„Deep Sea Baby“ von Marlene Helling

Flache Wasser

„Deep Sea Baby“ von Marlene Helling im Ringlokschuppen Ruhr

Im Trockenen diskutieren die Mitglieder der International Seabed Authority (ISA) über ihre Eingriffe auf dem Meeresboden. Dort unten tanzen die Lebewesen zum aufgezwungenen Takt dumpfer Motorengeräusche.

Mühlheim / Ruhr, 01/02/2026

Von Lena Mareike Lyssy

Immer wieder ein Tisch, Redner*innen dahinter und ein Verschieben kleinster Formulierungen. Der „Mining Code“ wird verhandelt. Welchen Wortlaut braucht es, um Ökosysteme 6000 Meter unter dem Meeresspiegel zu schützen? Welche Umformulierungen braucht es, Schutz zu gewährleisten – natürlich – und dennoch bald mit dem Abbau metallhaltiger Manganknollen auf dem Meeresboden beginnen zu können? Brasilien, China und die Niederlande diskutieren im trockenen Fachjargon in den gezeigten ISA-Sitzungen. Marlene Helling und ihre Mitperformerinnen Mona Sachße und Josephine Kalies erklären. 

Erwartbares Aussterben

Erstmal heißt es dieselbe Pose einnehmen, um das Artikelgefeilsche und die Paragrafenmodellage nachvollziehen zu können. Wie die Sitzungspräsidentinnen der ISA verharren Helling, Sachße und Kalies hinter einem Konferenztisch und erläutern, was auf Videoausschnitten zuvor verhandelt wurde. Als sie ihr Publikum für nun fachkundig genug in Sachen Tiefseebergbau oder doch eher Tiefseeausbeutung halten, lösen sie mit synchronem Schreibtischballett den Vortrag auf. Die Kugelschreiber klicken, mit Entschlossenheit stützt man sich auf die Tischplatte, und vom Gesagten noch nicht überzeugt, lehnt man sich skeptisch auf den Stuhl zurück. Zwo, drei, vier.

Schließlich wird der Schauplatz des Geredes doch noch verlassen, und gemeinsam tauchen wir zum besprochenen Schauplatz hinab – auf den Grund der Clarion-Clipperton-Zone im Pazifik. Leider ist es hier unten genau so, wie wir es uns vorgestellt haben. In dunkles Licht getaucht mimen die Performerinnen Lebewesen der Tiefsee, die sich gemächlich von den dumpf sonoren Motorengeräuschen der Abbaumaschinen treiben lassen, bis sie daran zugrunde gehen und leblos am Boden liegen bleiben. Traurig für die Artenvielfalt der Meere. Schade für die Zuschauenden an Land.

Tiefenrecherche sucht Form

Zwei Jahre recherchierte Marlene Helling für „Deep Sea Baby“. Davon zeugen Interviewsequenzen mit Expert*innen und die Aufbereitung von ISA-Sitzungsprotokollen in für Laien verständlicher Weise. Wer zuvor noch nie etwas von der Clarion-Clipperton-Zone, Manganknollen und der International Seabed Authority gehört hat, der verlässt den Ringlokschuppen Ruhr an diesem Abend durchaus informierter. 

Doch wo sich die Performance vom reinen Informationsauftrag löst, bleibt sie leider flach wie der Meeresgrund vor dem Aufwirbeln durch Abbausaugroboter. Was schade und vor allem nicht repräsentativ für Hellings Auseinandersetzung mit dem Thema ist. Ihre mehrjährige Recherche sammelte diese in einem umfangreichen Workbook, das ihr bereits 2025 als Grundlage für die Lecture Performance „Deep Sea Reading“ im Deutschen Bergbaumuseum Bochum diente. Wie aber all das Wissen performativ auf die Bühne bringen?

Die live gemixten Klanginstallationen der Soundkünstlerin Juli Grönefeld helfen beim Abtauchen in erdachte Tiefen. Dumpfe Verzerrungen, so klingt es unter Wasser. Und immer wieder erinnert uns Mona Sachße mit ihren Interpretationen des Welthits von Lykke Li an den Ohrwurm, der uns noch über die Performance hinaus begleiten wird: „I, I follow - I follow you, deep sea, baby.“ Aber so richtig werden die angebotenen Klangbilder und algenartigen Bewegungen der Performerinnen nicht dem gerecht, was hätte sein können. Sie bleiben an der Oberfläche, von der aus man nur erahnen kann, was noch alles darunter im Verborgenen liegt.

 

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