„10000 Gesten“ von Boris Charmatz 

Mut zur Hässlichkeit, Mut zur Hoffnung

„10000 Gesten“ von Boris Charmatz beim Mannheimer Sommer

Hier zählt jede Bewegung gleich: ein verwegener Sprung genauso wie ein verlegenes Kratzen im Schritt, ein Katzenbuckel genauso wie eine wilde Sturzgeburt, eine rasante Drehung genauso wie ein leichtes Fingerspiel oder gelegentlich untergemischte Zitate aus dem Bewegungsrepertoire im Bühnentanz.

Mannheim, 28/06/2026

Der Choreograf Boris Charmatz ist hierzulande vor allem bekannt ehemaliger Leiter des Wuppertaler Tanztheaters. Nur drei Jahre (2022 bis 2025) hat sein Engagement gedauert. Zwar wurden nach seinem Weggang die Gründe nicht öffentlich breitgetreten, aber vermutlich haben der Franzose mit seinen radikalen choreografischen Versuchsanordnungen und die Gralshüter des künstlerischen Erbes von Pina Bausch aus konträren Blickwinkeln auf diese Aufgabe geblickt. Charmatz trennt nicht zwischen Tanz und Bewegung jedweder Herkunft. Seinem Tanzstück „10000 Gesten“ (2017 für die Berliner Volksbühne konzipiert) liegt beispielsweise das Konzept zugrunde, dass sich keine einzige Bewegung auf der Bühne wiederholen darf. Dabei herausgekommen sind 60 Minuten brodelndes, lautes, radikal getriebenes, Mut zur Hässlichkeit wie zur Hoffnung zeigendes Leben auf der Bühne. 

Das sechzehnköpfige Ensemble ist so divers zusammengecastet, wie es nur geht – auf der Tanzbühne unübliche Körper scheinen ausdrücklich erwünscht. Für die Herausforderung, kontinuierlich, pausenlos und in hohem Tempo Bewegungen zu erfinden, ergeben sich dabei radikal individuelle Lösungen. Hier zählt jede Bewegung gleich: ein verwegener Sprung genauso wie ein verlegenes Kratzen im Schritt, ein Katzenbuckel genauso wie eine wilde Sturzgeburt, eine rasante Drehung genauso wie ein leichtes Fingerspiel oder gelegentlich untergemischte Zitate aus dem Bewegungsrepertoire im Bühnentanz.

Für diese teilweise phantastisch kostümierte, teilweise beinahe nackte Horde muss sich Mozarts „Requiem“ mit der Rolle einer Hintergrundmusik begnügen. Die Tonaufnahme geht stellenweise in Geschrei, absurdem Gesang und Gebrüll unter. „Dies Irae“, den Tag des Zorns, stellt sich Charmatz durchaus irdisch vor. Auch wenn die Tänzer*innen nie dasselbe und kaum das gleiche machen, animieren sie sich doch gegenseitig zur variablen Nachahmung oder zu solistischen Ausbrüchen. Charmatz hat viel Raum für Improvisation gelassen, aber er setzt die Wucht der Gruppe in Körperknäulen oder fast skulpturalen Stopp-Momenten mit großem Gespür für effektvolle Brüche ein.

Angetrieben vom hektischen individuellen Zählen ihrer Bewegungseinheiten stürmt die Truppe zwischendurch ins Publikum, balanciert waghalsig auf Stuhllehnen und belästigt ein gekonntes bisschen die Zuschauer. Einen Moment des kollektiven Innehaltens bietet das Sopransolo „Agnus Dei“. Unbeweglich am Bühnenrand postiert, lauschen die Mitwirkenden den letzten Tönen, die Mozart angeblich vor seinem Tod komponiert hat. Dass Mozarts „Requiem“ unvollendet blieb, dient ihnen am Ende als Ansporn, die Vielfalt des Lebens - bunt, schön und hässlich zugleich - nicht enden zu lassen. Die Besucher im OPAL beim Festival „Mannheimer Sommer“ vernahmen die Botschaft offensichtlich gern.  

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Boris Charmatz hat es sich nicht nehmen lassen, sein Ensemble selbst nach Mannheim zu begleiten. Bei so großer Prominenz kam echte Festivalstimmung auf – und die leise Frage, ob eine Stadt mit der Größe von Mannheim sich nicht auch ein Tanzfestival leisten könnte? Heidelberg hat mit der „Tanzbiennale“ vorgeführt, wie das gehen kann – natürlich nur mit Hilfe von Sponsoring und klugem Kuratieren. Zur Erinnerung: Das letzte große Tanzfestival am Nationaltheater (in der Ära von Philippe Talard) ist mehr als drei Jahrzehnte her. 

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