Dieser Text wurde zwei Monate vor Beginn des neuen Krieges gegen den Iran geschrieben - die hier erwähnten Befürchtungen der israelischen Tänzer*innen und Choreograf*innen, dass gerade nur eine Waffenruhe bzw Kriegspause herrsche, haben sich nun bewahrheitet. Umso wichtiger für uns die Situation der Tanzszene in Israel zu spiegeln, während die Künstler*innen vor Ort wieder ihre Nächte in Tiefgaragen und ihre Tage in Ungewissheit verbringen. Auch ob die von uns recherchierten Gastspiele aus Israel in Deutschland stattfinden können, bleibt angesichts der aktuellen Lage ungewiss. Ein Gastspiel der Kamea Dance Company aus Beʾer Scheva am Staatstheater Saarbrücken musste heute abgesagt werden.
Von Christian Gampert
Israelis tanzen. Das hat mit dem Kibbutz zu tun und mit der Schule, in der alle Kinder tanzen lernen, und mit der Vergangenheit, den 1920er und 30er Jahren, in denen der Tanz immer ein gemeinschaftsstiftendes Element war - und gern auch arabische Einflüsse aufnahm. Tanz hilft in schwierigen Zeiten, auch heute, sogar im Krieg. Man kann in einen Probenraum gehen und etwas choreografieren, das möglicherweise die eigene Situation verarbeitet, die ständige Unsicherheit bei Bombenalarm, die Frage, ob es eine Gemeinsamkeit geben kann mit den Palästinensern und wie eine Lösung für Gaza aussehen sollte.
Spuren an Körper und Seele
Man muss die eigene Arbeit aber auch zeigen können – und das war schwierig während der letzten Jahre. Zuerst war da Corona, dann der 7. Oktober, dann der Krieg. Seit 2020 hat die „International Dance Exposure“ in Tel Aviv nur einmal stattgefunden, das zentrale Schaufenster für die besten Produktionen eines jeden Jahres. Ebenso ging es der „Jerusalem Dance Week“, die vor allem kleinere Formate favorisiert, aber ihre Performances schon mal in Open-Air-Discos ansiedelt. Im Dezember waren beide Festivals wieder live zu erleben – große Erleichterung, dass man vor einem internationalen Publikum spielen konnte.
Aber man sah dort auch, wie versehrt, an Körper und Seele, die israelische Gesellschaft derzeit ist, welche Spuren der Krieg und die politische Isolation Israels bei den Tänzer*innen hinterlassen haben. Je länger man in Israel ist, desto klarer wird die relativ verzweifelte Lage – weil die politische Stimmung sich so sehr gegen das Land gewendet hat. Und weil Israel politisch so gespalten ist in unversöhnliche Links- und Rechts-Lager. Gerade die Künstler*innen, die mit ihrer eigenen Regierung am meisten hadern, werden international boykottiert, kaum noch zu Gastspielen eingeladen. Aber sie produzieren weiter.
Über 60 Aufführungen waren zu sehen: von Großprojekten wie den gewohnt kraftvollen Ensemble-Choreografien des Rami Be’er, der mit seiner „Kibbutz International Dance Company“ gleich die gesamte „Voice of Humanity“ als leicht wiederholungsträchtiges Friedens-Statement auf die Bühne brachte, bis zu sehr kleinen Produktionen, die in ihrer Intimität oft überzeugender wirkten. Man sah Minderheiten-Kulturen, repräsentiert etwa vom Ensemble der wunderbaren Orly Portal, das die marokkanischen Tänze und Gesänge der Mizrachim für Israel nun energetisch auflädt, oder wütende Jugend-Choreos mit Technomusik. Oder die neueste Arbeit des unvergleichlichen Ohad Naharin, dessen „Batsheva Dance Company“ die israelische Situation als „Zoo“ begreift – am Ende steht da zwar ein mit viel Luft aufgeblasener Plastik-Elefant im Raum, offenbar ein Platzhalter für den Ministerpräsidenten; die Tänzer*innen in Naharins israelischem Zoo sind allerdings sehr bühnenpräsente und selbstbewusste Einzelwesen, und die Situation des beengten Freigeheges hat bei Naharin durchaus etwas Magisches.
