„Quartett“ von Matteo Carvone im Rahmen von ChoreoLab: Tanz Süd

In Bewegung

Matteo Carvone zeigt gemeinschaftlichen Tanz und flüchtige Momente in seiner neuen Choreografie bei den Regensburger Tanztagen

Im Rahmen von „ChoreoLab: TanzSüd" entwickelt Matteo Carvone mit vier Tänzer*innen die Choreografie „Quartett“. Im Interview erzählt er von den Herausforderungen des kurzen Produktionsprozesses, seinen künstlerischen Inspirationen und davon, was ihn selbst bewegt.

Regensburg, 07/11/2026

von Lyra Hüther

Was bewegt uns? Eine Frage, die zunächst ganz alltäglich klingt, aber im zeitgenössischen Tanz eine Vielzahl von Antworten zulässt. Es sind Emotionen, Erinnerungen, Begegnungen oder Impulse, die Bewegung entstehen lassen und Körper in Beziehung zueinander setzen. Diesem Gedanken widmen sich die diesjährigen Regensburger Tanztage, die vom 31.10. bis 22.11.26 unterschiedliche Facetten des zeitgenössischen Tanzes nach Regensburg bringen. Internationale Ensembles, außergewöhnliche Bühnenformate und junge choreografische Positionen eröffnen dabei neue Perspektiven auf Bewegung und Körperlichkeit.

Ein besonderer Programmpunkt ist die 8. Ausgabe von „ChoreoLab:TanzSüd", die am 19. November im Theater an der Uni zu sehen sein wird. Vier Choreograf*innen aus Süddeutschland – Emi Miyoshi, Pablo Sansalvador, Simone Elliott und Matteo Carvone – stellen sich gemeinsam der Frage „What moves us?“. Das Besondere: Alle vier arbeiten mit denselben Tänzer*innen und Ressourcen, haben jedoch jeweils nur eine Woche Zeit, um ihre eigene choreografische Antwort zu entwickeln. So entstehen an einem Abend vier unterschiedliche künstlerische Zugänge zur gemeinsamen Ausgangsfrage.

Einer dieser Zugänge stammt von Matteo Carvone. Im Gespräch mit Lyra Hüther gibt der Choreograf Einblicke in seine Arbeitsweise, seine Ideen und den Entstehungsprozess seiner Choreografie.

 

Möchtest du uns einen kurzen Vorgeschmack darauf geben, was uns bei deiner Arbeit für ChoreoLab erwartet?

Es ist ein Stück für vier Tänzer*innen. Ich bin in eine Art von Fast-and-Furious-Produktionsprozess eingestiegen, denn das ChoreoLab entsteht innerhalb von nur einer Woche. Das ist eine sehr kurze Zeit, um ein Stück mit vier Tänzer*innen zu entwickeln, mit denen man zuvor noch nicht gearbeitet hat.

Das Konzept des ChoreoLabs beschäftigt sich mit der Frage, was uns bewegt. Ich habe diese Frage für mich aufgegriffen und weitergedacht: Was bewegt mich? Ich fand es sehr faszinierend zu beobachten, wie Menschen etwas gemeinsam erleben und miteinander tanzen.

Ich glaube – und ich weiß nicht, ob ich jetzt einen kleinen gedanklichen Sprung mache –, dass wir im Leben Dinge erleben, die nicht dafür gemacht sind, von Dauer zu sein. Wenn wir gemeinsam tanzen oder etwas zusammen erfahren, entstehen dadurch ganz besondere Verbindungen. Sie sind nicht dafür bestimmt, anzuhalten, und trotzdem steckt in ihnen eine sehr starke Energie. Manchmal kann sie uns sogar zu einer Art Katharsis führen, zu etwas, das unseren Geist in einen anderen Zustand versetzt. Das fasziniert mich ungemein.

Es handelt sich weder um ein fertiges Stück noch um eine vollständige Aufführung. Vielmehr möchte ich etwas anstoßen. Das geschieht sowohl im Austausch mit den Musiker*innen – mit Paul Bissmann aus Nürnberg habe ich viel gesprochen – als auch mit den Tänzer*innen, durch offene Gespräche. Ich glaube, dass die Kunst, die wir machen, immer etwas ist, das wir gemeinsam erschaffen. Das unterscheidet uns beispielsweise von bildenden Künstler*innen, die allein vor ihrer Leinwand oder hinter ihrer Videokamera arbeiten können. Wir müssen mit Menschen kommunizieren. Genau das ist für mich die Schönheit des Theaters.

