Frag nicht die Seife, was sie für dich tut

Uraufführung „R.A.W.” von Dominique Dumais in Mannheim

Mannheim, 06/12/2012

„Ein Tänzer springt in die Luft und landet auf einem Bein! Ich bin davon so fasziniert, dass ich fast meinen Einsatz verpasst hätte“ schwärmt der Jazzmusiker Thomas Siffling im Radio-Interview. Ganz zu schweigen, von dem, was der Tänzer Davidson Jaconello nach der Landung auf einem Bein, sonst noch an blitzschneller Kombinatorik abspult, bevor er nach einer Bodenrolle wieder auf beide Beine kommt – aber da hat Siffling die gespannte Stille schon mit seinem Trompeten-Einsatz durchschnitten und das Stück „R.A.W.” entwickelt sich über eine, methodisch an William Forsythes „Improvisation Technologies“ angelehnte Sequenz weiter in Paarbeziehungen, Trio- und Gruppen-Aktionen.

Die jüngste Produktion der Frankokanadierin Dominique Dumais am Nationaltheater Mannheim lebt vom Dialog der Tänzerinnen und Tänzer mit dem, vom Komponisten und Landesmusikpreisträger Siffling (Trompete, Flügelhorn) zusammen gestellten Jazz-Ensemble aus Erwin Ditzner (Schlagzeug), Judith Goldbach (Kontrabass), Lömsch Lehmann (Klarinette, Saxofon) und Martin Lejeune (Gitarre). Auch wenn Freestyle und Improvisation den Proben vorbehalten war, überträgt sich der Einfallsreichtum des live auf der Bühne musizierenden Quintetts auf das 13-köpfige Ensemble, das sich trotz verschiedener Verletzungen (weswegen die Uraufführung um drei Wochen verschoben wurde) in Hochform präsentiert.

„R.A.W“, vom Englischen rau, roh, unverarbeitet, ist ein spielerisches Experiment mit Rohmaterial, beginnend mit ersten Impulsen einer Bewegung zeigt es und die Fülle an Entwicklungsmöglichkeiten. Durch Verzicht auf Farbe – die Kostüme (Tatyana van Walsum) in schwarz-weiß wie auch das auf hell und dunkel reduzierte Lichtdesign (Nicole Berry) – fördern die Konzentration und sensibilisieren die Wahrnehmung für Klangerlebnis und Sensomotorik. Im Vordergrund des abstrakten Tanzes stehen unterschiedlichste Bewegungsqualitäten sowie die ursprüngliche Freude an Kraft, Schwung und Geschwindigkeit wie an Kontrolle und Verlangsamung. Von beredter Stille über Swing und Funk im opulenten Big Band-Sound bist zu schwergängigem Blues und kakophonen Turbulenzen zieht sich das Klangspektrum der Jazzer, die zuweilen mit packenden Soli punkten und ebenfalls mit unterschiedlicher Zeitwahrnehmung, Raffung und Dehnung der Musik spielen.

Ausgelassen wie in der Disko, verrückt und heiter zu Latinorhythmen, tobt die Tänzer-Schar über die Bühne, allen voran Zoulfia Choniiazowa und Luis Eduardo Sayago, deren erfrischend lässige Haltung und Stilistik genau dem Jazz entsprechen. Eine Sprechszene à la Pina Bausch nimmt Kosmetik-Werbung aufs Korn. Was bei Bausch-Tänzern als ironischer Kommentar rüberkommt wirkt hier angestrengt wie eine Casting-Show. Es mag an der fehlenden Kenntnis von Chinesisch, Spanisch, Polnisch liegen, dass beim Publikum nur die Parodie des Kennedy-Zitates („Don’t ask what your country can do for you. Ask instead what you can do for your country”) ankommt: „Don’t ask what the soap can do for you. Ask what you can do for the soap! Buy it!”. Dumais Stärke in „R.A.W“ ist einmal mehr der Umgang mit dem Raum. Alle Tänzer sind permanent auf der offenen Bühne präsent, exponieren sich mal ganz nah am Publikum, mal in der Tiefe des Raums oder verschwinden hinter den Zügen (wo – einziger Farbklecks – orangerote Plastikschalenstühle bereit stehen). Die kleinsten Tänzer dürfen ihr Solo auf einem hoch fahrenden Podest präsentieren. Alle rollen über eine gekippte Fläche, fallen in die Versenkung, kriechen wieder hervor, rennen in den Hintergrund und springen gegen das Metall-Tor. Das, o Wunder, öffnet sich am Ende. Ein wenig zu viel des Pathos und der „Macht hoch die Tür, die Tor‘ macht weit“-Metaphorik. Das Publikum in Mannheim bejubelt das Treffen von Ballett und Live-Jazz samt effektvollem Finale. Eine Tanzexpertin meint lakonisch: „Würde man alle Grands Battements streichen wäre es ein gutes Stück“. Dem kann man hinzufügen: Auch Ballett-Attitüden und Arabesken braucht dieses Stück nicht.

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