Solonacht: Gruppenimprovisation

Von Breaking bis zum Drama King

Manchmal sind die Männer eben in der Überzahl

Preisträger und Finalistinnen des Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festivals Stuttgart gestalteten die spannende Solotanznacht in Regensburg

Regensburg, 21/11/2022

Es ist seit Jahren ein festes Ritual. Wenn die Tür zum Studententheater aufgestoßen wird, sind die Sitzreihen im Nullkommanix gefüllt. „Wir freuen uns jedes Jahr auf die Solotanznacht“, verrät ein gut aufgelegter Nachbar. Er hat in der ersten Reihe Plätze für sich, seine Tochter und Partnerin ergattert. Sein Bruder sei Profitänzer, verrät er noch, „ein harter Job“.

Davon war bei Anette Toiviainen zunächst wenig zu spüren. Wie ein Blumenkind der 1960er Jahre schreitet die finnische Tänzerin in orangefarbener Latzhose über die kahle Bühne. Sie stellt ihr Windlicht ab, setzt sich und wird zu schneller Latinmusik geschüttelt wie in einem ratternden Zug. Die Hippieanalogie setzt sich im erblühenden Tanz fort, bis die Stimmung mit einer anderen, langsamen Musik zu kippen droht. Plötzlich wirkt die Tänzerin in ihrer eigenen Choreografie „adulthood“ getrieben, geplagt von unsichtbaren Zwängen, die Unbefangenheit ist dahin. Wenn das tanzende Licht auf dem Kopf den Weg erleuchtet, kehrt sie verändert zurück.

Auffällig bei den diesjährigen Preisträgern und Finalistinnen des Solotanz-Festivals Stuttgart ist die starke Präsenz junger Männer; unter den sechs Teilnehmern sind nur zwei Frauen. Zudem kommt viel elektronische Musik zum Einsatz, die ins Geräuschhafte, monoton-technoide schwappt. Repetitive Sounds legen das Fundament für den rumänischen Tänzer Adrian Popa in „Hope4us“, das er in abgewetzter Straßenkleidung tanzt. Popa ist das, was man im Normalleben einen Drama King nennen würde. Seine Choreografie scheint vor Pathos überzulaufen. Das verträgt sich allerdings blendend mit seinem kraftvollen Stil, in welchen er akrobatische Elemente der street culture und des Hip-Hop eingebaut hat.

Während sich Popa die Hoffnung bildhaft zu Herzen nimmt, fühlt sich der Niederländer Noah Oost regelrecht gewürgt, von seinen Gefühlen abgeschnitten, wenn er sich im hektisch-expressiven Tanz an den Hals greift. In weiten Schritten und Sprüngen wendet er sich hierhin und dorthin, trifft auf Enttäuschungen. Er entblößt sich, was sich auch in der weißen Unterwäsche abbildet, die er bei seiner Choreografie „last archive“ trägt. Dabei beginnt er leicht und bilderbuchschön mit Kinderhüpfspielen. Aber schon das heftige Klatschen des nackten Fußes auf den ungeschützten Unterschenkel spricht eine deutliche Sprache.

Dramatisch, gehetzt und gestresst geht es auch in der Choreografie „Février“ des Luxemburgers Isaiah Wilson zu. Raphaël Del-Conte tanzt den „Hilfeschrei des Mannes, der nicht gehört zu werden scheint“, wie es im Programm heißt, mit leidenschaftlicher Aufwallung. Von knisternden Geräuschen, Donner und später bedrohlich sägenden Sounds attackiert, schlägt er um sich. Er versucht Hände und Füße zu kontrollieren, die sich in heftigen Bewegungen selbstständig zu machen scheinen. In einigen Momenten wirkt der französische Tänzer in Yogahose und Funktionsweste wie eine Plastik von Antony Gormley mit überlangen Gliedmaßen.

„Attention“, knurrt warnend eine Stimme durch den geräuschhaften Sound, der Zsófia Safranka-Petis eigene Choreografie „Layers“ begleitet. Frontal beleuchtet, entfaltet sie ihre Gliedmaßen wie bei der Geburt eines unbekannten Wesens. Stakst ins Dunkel und sprintet mit abgezirkelten, kraftvollen Bewegungen im hautfarbenen Body durch ein imaginäres Geschützfeuer. Wie ein Kampfroboter stapft sie weiter, bedient sich dabei souverän auch der Formen des Breaking.

Dann ein Wechsel, im aufzuckenden Spotlight steigt sie hastig, angespannt und flattrig in neue Kleidung, als müsse sie vor etwas fliehen. Die Musik macht lange Pausen, die Tänzerin aus Ungarn gewinnt wieder Ruhe – und Kraft, die sie in einer gorillaartigen Pose zur Schau stellt. Safranka-Peti trägt den Kopf wieder oben und hat damit, gewiss zurecht, den 1. Preis Choreografie gewonnen. Ein abwechslungsreicher, spannender Abend, der nur dadurch ein wenig getrübt war, weil der letzte Teilnehmer, Flavio Quisisana, aus privaten Gründen absagen musste. Den Abschluss bildete, wie erwartet, eine starke Gruppenimprovisation.

 

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