Wut im Schutzraum
Dennoch: das bescheidene Kammerspiel scheint der Lage Israels viel angemessener. Die (für mich) überzeugendste Aufführung kam von der Choreografin und Tänzerin Talia Beck, die in „Body Shelter“ ihren baumstarken Partner Tom Weinberger zwar immer wieder wütend anspringt, den Körper des anderen aber auch als Schutzraum begreift, weil die Außenwelt so feindlich ist. In dieser technisch virtuos getanzten Paarbeziehung kann man lernen, dass zwischen Liebe und Feindschaft oft nur ein Schritt liegt und dass die körperliche Kollision auch eine Technik der liebevollen Verausgabung sein kann. Es ist nicht falsch, dieses Spiel auf den Nahostkonflikt zu beziehen, wenngleich man es auch als reinen Geschlechterkampf lesen kann. Schutzräume für Körper sind in Israel jedenfalls ebenso notwendig wie in Gaza.
Andere Klein-Performances (in Tel Aviv) berichten davon, wie man sich in beengten Bunkern bewegt – zum Beispiel die „Mid-War Dance Moves“ von Yossi Berg und Oded Graf. Oder sie suchen, wie Dafi Altabeb, Trost in den traditionellen Reigen alter Kibbutztänze. Im Nachwuchswettbewerb „1/2/3“ fiel vor allem das Solo von Rotem Viner Tchaikovsky auf, der verschiedenste Möglichkeiten des Fallens und Wiederaufstehens durchspielt.
Diejenigen, die sich eine überzeugende Form erarbeiten, sind oft schon älter, der Flamenco-tanzende Ironiker Hillel Cogan etwa, der in seinen Shows auch den Kultur- und Politikbetrieb kommentiert, oder die Choreografin Roni Chadash, die in „Performing Love“ die Techniken erotischer Selbstvermarktung dekonstruiert. Das ist bisweilen sehr lustig, aber natürlich auch traurig – und ersichtlich an dem geschult, was wir täglich im Netz sehen können.
Die beiden Festivals haben groß aufgefahren, weil endlich auch wieder Gelder für die Kultur zur Verfügung stehen. Die „Dance Exposure“ fuhr mit uns nach Be’er Sheva in die Negev-Wüste, wo die elegante „Kamea Dance Company“ mit ihrem Leiter Tamir Ginz ein neues Theater bezogen hat und der junge Choreograf Shahar Binyamini jetzt ein „House of Dance“ leitet. Bei Binyamini schleichen animalische Gestalten in immer neuen Kampfkonstellationen umeinander; im Öko-Village der „Vertigo Dance Company“, wo wir den Shabat feierten, geht es dagegen äußerst entspannt zu, auch auf der Bühne.
Stücke als permanentes work in progress
Die israelischen Tänzer*innen sind alle technisch erstklassig ausgebildet; viele sehen sich aber auch als Performer*innen politischer Botschaften - die sie oft in Beziehungsgeschichten verstecken. Dana Ruttenberg, die meist an ungewöhnlichen Orten choreografiert, in Museen oder auf öffentlichen Plätzen, erzählt den Nahostkonflikt als Kampfgeschichte zwischen zwei Männern. Die sich mit kleinen Gesten provozieren, sich schlagen, voneinander ablassen, wieder übereinander herfallen, vereint in mörderischer, aber bisweilen auch zärtlicher Umarmung der Leiber - bis einer kampfunfähig ist. Und der bedauernswerte Besiegte wider jede Vernunft von neuem beginnt. Gespielt wurde das auf dem weiten, mit weißem Marmor belegten Platz hinter dem Suzanne-Dellal-Center, wo an schönen Tagen die Tel Aviver Hochzeitspaare für ein Erinnerungsbild posieren.
Das Stück ist über zehn Jahre alt und hat sich im Lauf der Zeit natürlich verändert, sagt Ruttenberg. Aber das maskuline Bewegungs-Repertoire, aus dem es schöpft, stammt ersichtlich aus Gebieten wie Sport, Popkultur, Hollywood-Kino - und dem Tierreich. Über uns setzen die Passagiermaschinen zum Landanflug auf den Ben-Gurion-Airport an, unten balgen sich zwei Männer auf einem Steinboden mit judo-artigen Kampfsprüngen und Hebe-Figuren.
„Seit sehr langer Zeit haben hier Juden und Araber gelebt, auch Christen und Drusen“ - es gebe zur Koexistenz gar keine Alternative, sagt Ruttenberg im Gespräch auf der Abschlussfeier der „Exposure“. Man brauche ein regelbasiertes Zusammenleben – und so gute Lebensbedingungen für Gaza, dass das Interesse an kriegerischen Auseinandersetzungen schwinde. Ob die Hamas sich entwaffnen lasse? Kein Mensch weiß das. Viele Künstler*innen fürchten, dass der derzeitige Waffenstillstand nur eine Atempause ist. Wirklich hoffnungsvoll ist in der Kunstszene kaum jemand.
