LEUTE



Köln

ICH GEBE DIR MEIN WORT

Interviewreihe zum Förderprogramm DIS-TANZ-SOLO: Arthur Schopa, Tänzer und Choreograf



Arthur Schopa erfüllte sich dank der Förderung einen Herzenswunsch und konnte ein inklusives Tanztheater-Filmprojekt für Gehörlose realisieren, das die Kultur der Gebärdensprache mit zeitgenössischer Bewegung in Einklang bringt


  • Arthur Schopa: "Ich gebe dir mein Wort"
  • Porträt Arthur Schopa Foto © Anna Rehkaemper Photography
  • Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: "Ein Körperscan" Foto © Mirko Lux / BBAW
  • tanzfuchs PRODUKTIONEN: "Karla, Ändi, Arthur" Foto © Sabine Große-Wortmann
  • ARTE DOKU "Haut an Haut", Arthur Schopa Foto © arte

Im vergangenen, von der Corona-Pandemie geplagten Theaterjahr unterstützte das Förderprogramm DIS-TANZ-SOLO vom Dachverband Tanz Deutschland e. V. als Teil des HILFSPROGRAMMS TANZ / NEUSTART KULTUR soloselbständige Tanzschaffende. In einer Interviewreihe befragt tanznetz.de einige Künstler*innen, deren künstlerische Projekte im Rahmen dieses Programms gefördert wurden, zu ihren Erfahrungen mit DIS-TANZ-SOLO. Wie bewerten sie den Nutzen und die Nachhaltigkeit der Förderung? Und welchen Stellenwert nimmt diese für das künstlerische Schaffen in Zeiten der Pandemie ein?

Arthur, was war Deine Idee für DIS-TANZ-SOLO?


Ich wollte die Gebärdensprache näher kennenlernen, recherchieren, was die mir unbekannte Kultur der Gebärdensprache geschichtlich und gesellschaftlich mit sich bringt. Welcher Ausdruck und welche Bewegung in der Sprache steckt, und wie ich mit meiner zeitgenössischen Bewegungssprache für ein gehörloses Publikum Tanztheater erlebbar machen kann. So entstand die Idee zu: „Ich gebe dir mein Wort“ – eine zeitgenössische Tanzrecherche über Inklusion und Teilhabe in der deutschen Gebärdensprache. Immer im Hinblick darauf, wie kann Tanz auch von Nichthörenden verstanden und gefühlt werden. In der Recherche entstand die Idee zur Umsetzung meines Kurzfilms.

Warum hast Du dieses Förderprogramm gewählt?

DIS-TANZ-SOLO ist ein Förderprogramm, welches mir über einen längeren Zeitraum Sicherheit versprach und eine Kontinuität für meinen Arbeitsalltag bedeutete. Trotz vieler Absagen und Verschiebungen geplanter Tanzprojekte konnte ich durch das Stipendium meiner künstlerischen Arbeit weiterhin nachgehen und diese ausleben. Hinzu kommt, dass ich mir ein langersehntes Interessenfeld näherbringen konnte, was mir immensen Auftrieb in dieser doch teils sehr deprimierenden Zeit gab. Ich war einer der Glücklichen, diese Erfahrung machen zu dürfen, konnte viele neue Eindrücke gewinnen und am wichtigsten war es für mich, am Ball bleiben zu können.

Was hat die Förderung speziell in den hochpandemischen Zeiten für Dich bedeutet? Finanziell und inhaltlich?

Das Stipendium ermöglichte mir in erster Linie nach langer Durststrecke wieder meinem freischaffenden Wesen gerecht zu werden und mich künstlerisch auszuleben und weiterhin meine künstlerische Arbeit verfolgen zu dürfen. Die Förderung unterstützte mich darin, den Monaten des Stillstands und der Existenzängste zu trotzen und gab mir weiter die Möglichkeit, meiner Kunst Ausdruck zu verleihen. Dies war von unschätzbarem Wert für mich und ganz bestimmt auch ein Ventil für Körper und Geist. Die finanzielle Unterstützung zu bekommen, gab mir, als freischaffendem Soloselbstständigen und Vater zweier Kinder, ein gutes und sicheres Gefühl in dieser turbulenten Zeit.

