„Kipppunkte“ von Yeliz Pazar

Aus Druck

Doppelabend „Kipppunkte“ am Theater Oberhausen

Erst innere Zerrissenheit, die unter enormem Druck zu stehen scheint. Dann ein Blick zurück aus dem „Danach“. Kann uns etwa nur noch die Religion retten?

Oberhausen, 24/10/2026

Die Sache mit der Not und der Tugend: Das Theater Oberhausen lässt gerade sein Vorderhaus auf Vordermann bringen. Barrierefreiheit ist das Stichwort. Die Studiobühne ist währenddessen zwar problemlos zugänglich, aber der große Saal nicht. Und was macht man da? Man spielt eben einfach hinter dem Eisernen Vorhang. Das reduziert zwar die ursprüngliche Platzkapazität um drei Viertel auf knapp über 100 Sitze, aber die interimistisch konzipierte „Raumbühne“, wie sie am Haus das Konzept so schick nennen, zwingt die inszenatorischen Kräfte gleichzeitig geradezu zu Kreativität. Da wird nämlich nicht etwa für jede Inszenierung das passende Podium reingebastelt. Der Raum ist eine Arena, eine runde Spiel- oder Tanzfläche, an deren Rand sich das Publikum in zwei Gruppen gegenübersitzt, als Kreissegment entsprechend nah dran an allen und allem. Da kann sich niemand hinter einem Bühnenbild verstecken. 

Und eine Raumbühne ist das wirklich. Da sitzt das Publikum unter diesem hohen Schnürboden, der geradezu dazu einlädt, als Teil einer Inszenierung gefüllt zu werden. Und das macht Bühnenbildner David Camargo für den Doppelabend „Kipppunkte“ mit einer riesigen Konstruktion, die aus vier unförmigen Gittern zusammengesetzt ist, die sich jeweils getrennt voneinander bewegen lassen und in denen parallel zum Boden schmale Lamellen hängen. Durch die Größe und die Nähe zum Publikum wirkt das durchaus bedrohlich, als wären die Lamellen scharfkantig wie ein Fallbeil. 

Im Gefängnis der Konflikte

Yeliz Pazar lässt im ersten Teil das sechsköpfige Urban-Ensemble unter diesem „Dach“ in einer diffusen Atmosphäre einen inneren Kampf ausfechten, der von Zerrissenheit und Zweifeln spricht. Reibungen werden zwischen den Tänzer*innen sichtbar. Konflikte lasten schwer auf den Körpern. Widersprüche und Komplexität. Der Gegner im Kampf ist das eigene Ich. Entsprechend schwer ist es, sich in dieser Situation gegenseitig aufzufangen oder zu stützen.

Wenn schließlich das Licht von oben durch die Deckenkonstruktion fällt, wirken die Schatten auf der Tanzfläche wie die Gitterstäbe eines Gefängnisses. Aus diesem inneren Gefängnis suchen die Tänzer*innen rastlos einen Ausweg. Alles steht unter Druck. Die Bewegungen selbst sind sichtbar dieser Druck selbst. Die Geste ist die Message an sich. Hier wird nichts erzählt. Hier wird gezeigt. Die Form ist der Inhalt. 

Trotzdem gibt es einen Wandel, das Licht wird wärmer, die bis dato teils bedrohlich grollenden Sounds harmonischer. Und dann doch synchron, gemeinsam, Stärke in der Zuversicht. Das sollte man aber weder als Entwicklung noch als Lösung lesen. Der Druck bleibt. Nur die Teile der Deckenkonstruktion stellen sich plötzlich senkrecht, sodass sich die Lamellen überlappen und geschlossene Wände bilden. 

Die unbedingte Power, die aus diesen Tänzer*innen spricht, findet man aktuell selten außerhalb von Urban-Ansätzen. Dort wiederum scheint sie fast schon typisch. Und trotzdem nimmt Christian „Robozee“ Zacharas im zweiten Teil spürbar den Druck raus. 

Ein Kontrabass ruft den Priester

Jenseits der Kipppunkte aus dem Titel wandeln die Tänzer*innen jetzt wie Seelenlose durch eine leicht gespenstische Anderswelt. Hier ist alles brüchig. Krämpfe, Husten, Schreie. Obwohl die Kostüme jetzt heller ausfallen, ist die innere Qual eine dunkle. Der Druck, jetzt kommt er von außen. In isolierten Gesten kämpfen alle unter den schweren Klängen eines Kontrabasses, bis eine Art Priester in bodenlangem Gewand mit Kapuze auf den Plan tritt, und wie zur Erlösung kleine, einzelne Lichter auf dem Arm trägt. Ein langer Text aus dem Off spricht über die Beziehung von Bedeutung und Form. Die Arme der Tänzer*innen wirken, vor der Brust verschlossen, wie gefesselt. Erlösung bringt ein wildes Kreisritual, das, ganz passend zur semi-religiösen Atmosphäre, ein fetischartiges Gebilde aus riesigen Knochen aus dem Schnürboden auftauchen lässt. Zwar wohnt diesen Charakteren noch Kraft für das Leben inne, trotzdem endet alles mit einer simplen Grablegung. Am Ende stirbt jeder für sich.

Intensive Raumwirkung

Zwei unabhängig voneinander entwickelte Stücke zu einem Abend unter einem Titel zusammenzuschweißen, lässt die beiden Arbeiten miteinander kommunizieren und sich wechselseitig aufladen. Durch die Raumsituation ist die Wirkung der Inszenierung so intensiv, dass sich die Kraft des Ensembles unweigerlich auf das Publikum überträgt. Das liegt auch nicht zuletzt an den Sounds von Artomático und Randomhype, die zwischen Beats und rauschiger Atmo in jedem Moment genau die richtige Färbung finden. 

Die direkte Nähe des Publikums zu den Tänzer*innen ist für diesen intensiven Bewegungsansatz, den beide Stücke zeigen, genau das Richtige. In der Regel mag dafür trotzdem kaum jemand unbedingt in der ersten Reihe sitzen. Wer sich aber bei diesem Stück auf die direkte Nähe einlässt und sich einen Platz in der ersten Reihe sichert, bekommt ein unerwartetes Erlebnis noch obendrauf, das im Publikum so schnell niemand vergessen wird. 

 

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