Von Müttern und Krokodilen
Cristina D´Alberto mit „To B.E.“ im Playground in München
Eine intergenerational movement exhibition nennt Cristina d’Alberto ihre Arbeit, mit der sie die Stadtbibliothek im Münchner HP8 bespielt. Und trotz Wortungetüm passt das. Sechs Performer*innen, ganz verschieden hinsichtlich Alter, kulturellem Hintergrund und sexueller Identität. Dass die Performer*innen zugleich Kollaborator*innen sind, ist bei Namen wie Quindell Orton, David Russo und Jasmine Ellis, die die Münchner Szene seit vielen Jahren auch als Choreograf*innen prägen oder Artemis Sacantanis, die über 40 Jahre lang an Gärtnerplatztheater tanzte und assistierte, kein Wunder. Sechs Biografien bewegen sich hier über die offenen Galerien des Gebäudes, über die Stockwerke hinweg und nehmen das Publikum wörtlich mit auf eine (Zeit-)Reise. Der Ausstellungscharakter wird durch eine Installation mehrerer Videos ergänzt, die sich mit akustischen Einspielungen zusammentun, die an verschiedenen Stellen zu hören sind. Jahreszahlen als Meilensteine und Zäsuren, dazu: „Meine Mutter starb“ oder „Ich kam nach Deutschland“.
Dadurch wird deutlich, wie doppeldeutig der simple Titel ist, lesbar neben „über Zeit“ auch als „[Es ist] an der Zeit“. Und sie kommt, die Zeit. Unausweichlich. Die Stimme einer älteren Frau (Artemis Sacantanis) erzählt, wie sie sich aus den Dingen herauszieht, wie sie wahrnimmt, junge Menschen würden ihre Zeit vertrödeln.
Die Bewegungen der Performer*innen vermischen sich mit denen des Publikums, nicht nur durch die unmittelbare Nähe. Die langgestreckten Galerien werden zu Zeitstrahlen, auf denen sich die Performer*innen beliebig bewegen können, mit einem verharrenden Blick zurück, einem Blick nach vorn. Wiederbegegnungen, wie nach langer Zeit, vielleicht mit jemandem, der schon lange nicht mehr lebt. Da hört man vom ersten Blick aus den Augen der Tochter. Und dem letzten Blick in die Augen des Vaters. Dazwischen liegt viel. Und viel zu viel davon ist irrelevant. Aus dem unteren Foyer hört man das Klappern von Geschirr. Weit weg scheint das zu sein. An Tischen sitzen vereinzelt Besucher, arbeiten an PCs oder lesen. Wer ist gerade ganz nah, was ist gerade wirklich weit weg?
Nachdenkliches Schwanken zwischen Hin und Her
Immer wieder halten sich die Performer*innen den eigenen Mund zu. Bewegungen scheinen ihnen schwer zu fallen, fast wie eine zwingende Notwendigkeit. Und zwischen allem ein nachdenkliches Schwanken zwischen Hin und Her. Oder auch Bewegungslosigkeit, im Moment.
Als die Gruppe schließlich zu sanften, irgendwie harmonisch-versöhnlichen Beats zusammenkommt und damit eine Gemeinschaft zeigt, machen plötzlich kleine Büchlein mit je einem Stift die Runde. Die Besucher*innen werden gebeten, darin eigene Gedanken zu teilen: Welche Frage beschäftigt dich schon seit längerer Zeit? Einzelne Antworten daraus liest der jüngste Performer am Ende vor: Was bedeutet erwachsen sein? Gibt es ein Ziel? Werde ich loslassen können? Wie endet es? Und dann, völlig unvermittelt: „Gehst du mit dem Hund raus?“ Das, allerdings, steht wohl in keinem dieser kleinen Bücher. Wozu auch?
Es braucht mehr solcher Konzepte, die auf die oft noch stark unterschätzte Bedeutung Dritter Orte in der heutigen Zeit hinweisen. Im Zuge dessen ist auch immer wieder und immer noch die Rede davon, dass und wie sich auch Bibliotheken in ihrer Funktion neu erfinden müssten. „About Time“ zeigt, wie das ganz ohne größeren Aufwand funktioniert.
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