Von Gerd Mittag
Mit dem Tod von Momo Kadous verliert die internationale Tanzwelt eine prägende künstlerische Persönlichkeit. Geboren am 8. Februar 1949 in Mahalla im ägyptischen Nil-Delta, entwickelte er früh eine enge Verbindung zwischen Bewegung, Musik und Ausdruck, die seinen weiteren künstlerischen Weg entscheidend formte. Bereits im Alter von sieben Jahren begann er mit seiner tänzerischen Ausbildung und widmete sich zunächst dem klassischen Ballett und modernen Tanzformen, bevor er sich intensiv mit den folkloristischen Tanztraditionen Ägyptens auseinandersetzte. In diesem Kontext arbeitete er mit zahlreichen Folkloregruppen in Ägypten und legte damit eine wesentliche Grundlage für sein späteres künstlerisches Schaffen.
Seine Ausbildung vertiefte er am „Balloon Theatre“ in Kairo, wo er seine Kenntnisse weiter ausbaute und zugleich eigene künstlerische Impulse setzte. In Kairo gründete er die Folkloregruppe „El Mahalla El Kobra“, bevor er 1974 die Theatergruppe „Wadi El Nile“ ins Leben rief, mit der er zahlreiche internationale Erfolge erzielte. Parallel zum tänzerischen Werdegang entwickelte sich durch die intensive Auseinandersetzung mit westlicher Klassik und eigenem Perkussionsspiel schon in früher Kindheit seine musikalische Sensibilität. Beides, sein Talent für Tanz und sein Gespür für Musik, prägten nachhaltig seine choreografische Arbeit.
Momo Kadous entwickelte seine künstlerische Identität in einer Zeit, die maßgeblich durch die Arbeiten von Mahmoud Reda geprägt war, dessen Einfluss auf die ägyptische Bühnentanzkultur bis heute nachwirkt. Das Spannungsfeld zwischen kultureller Verwurzelung und künstlerischer Transformation prägte auch das Schaffen von Momo Kadous nachhaltig. Diese vielseitige Grundlage bildete den Ausgangspunkt für eine künstlerische Entwicklung, die sich früh über nationale Grenzen hinausbewegte. Momo Kadous arbeitete international und sammelte über Jahre hinweg Erfahrungen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Während dieser Zeit entwickelte sich sein Verständnis von Tanz als universelle Sprache – als Ausdrucksform, die kulturelle Grenzen überwindet und zugleich tief in ihrer jeweiligen Herkunft verwurzelt bleibt.
Kulturelle Herkunft bewahren, Grenzen überschreiten
Einen entscheidenden Wendepunkt markierte die Begegnung mit der deutschen Tänzerin und Pionierin des Orientalischen Tanzes Dietlinde „Bedauia“ Karkutli. Sie gehörte zu den prägenden Figuren der Etablierung des Orientalischen Tanzes in Deutschland und schuf mit ihrer Arbeit ein künstlerisches und institutionelles Umfeld, das maßgeblich zur internationalen Sichtbarkeit dieser Tanzform beitrug. In diesem Kontext fand auch Momo Kadous seinen Weg nach Deutschland, wo er seit 1987 wirkte und seine künstlerische sowie pädagogische Arbeit nachhaltig entfaltete. Das von Karkutli geprägte Umfeld – eingebettet in ein erweitertes kulturelles Netzwerk, das unter anderem durch den deutsch-arabischen Künstler und Schriftsteller Burhan Karkutli mitgestaltet wurde – bot dabei eine Plattform, auf der sich ägyptische Tanztradition und europäische Wahrnehmung in produktiver Weise begegneten.
Im Zentrum seines künstlerischen Schaffens stand eine klare choreografische Haltung, die sich aus der Verbindung von musikalischer Präzision, kulturellem Wissen und individueller Ausdruckskraft entwickelte. Seine Arbeiten folgten einer inneren Logik, die auf Entwicklung ausgerichtet war. Choreografie verstand er als Prozess des Denkens und Gestaltens, gespeist aus Musik, Geschichte und visueller Imagination. Dabei blieb seine Handschrift stets erkennbar, ohne sich zu wiederholen.
Sein Verständnis von Tanz war untrennbar mit der Idee von Verkörperung verbunden. Tanz erschien bei ihm als gelebtes Wissen – als Einheit von Körper, Wahrnehmung, Emotion und kulturellem Kontext. In seiner Lehrtätigkeit vermittelte er diese Zusammenhänge mit großer Klarheit und Konsequenz. Er stellte hohe Ansprüche an Präzision und Ausdruck und eröffnete zugleich Räume, in denen individuelle Entwicklung in besonderer Tiefe möglich wurde.Über mehrere Jahrzehnte hinweg wirkte Momo Kadous weltweit als Tänzer, Choreograf, Lehrer und Perkussionist. Sein Einfluss zeigt sich in der nachhaltigen Prägung von Tanzpraxis und Unterrichtsverständnis weit über den unmittelbaren Unterricht hinaus.
Mit seinem Tod am 17. März 2026 in Frankfurt am Main endet ein künstlerischer Lebensweg, der die Entwicklung des Orientalischen Tanzes in Europa und weit darüber hinaus maßgeblich mitgestaltet hat. Sein Vermächtnis lebt weiter in der Bewegung, in der Wahrnehmung und in einem vertieften Verständnis von Tanz als kulturelle Praxis.
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