Frida Kahlo, der Tod und die Bedeutung von Farben
„Frida“ von Ricardo Fernando am Staatstheater Augsburg
Frischer Wind für Schlüsselwerke der Tanzmoderne: Didy Veldman war vor vier Jahren das erste Mal in Augsburg zu Gast, um ihr Stück „Frame of View“ einzustudieren. Nun schickt sie in „Les Noces“ die komplette Kompanie in weißen Kostümen (Bregje van Balen) los und lässt sie gewitzt mit Hochzeitssymbolen spielen. Eltern oder Freunde spielen in Veldmans Überschreibung keine Rolle. Ebenso wenig das Muss, den Bund fürs Leben einzugehen. Ansatzpunkt der Niederländerin ist die Idee des Zueinanderfindens. Blumensträuße werden überreicht und geworfen. Die 18 Tänzerinnen und Tänzer probieren sich wechselweise in zwei rückseitenlosen Gewändern für Braut und Bräutigam aus.
Der Versuch, eine Antwort auf die Frage zu finden, wer zu wem passt und ob bloß für kurze Zeit oder auf Dauer, scheint die gesamte Gruppe umzutreiben. Da gehört bei den Paaren, die sich für intensivere Duette aus dem Kollektiv lösen, Frust und Enttäuschung dazu.
Imme Kachel hat eine hohe hellblaue Wand mit vier stuckverzierten Türöffnungen schräg in den Raum gestellt. Im Hintergrund dieses durch wenige Versatzstücke angedeuteten festlichen Partyambientes zeichnet sich der farbige Schimmer eines Sonnenuntergangs auf einem Wolkenhorizont ab. Glockenklänge sind zu hören – hinzugefügt von dem Sounddesigner Dave Price. Feierliche Stimmung soll wohl auch der verbogene Lüster über den pulsierenden Protagonist*innenströmen verbreiten, die ihre schnell changierende Gemütsgemengelage aus Aufregung, Bedenken, Vorfreude und gegenseitiger Neugierde ziemlich explosiv durch das Stück tragen.
Beziehungsstatus: It's complicated
Während Einzelne ihren Beziehungsstatus noch körperlich ausdiskutieren, tanzen Andere aufgekratzt und lassen bereits Konfetti fliegen. Glücklich schätzen dürfen sich diejenigen, die zum Schluss Hand in Hand ins Abendrot schreiten. Viel individuelle Freiheit, Licht und Heiterkeit schwingt in dieser sehr atmosphärischen Variante von „Les Noces“ mit, obwohl Streit oder Trennung durchaus strukturell-emotionale Bestandteile sind.
Ballettchef Ricardo Fernando öffnet hingegen einer nicht näher bestimmten Dunkelheit im menschlichen Miteinander und dem Zwang, etwas Schreckliches tun zu müssen, die Pforten. Dazu reicht ihm eine leere schwarze Bühne. Seine „Sacre“-Adaption beginnt sachte, musikalisch unterlegt (einleitendes Vorspiel: David Nigro) vom zur Dauerschleife verfremdeten Anfangsmotiv des Fagotts, noch bevor das Publikum nach der Pause wieder seine Plätze eingenommen hat.
Fernando war zuvor Tanzspartenleiter in Bremerhaven, Chemnitz, Pforzheim, Regensburg und Hagen. Die neue „Le Sacre du printemps“-Version für sein gegenwärtig spitzenmäßig aufgestelltes Augsburger Ensemble ist das Resultat seiner bereits sechsten Auseinandersetzung mit der „Sacre“-Musik. Das Tolle an dieser Interpretation ist ihre puristische Schlichtheit. Im Zentrum steht die physisch geforderte Kompanie.
Zusammenhalt bis zur Opferbereitschaft
Sobald das Licht im Saal erlischt, nehmen alle dieselbe Position am Boden ein. Beine schleifen über den Boden oder ragen in die Luft. Bewegungen in Reihen treten optisch Wellen los. Die Musik (vom Band) wird zum Antrieb, und die über die ganze Bühnenfläche verteilten Interpreten rücken eng zu einem Block zusammen. Paare formieren sich. Das und wiederholtes Sich-Umklammern stärken den Zusammenhalt noch. Männer wirbeln Frauen um ihre Schultern. Partnerinnen fliegen in die Höhe. Aus zunehmend virtuoseren und impulsiveren Kreisformationen schöpft die Gemeinschaft weitere Kraft – so lange bis eine der Tänzerinnen bereit ist, sich zu opfern.
Dass es genau darum geht, macht Fernando in ruhigeren Passagen deutlich, wenn er die Tänzer*innen herumgehen und viele Blicke wechseln lässt. Am Premierenabend darf Martina Piacentino (alternierend mit Kako Kijima) die fatale Entscheidung treffen. Die Männer bringen Schalen mit Wasser herein. Die Frauen waschen sich Hände, Gesicht und Nacken darin. Das archaische Ritual gilt dem Opfer in ihrer Mitte, das sie anschließend bis auf die Unterwäsche entkleiden, ganz gleich wie verzweifelt dieses nun ins Publikum blickt.
Eingekesselt von der Gruppe, die nun wie eine Mauer aus Entschlossenheit um sie herum agiert, beginnt sich Martina Piacentino mit offenen Haaren in eruptiven Schrittfolgen zu Tode zu tanzen. Schließlich fällt sie zu Boden. Danach erst erklingt der Schlussakkord. Zugleich wird ihr Körper in die Luft geworfen. Atemlose Stille, gefolgt von heftigem Jubel.
Eigene schlüssige Lesart?
Beide Werke waren ursprünglich für Sergej Diaghilews legendäre Ballets Russes entstanden. Vaslav Nijinskys „Sacre“ mündete 1913 bekanntlich in einen Skandal. Seitdem wird wohl keine andere genuine Ballettkomposition des frühen 20. Jahrhunderts tänzerisch häufiger neu gedeutet als diese. Seltener in den Spielplänen taucht der 1923 erstmals von Bronislava Nijinska in eine formal starke Bildmotivik verpackte Sprint durch die zeremoniellen Stationen einer bäuerlich-russischen Hochzeit auf. Doch auch hier bleibt jede Auseinandersetzung mit Strawinskys komplexer Partitur wie dem ursprünglichen Libretto eine Herausforderung im Hinblick auf eine eigene schlüssige Lesart.
In ständigen Schüben steuern beide Stücke in Augsburg rhythmisch wild auf ihr jeweiliges Ende zu. Eine inhaltliche Klammer bilden Gemeinschaftsgefühl, Zusammengehörigkeitsrituale und die generelle Energie, die mal von Einzelnen, mal von Paaren ausgeht. In der Gegenüberstellung summieren sich die zeitgenössischen Uraufführungen zur dynamischen Powerschleuder – formschön, reich an emotional mitreißenden Momenten und radikal grausam zugleich.
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