Von Tel Aviv nach Jerusalem: Tanz im Krieg
Wechsel zur „Jerusalem Dance Week“, dem Festival für die kleineren Formate. Das „Machol Shalem Dance House“, das hier Gastgeber ist, residiert in einem ehemaligen Kino, das wiederum in einem Einkaufszentrum in den Außenbezirken Jerusalems liegt. Niemand würde hier eine Spielstätte für Avantgarde-Tanz vermuten. Politisch geht es da weiter, wo man in Tel Aviv aufgehört hatte – mit Zweikämpfen.
In Sharon Friedmans Choreografie „Promised Land“ (das verheißene Land, also: Israel) schreitet zunächst eine kapuzenverhüllte Gestalt immer wieder aus dem Dunkel in ein nebliges Licht. Kehrt zurück, geht wieder ins Gegenlicht, dann folgen weitere Figuren. Die sich, schwarz und weiß gekleidet, bekämpfen und verständigen, einander tragen und niederwerfen, mit seltsamer Anmut am Boden schleifen – und die dann zu einem gemeinsamen resignierten Tanz finden werden, bisweilen mit ausladenden Spreizschritten, als wollten sie heraus aus dem ganzen Chaos, in das sie dann zurücksinken. Es ist bei Friedman ein ewiger Kreislauf, den er in seinen Stücken verfolgt – übrigens auch in seiner Performance „Go Figure“, wo eine Figur im Rollstuhl sitzt, mit Krücken tanzt und von einer zweiten Gestalt zu mancherlei Flugeinlagen emporgehoben wird. Auch der Versehrte kann abheben.
Zumindest die psychische Beschädigung allerdings ist real – einer der Tänzer von „Promised Land“ war an der Libanon-Front, ein anderer im Gazastreifen im Einsatz. Man unterbrach die Proben, dann musste einer wieder für längere Zeit in den Krieg. Zum Auftritt in Jerusalem ist er da, und berichtet nichts Schönes vom Straßenkampf in Gaza und den Häuserräumungen. Ja, man ist ständig in Lebensgefahr, weil überall Heckenschützen stehen können oder Anschläge drohen. Jede Wohnung, die man evakuiert, kann eine Falle sein. Ja, man sieht das Leid der Zivilbevölkerung – aber wer ist Zivilist und wer ist Kämpfer? Ja, man tötet Menschen. Ja, man verliert Kameraden. Man ist mit sich allein, um das zu verarbeiten. Oder um zu tanzen. „Promised Land“ ist ein fast sakrales Kämpfen und Springen und Fallen, eine hochartifizielle Bewegungs-Liturgie für die Tragik des Nahen Ostens. Die im tänzerischen Miteinander der Gegner und Verbündeten, wer kann das so genau schon unterscheiden, eine verzweifelte Schönheit entwickelt.
Die Kultur verarbeitet das Politische
Jenseits der ästhetischen Arbeit ist die Tanzszene durchaus politisch aktiv. Auf einem Panel in der Sam-Spiegel-Filmschool berichtete die Tanzhistorikerin Idit Suslik von ihren Bemühungen, die sterblichen Überreste der nach Gaza Verschleppten für eine würdige Beerdigung nach Israel zurückzuholen. Sie war nahezu täglich bei den Kundgebungen der Geisel-Familien vor dem Tel Aviv Museum. Der Komponist Emmanuel Witzthum hält das „Feelbeit“-Künstlerhaus in Jerusalem weiter offen für Begegnungen zwischen Israelis und Palästinensern. Fast alle stehen der amtierenden Regierung kritisch gegenüber und setzen auf die Kleinarbeit künstlerischer Begegnungen mit dem Ausland, die derzeit aber kaum stattfinden. Der Direktor des „Israel Festival“ Eyal Sher sagte, Israel sei in den letzten zwei Jahren kulturell quasi isoliert gewesen.
Das könnte sich wieder ändern, wenn für Gaza eine politische Lösung gefunden wird. Viele Stücke auch der sorgsam kuratierten „Jerusalem Dance Week“ wären es wert, in Europa gezeigt zu werden. Stücke über persönliche Katastrophen und Abhängigkeiten, über den Wunsch, sich unsichtbar zu machen, zum Chamäleon zu werden.