Du hast den schnellen und intensiven Produktionsprozess angesprochen. Kannst du etwas genauer erklären, was du damit meinst?

Normalerweise braucht man für eine Produktion mindestens drei Wochen, würde ich sagen. Hier hatten wir nur eine Woche Zeit, um etwas zu entwickeln. Das ist einerseits eine Herausforderung, andererseits muss man sich auf diese Idee einlassen. Manchmal funktioniert etwas nicht wirklich, aber trotzdem muss man einen Weg finden, es zum Funktionieren zu bringen. Also man nimmt die Herausforderung an und macht das Beste daraus. Es bleibt nicht viel Zeit, um Dinge zu verändern.

Man kann entweder etwas entwickeln, das vollständig auf Improvisation basiert oder etwas, das einem klaren System folgt. Wenn man jedoch mit festgelegten Schritten arbeitet, braucht das eigentlich Zeit. Das war für mich tatsächlich das erste Mal, dass ich so intensiv mit Zählzeiten und festgelegten Schritten gearbeitet habe. Normalerweise tue ich das eher nicht. Aber auch das gehört dazu: sich auf ein vorgegebenes System einzulassen.

Du hast gemeinsam mit drei weiteren Choreograf*innen an diesem Projekt gearbeitet?

Nein, jede*r Choreograf*in arbeitet mit denselben vier Tänzer*innen. Es ist wie eine Kette: Die erste Choreografin war Simone Elliott. Sie hatte ihre Woche, entwickelte ihr Stück, und anschließend kam ich dazu. Sie ging und ich kam. Ich habe die Arbeiten der anderen tatsächlich noch gar nicht gesehen. Das werden wir erst nächste Woche tun, wenn wir alles zusammenführen. Es gibt also vier eigenständige Stücke, jeweils mit unterschiedlicher Musik und unterschiedlichen Kostümen. Für die vier Tänzer*innen ist das eine enorme Herausforderung, weil sie sehr viel leisten müssen. Auch mein Stück ist, so einfach es auf den ersten Blick vielleicht wirken mag, ziemlich anspruchsvoll. Es besteht aus vielen kleinen Bewegungsmustern, die sich ständig verändern.

Gab es bestimmte Inspirationen, die in deine Choreografie eingeflossen sind?

Raving und archaische Formen des Feierns, aber auch Volkstänze und all diese Dinge, die mit sich wiederholenden Bewegungsmustern arbeiten. Es geht um einen Akt des gemeinsamen Feierns: Wir bewegen uns zusammen, wir nehmen an einem gemeinschaftlichen Tanz teil.

In unserem vorherigen Gespräch hast du davon gesprochen, dass das Publikum etwas aus der Aufführung mitnehmen oder Teil der Erfahrung werden kann. Gibt es etwas Bestimmtes, das du dir vom Publikum wünschst?

Darüber habe ich ehrlich gesagt noch nie so nachgedacht. Ich denke, wenn man sich zeitgenössischen Tanz anschaut, sollte man mit einer gewissen Offenheit kommen. Man weiß nie genau, was einen erwartet. Das gehört für mich zum zeitgenössischen Tanz und eigentlich auch ganz allgemein zur Kunst. Wenn eine Arbeit zu verkopft ist, verliere ich selbst schnell den Zugang dazu. Ich mag eine Kunstform, die das Publikum erreicht. Das ist für mich der eigentliche Sinn des Theaters und auch der Grund, warum ich diesen Beruf ausübe.

Seit ich denken kann, erinnere ich mich daran, wie ich ins Theater gegangen bin. Es ist ein magischer Ort, an dem Dinge geschehen können. Es gibt eine Art Übereinkunft, einen Vertrag mit dem Publikum: Wir wissen, dass das, was auf der Bühne passiert, nicht wirklich ist. Und trotzdem sehen wir eine Realität, die sich dort entfaltet. Die Arbeit muss das Publikum auf die eine oder andere Weise erreichen.

