Geist-Reich

Eine neue „Giselle“ am Gärtnerplatztheater in München

Eine Kreation von Karl Alfred Schreiner voller Symbolik und Psychologie, voller Kontraste in einer abwechslungsreichen zeitgenössischen Choreografie mit einer klugen Lichtregie

München, 20/11/2022

Nicht ohne Grund steht das Ballett „Giselle“, das zu den Meisterwerken des klassisch-romantischen Balletts gehört, seit über 180 Jahren auf dem Spielplan vieler Bühnen.

Führt man sich die Originalfassung von 1841 vor Augen, so tun sich Tütü- und Spitzenschuhlandschaften auf. In der Originalchoreografie geht es um das Streben nach der Überwindung der Schwerkraft unter Einhaltung von Symmetrie und Synchronität mit ihrer klaren geometrischen Formensprache als grundlegende Ideale des romantischen Balletts.

Dem entgegen steht der zeitgenössische Tanz, dessen Tanzsprache Karl Alfred Schreiner für seine „Giselle“ im Gärtnerplatztheater verwendet. Losgelöst vom strengen Reglement des klassischen Balletts folgt sein Tanz einer individuellen, beinah unerschöpflichen Ausdruckssprache, im Spiel mit der Schwerkraft, dem bewussten Fallen zu Boden, den Bewegungen am Boden sowie dem Barfußtanzen. Das Zu-Boden-Fallen, ein wiederkehrendes Motiv, steht hier für Vertrauen. Überhaupt hat für Karl Alfred Schreiner das Bodenständige eine zentrale Bedeutung, wie bei der Jagd mit stampfenden Volkstanzschritten. Solist*innen und Ballettensemble überzeugen hier in Technik und Ausdruckskraft und sind in der Lage, das Publikum damit in den Bann zu ziehen. Im Gegensatz dazu steht der unbeschwert wirkende Hilarion (Luca Seixas), der mit seiner Partnerin Bathilde (Isabella Pirondi) unter Einsatz von Capoeira-Figuren die Schwerkraft zu überwinden scheint. Zu der zeitgenössischen Bewegungssprache passt auch, dass der Choreograf Giselle (Amelie Lambrichts) als eigenständige, selbstbewusste Persönlichkeit choreografiert. Dass in dieser Fassung die Eifersuchtsszenen sich wohl allein in Giselles Vorstellungswelt ereignen, versetzt sie in die Lage, Albrecht (Alexander Hille), der sie betrogen hat, zu vergeben. Es ist die Chance für einen Neuanfang in einer Beziehung der gegenseitigen Wiederentdeckung, die Karl Alfred Schreiner inspiriert.

Dass wir zu Beginn des Werkes in eine Musik sphärischer Klänge eintauchen, ist sicherlich der Tatsache geschuldet, dass die übersteigerte Eifersucht Giselles sich wahrscheinlich nur in ihrem Kopf abspielt. Wenn sich nach 15 Minuten der Vorhang hebt, wird das Publikum in die graue Scheune, den Ort des Geschehens geführt. Den (erd)farblichen Kontrast bilden die dunkel, in roten und grünen Farbtönen gehaltenen Kostüme von Talbot Runhof aus Samt und Glitzerelementen. Die Scheune ist zudem der Ort, wo mit einfallsreichen Tänzen und akrobatischen Sprüngen über Heuballen die Bäumchen-Wechsel-Dich-Geschichten ihren Anfang nehmen. Diese Thematik der betrogenen Liebe ist nicht neu – so alt wie die Menschheit selbst und deshalb stets aktuell. Dass dieses Thema damals öffentlich auf die Bühne gebracht wurde, war spektakulär – lange vor Sigmund Freud.

In seiner „Giselle“-Kreation greift Karl Alfred Schreiner ein Sinnbild der Männlichkeit auf: den Widder oder den Bock. Drei Widder erscheinen dann auch auf der Bühne, emphatisch, fast karikierend getanzt von den Tänzern Willer Rocha, Joel di Stefano und Douglas Evangelista – sehr plastisch. Geschickt und voller Dynamik sowie mit bewegender Ausdruckskraft agiert das gesamte Ballettensemble als teils eingeschworene Gemeinschaft der Willis – ursprünglich die Geisterwesen, die Männer zu Tode tanzen – im perfekten Zusammenspiel mit dem facettenreich musizierenden Orchester unter Michael Nündel – mit allen guten Geistern.

 

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