„Ich, Eurydike“ von Gabriel Pitoni, Tanz: Ensemble

Nicht ganz einfache Befreiung

„Ich, Eurydike“ von Gabriel Pitoni an der Staatsoperette Dresden

Es ist ein interessanter Gedanke, Eurydike aus dem Schatten von Orpheus zu befreien. Der damit verbundene innere Kampf bleibt hier aber blutleer und unterkomplex.

Dresden, 21/09/2026

Der Gedanke ist einfach. Eurydike wird aus dem Schatten ihres Mannes herausgeholt und durchläuft, ganz ohne ihn, einen Prozess der Emanzipation und Selbstfindung. Das wars schon. Übersichtlich, leicht verdaulich. Für ein Haus wie die Staatsoperette ist das durchaus passend.

Genauso einfach sieht das Konzept des Abends aus. Musikalisch verweben Michael Ellis Ingram, Chefdirigent des Orchesters, und Paul Keilhau für „Ich, Eurydike“ eigene Kompositionen miteinander, der Eine eben mit den Live-Musik, der Andere durch elektronische Klangebenen. Nur sucht man die Musiker*innen vergebens. Dass tatsächlich live gespielt wird, lässt sich nur dank des Bildschirms erahnen, der rechts oberhalb der Bühne so platziert ist, dass die Tänzer*innen den Dirigenten sehen können. Erst beim Schlussapplaus, wenn hinter dem die Rückseite begrenzenden Bühnenbild das Licht angeht, stellt das Publikum entzückt fest, dass das Orchester die ganze Zeit über dort fleißig unterwegs war. Dass dadurch akustische Chancen vergeben werden, liegt auf der Hand.

Der durch diese räumliche Konstellation freibleibende Orchestergraben wird für die Choreografie mitgenutzt, im ersten Teil ganz interessant als leicht versenkte zweite Ebene. Auf der treffen gleich zu anfangs die beiden Liebenden Orpheus (Elito Da Silva de Barros) und Eurydike (Elizabeth Iwasko) zusammen, wobei nicht ganz klar ist, ob sie sich dabei direkt in der Unterwelt oder doch außerhalb derer befinden. Abgetrennt durch eine transparent-milchige Plastikplane wandert das Ensemble im Hintergrund ziellos und stumm umher. 

Reibungsloses Konzept

De Barros tanzte seinen Orpheus zumindest zur Premiere mit etwas überspannter Dramatik, wurde damit aber auch der Energie Iwaskos gerecht. Er räumt bald das Feld, um Eurydike im Wortsinn allen Raum zu lassen. Die elektronischen Linien wabern dazu gefällig und ohne Überraschung durch den Raum. So wird es für den Rest des Stücks auch bleiben.

Der choreografische Ansatz von Gabriel Pitoni schmiegt sich nahtlos an die Musikalität und an ein Lichtkonzept, das alles miteinander auf den Takt genau abstimmt. Das fordert vom Publikum gar nichts. Und genau deshalb funktioniert die Sache auch so reibungslos. Nur eben: reibungslos. 

Die helle Bühne wirkt durch die Wände aus Plastikfolien und mehrere große, silberne Blöcke, die aus der großen Rückwand genommen werden können, zwar nicht direkt steril, in jedem Fall aber kalt. Und damit leider emotionslos. Die Kostüme von Lena Scheerer, mal in Weißtönen, mal in Schwarz und weiteren dunklen Tönen, transportieren mit diesem Verzicht auf Farbe genauso wenig Gefühle. Dabei sollte man meinen, dass es sich bei Eurydikes Kampf doch um die übliche innere Achterbahnfahrt handelt. Auch das Ensemble, mal als Kontrast, mal als Ergänzung zu Eurydike, bringt kaum Emotionalität mit. 

Erst gegen Ende hin, wenn sich Eurydike immer mehr befreit und schließlich der Chor (in Schwarz) hinzukommt, werden die Bewegungen offener, freier, direkt wild, und in die jetzt frei fließenden Kostüme mischt sich ein erdiger Rotton. 

Alles hat hier große Geste, auch die szenenweise cineastischen Klangflächen gehen aufs Ganze. Komplexität bleibt außen vor. Stattdessen wirken plötzliche musikalische und rhythmische Wechsel teilweise unmotiviert.

Wenn zum Schluss hin die seitlich begrenzenden Wände verschwunden sind und eine befreite Eurydike von den Tänzer*innen hochgehoben wird, als liefe sie in den Himmel, wird deutlich, was inszenatorisch eigentlich alles möglich wäre. 

 

Kommentare

Noch keine Beiträge