Im Aufschwung XVIII, „Carpe Diem“ von Raymond Hilbert. Tanz: Bundesjugendballett

Auf gutem Wege

„Im Aufschwung XVIII“ mit dem Bundesjugendballett

In neuer Zusammensetzung präsentierte sich die Junior-Kompanie im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater. Und man ist fast versucht zu sagen: Noch nie waren sie so gut wie heute.

Hamburg, 27/10/2026

Seit 15 Jahren besteht das Bundesjugendballett (BJB) unter seinem Intendanten John Neumeier, alle zwei Jahre wechselt die Zusammensetzung der jungen Tänzer*innen zwischen 18 und 23 Jahren. Es ist eine gute Tradition, das Können und die Philosophie des Ensembles immer wieder mit wechselnden eigenen Programmen unter dem Motto „Im Aufschwung“ zu präsentieren. Jetzt also schon zum 18. Mal. Vier Tänzerinnen und vier Tänzer umfasst die Truppe, und sie sind alle acht in Bestform. Nicht nur technisch, sondern ebenso im Hinblick auf ihre Bühnenpräsenz und ihre Ausstrahlung. Dieser Nachwuchs gibt zu schönster Hoffnung Anlass. 
 

Von klassisch bis modern 

Das jetzt gezeigte Programm wurde geschickt arrangiert von Kevin Haigen, dem Künstlerischen und Pädagogischen Direktor des BJB: Vier der zehn Stücke stammen von John Neumeier, bergen aber ganz unterschiedliche Herausforderungen. „Vaslaw“ zu Klaviermusik von Johann Sebastian Bach (am Flügel einfühlsam gespielt von Mayuko Arita) stammt aus 1979 und ist eine Hommage an Vaslaw Nijinsky; neben den Tänzer*innen des BJB brillierte vor allem Miguel Alves Oliveira als Gast (er war von 2024 bis 2026 Mitglied des BJB). „No Man Is An Island“ schuf Neumeier 2020 für das BJB, ein Pas de Deux (hier mit viel Gefühl präsentiert von Taíssa Pache Pimentel und Max Cowan) zu eigens dazu komponierter Musik des Songwriters David Berton, der live auftrat. Mit Neumeiers Pas de Quatre „Spring and Fall“ zu Dvoráks Streicherserenade hat das BJB einen Klassiker im Repertoire, der heute noch so frisch wirkt wie im Entstehungsjahr 1991. Und als Höhepunkt am Schluss die „Petruschka-Variationen“ aus 1976 zu Klaviermusik von Igor Strawinsky (mit einem großartigen Alexander Vorontsov am Flügel), auch heute noch ein echter Hingucker und mit Hingabe zelebriert vom BJB und drei Gästen. 

Als zeitgenössische Kreationen waren vertreten: der gerade erst neu geschaffene Pas de Trois „Color Red“ von Hamburgs Erstem Solisten Edvin Revazov zu Musik von Maurice Ravel, „Über-Mut“ und „Carpe Diem“ (beide ebenfalls aus 2026) von BJB-Ballettmeister Raymond Hilbert zu Musik von Paul Hindemith und Erich Wolfgang Korngold, „Hide & Seek“ von Marc Jubete aus 2017 zu Musik von Imogen Heap sowie „How Beautiful Is Heaven“ der Chinesin Zhang Disha aus 2014 zu Musik von Peteris Vasks und Arvo Pärt. 

Zusätzlich gewährte Hamburgs Erster Solist Aleix Martínez einen Einblick in den Kreationsprozess für eine Uraufführung zu Musik von Henryk Gorecki – am 18. November hat das Stück dann im Rahmen der Bergedorfer Musiktage im KörberHaus in Hamburg-Bergedorf Premiere. 
 

Selten gewordene Live-Musik 

Bei dieser Mischung war nicht nur eine einwandfreie Technik in Klassisch und Modern gefordert, sondern eben auch eine hohe Wandlungsfähigkeit – all diesen Ansprüchen wurden die acht Tänzer*innen ausnahmslos aufs Feinste gerecht. Wenn man überhaupt jemanden herausheben möchte, dann wäre es der Südafrikaner Hlumelo Quincy Ntshangana, gerade der Ballettschule des Hamburg Ballett entsprungen und ein Ausnahmetalent – sowohl im Hinblick auf seine Darstellungskraft, sein technisches Können als auch seine Präsenz.

Hervorzuheben ist aber vor allem, dass das BJB es sich nicht nehmen lässt, das gesamte Programm zu Live-Musik zu präsentieren. Es ist inzwischen gerade bei kleineren Kompanien eine – meist aus Kostengründen – verbreitete (Un)Sitte geworden, nur noch zu elektronischen Arrangements vom Band zu tanzen. Dass das BJB hier nicht mitmacht, sondern sein Geld auch für die Live-Musik ausgibt, ist nicht hoch genug wertzuschätzen. 

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