„La mer en moi“ von Helge Letonja

Traum und Trauma

„La mer en moi“ von steptext dance project in der Schwankhalle Bremen

Eine Geschichte zwischen Herkunft und Ankunft: Kossi Sébastien Aholou-Wokawi und Médoune Seck zeigen die ungewisse Reise dazwischen.

Bremen, 20/05/2024

Von Rainer Beßling

Ein Tisch, der das Ankommen und das Zurückgelassene, der die Beherbergung und die Gemeinschaft symbolisiert, der aber auch wie in einem Sezierakt für die Durchleuchtung von Leib und Leben steht. Das den Boden flutende Wasser, das die prekären Passagen von Flüchtenden verbildlicht. Und ein Koffer, in dem sich die mobile Identität verbirgt: das Gepäck mit den Alltagsutensilien und das Gepäck der Vergangenheit. In diesem die Bühne füllenden Dreieck erzählt das Tanzstück „Das Meer in mir“ eine Geschichte, vielleicht die Geschichte, der Migration.

Zwei Protagonisten (Kossi Sébastien Aholou-Wokawi, an seiner Seite Médoune Seck) nehmen das Publikum mit auf eine unsichere Reise ins Ungewisse. Den Tanz umgibt nicht nur eine stilistisch und formal heterogene Musiklandschaft (Volker Klein), er wird auch getragen von einer poetischen, eindrücklichen Textcollage (Ela Fischer). Die Autorin wurde im Senegal geboren, wuchs in Frankreich auf und lebt in Bremen. Die Reise ist keine Passage von A nach B, sondern physisch und psychisch ein Pendeln, ein Hin- und Hergeworfensein zwischen Herkunft und Ankunft, zwischen Verwurzelung und Fliehkraft, Zuversicht und Leid. Eine Odyssee, in der sich Orte, Menschen, Kulturen, Verbindungen und Trennungen verwirbeln. Die Choreografie in einer von Wasser zwischen Flut und Flucht bestimmten Kulisse greift die Modi und Motorik der lebensbedrohlichen und von Lebenswillen angetriebenen Überquerung der Meere auf. Schwimm- und Schwebebewegungen wechseln mit Aufwärts- und Abwärtsgesten ab, mit denen sich Hoffnung und tiefe Furcht assoziieren lassen. Schon fast untergegangen, dann wieder aufgehoben, spült ein unberechenbares Schicksal den Aufgebrochenen seiner Zukunftsprojektion entgegen.

Fliehen, Fließen, Fliegen

Der oft fast selbstmörderische Plan der Flucht, welche die Fäden zu den familiären Netzen kappt, findet seinen Ausdruck in tänzerischen Gesten und Gebärden des Fliehens, Fließens und Fliegens zugleich. Der Aufbruch ist zugleich Abbruch. Die Brüche wirken lebenslang. Hier spiegeln sich Hoffnung auf ein sicheres, friedliches Leben und Zusammenprall mit einer fremden, feindseligen Realität. Der Weg zu dem ersehnten, unbekannten Ort ist verbarrikadiert. Die Wärter machen es zum feindlichen Territorium. Ein Ringen um das Ankunftsrecht entwickelt sich in einer Szene zur Farce, hysterisches Gelächter begleitet das Kräftemessen zwischen Verteidigung der territorialen Hoheit und dem Recht auf einen menschenwürdigen Lebensort. 

Wer die beiden sind, an welchem Ort sie sich gerade begegnen, welche Station in dieser  Aus- und Einreise sie gerade absolvieren – all das bleibt offen. Nicht offen bleibt, was die Flucht über das Meer mit Menschen macht. Die Geflüchteten tragen das Zurückgelassene und die Zurückgelassenen in sich. Die Passage, die sie an existenzielle Grenzen und Abgründe führt, gräbt sich in ihr Körpergedächtnis. Das Meer, aus dem alles kommt und das alles verschlingt, lässt sie nicht mehr los. Im Spektrum der aktuellen medialen Aufreger scheinen die Dramen, die sich auf den Migrationswegen übers Wasser abspielen, in den Hintergrund zu rücken. Für Helge Letonja, Kossi Sébastien Aholou-Wokawui, Médoune Seck und Ela Fischer Anlass genug, das Thema aufzugreifen und das individuelle Drama hinter der politischen Debatte in einer durch Unmittelbarkeit, Formbewusstsein und Intensität berührenden Choreografie erlebbar zu machen.

 

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