„SHELLING“ von und mit Yasmeen Godder 

Das Echo der Einschläge

„SHELLING“ von Yasmeen Godder im Theater im Ballsaal in Bonn

Eine radikale Untersuchung von Fragmentierung und Resilienz: Die israelische Choreografin verwandelt ihren Körper in ein lebendiges Archiv und lässt das Publikum die Grenze zwischen Schutz und Aufprall spüren.

Bonn, 19/04/2026

Von Maren Nöding

 

Der Abend beginnt in Schwärze. Nur das leichte Knarren einer Tür kündig eine Präsenz an. Schemenhaft ist hinten rechts eine Person zu erkennen. Die Haare hängen tief in ihr Gesicht. Der Kopf ist gesenkt, die Bewegungen wirken langsam, fast ferngesteuert, wie ein Zombi. Yasmeen Godder schiebt sich diagonal von einer Seite zur anderen, ein mühsamer, sich wiederholender Prozess. Der Versuch, sich aufzurichten, fällt dabei immer wieder in sich zusammen. Über allem liegen eine dichte, sich stetig steigernde Anspannung und die atemlose Frage: Findet der Körper einen Weg in den sicheren Stand?

Die Performance im Bonner Theater im Ballsaal ist weit mehr als das: Sie ist ein Zeugnis absoluter künstlerischer Dringlichkeit. Yasmeen Godder, seit Jahren eine prägende Stimme des zeitgenössischen Tanzes aus Israel, war trotz der aktuellen Lage für ihre Uraufführung „SHELLING“ angereist. Sichtlich berührt wendet sich denn auch nach der Aufführung Ballsaal-Kuratorin Daniela Ebert an das Publikum: „Dass diese Premiere heute so stattfinden konnte, grenzt an ein Wunder.“

Bier und Beklemmung

Ich bin doppelt froh, noch rechtzeitig gekommen zu sein. Im Irish Pub nebenan wusste auf meine Frage nach dem Theater niemand den Weg, aber ein Gast namens Ingo bot mir stattdessen bei dröhnender Musik freundlich ein Bier an. Was für eine andere Art von Performance. Hier, nur eine Wand entfernt, füllen eindringlich sanfte Klänge den Raum und vermitteln ein beklemmendes Gefühl. Gewaltige Schatten geistern über die Bühnenseiten, lassen Godder phasenweise überlebensgroß erscheinen. Sie agiert mit einer Intensität, die unter die Haut geht. Das Gesicht ist ein Schlachtfeld aus Sehnsucht, Verzweiflung und fragender Leere. 

Ein zentrales Bewegungsmotiv sind die feinen Details in den Händen: Wieder und wieder führt Godder sie schützend vor ihr Gesicht, so als wolle sie eine unsichtbare Distanz zu einem Außen wahren. Doch dieser Schutz kippt jäh in rohen Widerstand. Wenn die Tänzerin sich mehrfach in die eigene Hand beißt, ist das nicht einfach die Darstellung von Schmerz, sondern schlicht auch die physische Entladung von Druck. Eines Drucks, den ihr Körper als lebendiges Archiv der Geschichten und Traumata von Generationen in sich trägt ebenso wie die Brutalität eines aktuellen politischen Systems, mit dem viele Künstler*innen in Israel nicht einverstanden sind. Schwer atmend trommeln Hände auf harten Boden – in einem Kampf um Autonomie. Fast unmerklich streift Godder irgendwann die langen Beine ihrer Hose ab, sie hängen nun wie abgelegte Häute an ihr herunter. Es ist das Bild einer Häutung, ohne jede Hoffnung darauf, etwas hinter sich zu lassen.

Zerfall und Neuausrichtung

Die gesamte Dynamik von „SHELLING“ ist geprägt von einem nervösen Hin und Her zwischen Zerfall und Neuausrichtung. Besonders eindringlich wirkt dabei die Qualität der körperlichen Spannung: Es gibt wenige rare Momente, in denen Godder versucht loszulassen, doch diese Freiheit gelösterer Haltungen dauert nie an. Sofort zieht sich die Muskulatur wieder zusammen. So, als dürfte dieser Körper die Wachsamkeit nie ganz aufgeben, bleibt er doch ein Instrument, das einen permanenten Alarmzustand längst als Teil seiner Identität gespeichert hat. 

Hier liegt auch die Stärke von „SHELLING“, die Gänsehaut hinterlässt und die Kehle zuschnürt: Das Stück ist alles andere als ein einfacher Kommentar. Gezeigt wird der Kampf eines Körpers, sich unter der Gewalt einer unüberschaubar komplexen und politisch pervertierten Situation überhaupt noch bewegen zu können.

Als das Licht zum Applaus angeht, steht Yasmeen Godder einfach da, mit einem Lächeln zwar, aber noch immer sichtlich betroffen und getroffen. Wir sind es auch, und ich denke kurz und fassungslos, dass und warum diese so besondere und wichtige Performance vor einem alles andere als ausverkauften Haus stattgefunden hat. Während nebenan die Menschen trinken, sicher auch, um zu vergessen. Weil die gesellschaftliche Situation hierzulande das (scheinbar noch) zulässt. Während Godder auf der Bühne darum ringt, weiterzufühlen, weiterzumachen, trotz allem. Ich hätte Ingo und all den anderen Ingos da draußen gewünscht, diesen Kontrast zu spüren – und die Erfahrung, dass Tanz sich so dringlich den Einschlägen einer Zeit entgegenstellen kann.

 

 

Bewegungsmelder – Nachwuchswerkstatt für Tanzjournalismus aus NRW

Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts „Bewegungsmelder – Nachwuchswerkstatt für Tanzjournalismus aus NRW“, einer Kooperation von tanznetz mit dem Masterstudiengang Tanzwissenschaft des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz (ZZT) an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und dem nrw landesbuero tanz.

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