltz & Guests ganz gut beschrieben: „In einer stetigen, gegenseitigen, inneren und äußeren Beobachtung sowie der sich permanent verändernden situativen Energie des Raumes entsteht ein Kaleidoskop der Gegenwart und eine intensive Begegnung im Hier und Jetzt.“

Denn bei „for the time being“ handelt es nicht um ein durchchoreografiertes Stück Tanz, festgelegt in allen Phasen seiner Bewegtheit, sondern um einen Akt der Gemeinsamkeit, an dem das Publikum nicht ganz unbeteiligt ist. Es bildet den Rahmen, und das ist nicht nur im übertragenen Sinne. An allen Seiten des Raumes sind jedenfalls Bänke aufgereiht, auf denen die Zuschauer*innen Platz genommen haben – nicht ohne sich vorher auf Bitten der Veranstalter ihres Schuhwerks entledigt zu haben. Es könnten einige von ihnen sein, die wenig später in die nur schwach beleuchtete Mitte treten. Natürlich handelt es sich dabei um Sasha Waltz herself und sechs ihrer Gäste, darunter auch ihr schon sehr erwachsener Sohn: László Sandig.

Doch nicht er ist es, der als Erster den Arm hebt. Hwangee Hwang macht den Anfang; die feingliedrige Koreanerin scheint überhaupt an diesem Abend immer wieder diejenige Persönlichkeit zu sein, die den Anstoß einer tänzerischen Entwicklung gibt. Langsam hebt sie den Arm, nimmt die Bewegung aber gleich wieder zurück, um anschließend wie eine Marionette ihrer selbst die Fußspitzen zu heben, bevor die anderen, einer nach dem anderen, darauf reagieren: nicht, indem sie eine Geste einfach aufnehmen und weitergeben, sondern auf ihre Art anverwandeln.

Nicht alle Bewegungsangebote werden weiterverfolgt. Manche laufen ins Leere. Schließlich handelt es sich bei „for the time being“ nicht um ein abgekartetes Spiel, sondern um die totale Freiheit der individuellen Entscheidung – oder, wie es in der Ankündigung so schön heißt, um ein „radikales Annehmen sämtlicher Aktionen und Reaktionen im Kollektiv ohne Werturteil“.

Im Grunde eine Beschreibung dessen, was in einer jeder Improvisation geschieht. Hier beruft sich Sasha Waltz allerdings dabei ganz explizit auf Methoden des „Deep Listings“ von Pauline Oliveros. Inwieweit sie gestaltend wirksam werden, lässt sich bei einem einmaligen Anschauen natürlich nicht erkennen. Aber der sich mal verdichtende, mal vereinzelnde Ablauf ist sicher von der Choreografin vorgegeben, die nach längerer Abstinenz wieder als Interpretin ihrer Stücke auf die Bühne zurückgekehrt ist. Ihr schaut man immer mit Gewinn zu, eine prima inter pares, die am Ende nicht einfach bloß tanzt, sondern spricht, ja sogar singt.

Das lässt Gott sei Dank einige Zeit auf sich warten. Unterstützt von den elektronischen Klangwellen Diego Nogueras, die sich manchmal nur kräuseln, zwischendurch aber immer wieder wie eine Naturgewalt über alle hereinbrechen, lässt das Stück die Gezeiten eines Menschseins ahnen, an dem alle partizipieren. Das hebt „for the time being“ von einer üblichen Improvisation ab. Das Publikum kann sich am Schluss fast wie ein Teil des Geschehens fühlen, wenn Sasha Waltz & Guest ganz in die Zuschauerreihen zurücktreten.

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