Solo mit Alligator

Kevin O’Day lässt den Blues tanzen

Mannheim, 12/11/2007

Das klingt gar nicht so traurig und klagend, wie sich der gemeine Mitteleuropäer den Blues vorstellt - im Mannheimer Nationaltheater hat Ballettdirektor Kevin O’Day ein Ballett zu 22 Blues-Songs choreografiert, dabei geht es erstaunlich locker und entspannt zu. „Delta Blues“ versammelt Stücke der großen Bluessänger der 40er und 50er Jahre wie John Lee Hooker oder Muddy Waters, Musik aus dem Mississippi-Delta in Louisiana. Die manchmal recht anzüglichen Songs (dem Programm liegt ein sorgfältig editiertes Textheft bei) erzählen von einer leichten, lasziven Lebensart. Dazu breitet sich im lichtdurchfluteten Holzgeviert einer Scheune die Laissez-faire-Atmosphäre des Südens aus, in warmen Farben flirrt die Hitze der Südstaaten; man trifft sich zu einer Art Tanzveranstaltung, hängt herum, tändelt mit den Mädchen.

Die gemütlich-ländlichen Kostüme, die zirpende Mundorgel, die schönen Brauntöne - mit wenigen Zutaten entwirft Kevin O’Day eine uramerikanische, völlig entspannte Stimmung. Aber auch seinen Bewegungen fehlt manchmal leider die Spannung - am besten ist der Mannheimer Tanzdirektor bei trockenen Pointen und lakonischen Einlagen wie der Treppen-Sitz-Choreografie für sechs müde Männer, einem witzigen Geld-Sammel-Solo mit Bowlerhut oder der eigenwilligen, schnurrig-virtuosen Steppnummer für Tyrel Larson. Die 12-köpfige Tänzerschar tritt zwar durchaus eigenwillig und persönlichkeitsstark auf, hat aber irgendwie keinen Rhythmus in den Gliedern. Da wird viel übereinander geklettert, auf dem Boden geschlittert oder gerollt, es gibt akrobatische Würfe und auch rasante, virtuose Momente.

Dass der Blues aber auch intensiv, verzweifelt, zum Himmel flehend sein kann, das sieht man nur in wenigen Solos, allzu oft vertändelt der Choreograf sich in netten Belanglosigkeiten. Der Star des Abends ist ein riesiger Alligator namens Erwin (wahrscheinlich eher keine Anspielung auf die Krokodile aus Pina Bauschs „Keuschheitslegende“). Er reißt immer mal wieder sein Stoffmaul auf, wenn die Tänzer mit ihm kämpfen, schmusen, tanzen oder, in einer übermütig-absurden Dreingabe am Schluss, mit ihm seilspringen.

Eines kann man dem Mannheimer Ballettdirektor ganz sicher nicht vorwerfen - dass er sich in einem Stil festgefahren hat. Die Mannheimer Tanzabende sehen immer wieder anders aus, sprechen auch immer wieder ein neues Publikum an. Mit dem schön erdachten, aber etwas flüchtig ausgeführten „Delta Blues“ stellt sich Kevin O’Day in die Tradition seiner amerikanischen Kollegin Twyla Tharp, in deren New Yorker Kompanie er einige Jahre getanzt hat. Sie verband als eine der ersten Show, Folk-Elemente, Akrobatik und populäre Einflüsse mit Ballett und Modern Dance, der für unsere Augen etwas oberflächliche Stil zielt auf einen schönen Tanzabend und gute Unterhaltung. Immerhin: ein interessanter Gegensatz zu manch allzu unverständlicher choreografischer Kopfgeburt aus deutschen Landen.
 

Link: www.nationaltheater-mannheim.de

 

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