Stehen Antragsaufwand und Nutzen im richtigen Verhältnis?

Ja, ich finde schon. Der Antragsaufwand war sehr überschaubar und die Durchführung gut nachzuvollziehen. Auch war es unkomplizierter, als man das sonst gewohnt ist.

War der Förderzeitraum ausreichend, um Dein Projekt abzuschließen bzw. zu wirklicher Vertiefung zu gelangen?

Teils, teils. In meiner Recherche konnte ich einige gute Erkenntnisse und interessante Einblicke erhalten, z. B. war eine einschneidende Entdeckung für mich die Kunstform VV - Visual Vernacular kennenzulernen. Sie ist ein wichtiger Teil der Gehörlosenkultur geworden und war für meine Arbeit eine große Inspiration. Für eine Vertiefung dieser Kunstform und die praktische Anwendung der Gebärdensprache wäre mehr Zeit notwendig. Mit dem Film setzte ich mir letztendlich persönlich ein Ziel, um die bis dato gewonnenen Erkenntnisse der Recherche zu bündeln und schließlich zu präsentieren.

Wie nachhaltig findest Du Dein Projekt? Kannst Du jetzt noch davon profitieren?

Das Projekt war und ist für mich immer noch präsent, und ich bin weiterhin im Austausch mit inklusiven und außergewöhnlichen Projekten, auf die ich während meiner Recherche aufmerksam geworden bin. Ich präsentierte erst vor Kurzem mit „tanzfuchs PRODUKTION“ eine Premiere mit einer erblindeten Frau und ihrem Blindenführhund. Für das Jahr 2022 ist eine Produktion mit meinem fünfjährigen Sohn geplant, in dem wir die gemeinsame Zeit in der Pandemie verarbeiten. Weiterhin hoffe ich nun endlich den langersehnten Volkshochschulkurs für Gebärdensprache besuchen zu können. Gerne würde ich mich zukünftig noch mehr damit beschäftigen. In meiner Arbeit als Tänzer und Choreograf bin ich auch nochmals darin bestärkt worden, dass es mir immer wichtiger ist, Projekte zu verfolgen, die neue Perspektiven abverlangen und auf vielschichtigen Ebenen funktionieren und auch am liebsten für ein vielschichtiges Publikum kreiert werden. Ich bleibe dran und hoffe sehr, auch zukünftig mit vielen unterschiedlichen Tanzproduktionen zu diversen Themen auf der Bühne stehen oder choreografieren zu dürfen.

Würdest Du anderen Künstler*innen oder Tanzschaffenden eine Bewerbung bei dieser Förderung empfehlen?

Unbedingt. Ich selber habe nur positive Erfahrungen mit dem Förderprogramm gemacht, und auch das Team von DIS-TANZEN, welches einen begleitet hat, war stets gut erreichbar, sehr nett, interessiert und kompetent.

Was bedeutet der Begriff „Distanz“ – DIS-TANZ – für Dich?

Eine Tanzcommunity auf Distanz. Ein Abstecken neuer Grenzen. Eine intensivere Auseinandersetzung mit sich selber. Alles passiert auf Abstand oder nur noch digital. Dies fordert andere Vorgehensweisen und Strukturen und zeigt Stärken und Schwächen auf. Man muss für sich selber neue Wege suchen. Mehr als sonst. Es schafft viele andere Begegnungen und Auseinandersetzungen mit sich und seiner Umwelt. Ohne diese Distanz zu seinem vorherigen Leben wären wahrscheinlich viele intensive Momenten in der Pandemie nie so erlebbar gewesen.

Veröffentlicht am 13.01.2022, von Anna Beke in Leute, Themen

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Kommentare zu "Ich gebe dir mein Wort"



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