Eine Frage würde ich gerne noch stellen, weil sie gewissermaßen die übergeordnete Frage deiner Arbeit ist: Was bewegt dich persönlich?

Ich habe erst sehr spät angefangen zu tanzen, denn Tanzen war für mich zunächst kein inneres Bedürfnis. Auf der Bühne zu stehen, das war es allerdings schon immer. Ich wusste zunächst nicht, ob ich Schauspieler, Musiker oder irgendetwas anderes werden wollte. Mit der Zeit habe ich dann herausgefunden, dass Bewegung für mich die unmittelbarste Form ist, mich auszudrücken. Es war das beste Mittel, um das auszudrücken, was in mir steckt.

Das Theater war für mich schon immer ein magischer Ort. Ich habe Erinnerungen an die Bühne, die bis in meine Kindergartenzeit zurückreichen. Schon damals stand ich in sehr jungem Alter mit einem Mikrofon vorne und führte gewissermaßen durch eine Show.

Die Bühne ist für mich ein sicherer Ort. Auf der Bühne zu stehen und aufzutreten bedeutet, dass man alles sein kann, was man möchte. Mich fasziniert dieses Spiel mit Realität und Fiktion. Und auch die Tatsache, dass man sich jemandem schenkt, der einem zuschaut. Man geht mit dem Publikum diesen besonderen Vertrag ein.

Deine Choreografie hat den Titel „Quartett“. Was gefällt dir persönlich am meisten an diesem Stück?

Ich habe mein Stück „Quartett" genannt, weil der Begriff aus der Musik kommt und die Vorstellung eines gemeinsamen Spiels hervorruft – davon, miteinander zu spielen und gemeinsam eine Harmonie zu schaffen. Was ich daran besonders finde, ist die Frische der Arbeit und auch meine eigene Besessenheit davon, am Ende ein präzises Ergebnis zu schaffen. Manchmal arbeite ich mit sehr einfachen Dingen. Aber gerade um die Aufmerksamkeit auf etwas Einfaches zu lenken, braucht es ein gewisses Maß an Präzision. Das ist in meiner Arbeit sehr wichtig.

In meinem Solo „Eros“ beispielsweise bringe ich einfach Rucksäcke auf die Bühne. Sie leuchten und bringen dadurch Licht auf die Bühne. In den Rucksäcken befinden sich Tennisbälle, die ungefähr die Größe eines Herzens haben. Diese gebe ich dem Publikum. So entsteht eine unmittelbare Verbindung zum Publikum. Ich gehe fast von Person zu Person und verteile die Bälle. Das ist eine ziemlich lange Aktion, aber sie ist sehr präzise.

Was ich an diesem Prozess aber besonders fand, war die gemeinsame Entwicklung mit den Tänzer*innen. Das Stück ist für sie entstanden, obwohl ich sie vorher nicht kannte und auch sie sich untereinander kaum kannten. Am ersten Tag war ich gewissermaßen selbst Teil des Quartetts. Ich habe mich mitten unter sie gestellt und sie von innen heraus bewegt. Dann bin ich wieder ein- und ausgestiegen. Ich wollte ihnen nicht zu viele verbale Anweisungen geben, sondern körperliche Reaktionen hervorrufen. Mir war besonders wichtig, dass sie sich gegenseitig anschauen, herausfinden, wer die anderen sind, und miteinander tanzen. Am ersten Tag haben wir deshalb eigentlich einfach nur gemeinsam getanzt. Und genau das ist für mich das Besondere an „Quartett": die Tänzer*innen selbst.

www.regensburger-tanztage.de

Das Interview wurde auf Englisch geführt und für diesen Beitrag sinngemäß ins Deutsche übersetzt. 

Dieser Beitrag ist Teil des Projekts „Stärkung der zeitgenössischen Tanzszene durch journalistische Nachwuchsförderung“ Tanzpakt Stadt-Land-Bund.

 

TANZPAKT STADT LAND BUNDDer Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

Gefördert von TANZPAKT Stadt-Land-Bund aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

BLZT

Dieses Projekt wird ermöglicht durch den Bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT) aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.

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