In einer Choreografie von Ofra Idel waren die beiden Tänzerinnen an den Augen mit schwarzen Fäden miteinander verbunden. Bei Yasmeen Godder („Bare on rust“) blieben die Tänzerinnen fast nur am Boden. Bei Maayan Liebman-Sharon gibt sich ein Paar gegenseitig Schutz nach einer Todesnachricht, begleitet von einem alten Kriegslied, das wie aus dem Unbewussten aufsteigt. Bei Iris Erez erzählt ein Mann als historisch gebildeter Reiseführer, warum der Krieg schon immer zu zum Nahen Osten gehörte – und dann zeigt er, dass der Krieg auch in seinem Körper ist.
Ernsthaftigkeit statt Ironie
Die Choreografin Galit Liss ließ auf der „Jerusalem Dance Week“ alte Frauen Teile ihrer Lebensgeschichte erzählen; die sehr unterschiedlichen, welk gewordenen Leiber werden eher beiläufig präsentiert, es geht mehr um die Spuren, die das mühevolle Leben hinterlassen hat. Diese Frauen bilden in ihrer Verletzlichkeit eine auch dramaturgisch originelle Gemeinschaft – und einen Gegenpol zum in Tel Aviv gezeigten „Performing Love“ von Roni Chadash, wo junge schöne Körper ironisch ihren Marktwert testeten.
Aber Ironie ist die Ausnahme auf den beiden Festivals. Die Trauer über die Ermordeten und Gefallenen ist in vielen Choreografien da, die Gefährdung der israelischen Gesellschaft, aus der manche jetzt gerne weggehen würden – aber das Bedürfnis nach einem Neuanfang, nach einem Überwinden des Traumas vom 7.Oktober und, ja, nach so etwas wie Schönheit ist ebenso spürbar.
Europa täte gut daran, nicht nur die großen israelischen Choreographen Hofesh Shechter, Sharon Eyal, Emanual Gat oder Ohad Naharin wahrzunehmen, die überall gefragt sind. Sondern auch die vielen kleinen Produktionen, in denen junge Choreograf*innen ihr Leben in Israel befragen. Wenn man sie einlädt, kann man lernen, was das heißt: Künstlerisch arbeiten in einer Region, in der man von vielen nicht gewollt wird. Leben im ständigen, gewalttätigen Konflikt.
Einen ersten Eindruck der wiederaufgenommenen deutsch-israelischer Zusammenarbeit lieferte im Januar das Israel gewidmete Festival „Embodied Dissent“ am Hessischen Staatstheater Kassel. Auf Initiative des Kasseler Tanzdirektors Thorsten Teubl trat dort das sehr ambitionierte „1/2/3“-Projekt des Suzanne-Dellal-Centers auf, preisgekrönte Arbeiten junger Choreograf*innen, die Dellal-Chefin Naomi Perlov betreut hat – Solo, Duo, Trio. Und die natürlich die israelische Situation spiegelten. Neben schon etablierten Choreografien von Eyal Dadon („Shuv“) und Hofesh Shechter („the bad“) für „Tanz Kassel“ spielte man neue Stücke von Roni Chadash, Klil Ela Rotshtain und Michael Getman. Und die hauseigene Kasseler Sacre-Produktion „Last Spring“ von Yossi Berg und Oded Graf.
Auf dem inklusiven Festival „EveryBody“ in Nürnberg wird am 19. und 21. März die Sharon Fridman Company auftreten, am ersten Abend mit „Go Figure“, am zweiten mit „Break a leg“.
Niv Sheinfeld und Oren Laor sind vom 24. - 28. März mit "Disco, Baby!" und "The Third Dance" im Dock 11 in Berlin zu sehen. Hier wird vom 12. - 14. April auch "ONE STRIKE SALVATION" von Yotam Peled & Nitzan Moshe gezeigt.
Im Juni gastieren beim „Dancefirst“-Festival in Fürstenfeldbruck Sharon Eyal (16. Juni mit „Delay the Sadness“) und Shahar Binyamini (24. Juni mit „New Earth“/„Bolero X“) mit ihren Companies; im Programm der „Gauthier Dance Juniors“ am 23. Juni ist in Fürstenfeldbruck auch ein Stück des israelischen Choreografen Barak Marshall („The blue brides“) zu sehen.
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