HOMEPAGE



München

STERNSTUNDE FÜRS REPERTOIRE

Ganz große Gefühle: Neumeiers „Die Kameliendame“ am Bayerischen Staatsballett



Nach Igor Zelenskys Münchner Wiederaufnahme vergangenes Jahr von John Neumeiers „Die Kameliendame“ und einer Vorstellungsserie mit Hamburger Gästen stellte das Bayerische Staatsballett jetzt eine hauseigene Hauptrollenbesetzung vor.


  • Neumeiers „Die Kameliendame“ am Bayerischen Staatsballett; Virna Toppi und Emilio Pavan Foto © Sergej Gherciu
  • Neumeiers „Die Kameliendame“ am Bayerischen Staatsballett Foto © Sergej Gherciu
  • Neumeiers „Die Kameliendame“ am Bayerischen Staatsballett; Kristina Lind Foto © Wilfried Hösl
  • Neumeiers „Die Kameliendame“ am Bayerischen Staatsballett: Matteo Dilaghi, Jan Špunda, Dustin Klein, Robin Strona Foto © Wilfried Hösl

In seiner „Kameliendame“ hat John Neumeier die ganz großen Gefühle alle untergebracht und Szene für Szene choreografisch beispiellos aus der Handlung heraus motiviert. Als Armand bei einer Ballettaufführung von „Manon Lescaut“ auf die Kurtisane Marguerite trifft, prallt tiefe Leidenschaft auf Heuchelei und Käuflichkeit im noblen Rausch der Vergnügungen.

Mit seinen Ersten Solisten Emilio Pavan und Virna Toppi (noch kurz zuvor als römisches Dekadenzpaar Crassus und Aegina in „Spartacus“ zu erleben) hat das Bayerische Staatsballett nun ein überragend gutes neues Traumpaar für die sich über die Gesamtdauer des Abends kontinuierlich emotional entwickelnden Hauptrollen. Ihr Debüt lässt keine Wünsche offen – und dies, ohne ihre megastarke Interpretation ans Limit zu treiben. Beide haben für diesen Auftritt in Hamburg mit Kevin Haigen und Neumeier selbst gearbeitet.

Erbarmungswürdig sieht Virna Toppi nach ihrer eindrücklichen Auseinandersetzung mit Armands Vater (erstmals Javier Amo) aus. Auf jeden Anflug von Erbärmlichkeit verzichtet sie dagegen bis zum Schluss, verkörpert selbst innerlich zerbrochen selbstbewusste Stärke. Ihre Marguerite muss Armand todkrank aufsuchen, um – vergeblich – zu erflehen, dass er sie nicht mehr vor aller Augen erniedrigt. Dem Paar gelingt, was keineswegs selbstverständlich ist: die zerrissene Drastik über die Rampe zu bringen, die dieser Begegnung innewohnt.

Zwei Tage vor der Wiederaufnahme am 5. Februar konnte man Staatsballettchef Igor Zelensky höchstpersönlich beim öffentlichen Training auf der großen Nationaltheaterbühne zusehen und beobachten, mit welcher stoischen Ruhe die Italienerin sogar in schnellsten Übungskombinationen ihre verblüffende Technik schärft. Auch auf der Bühne hetzt sie niemals in die Arme des Geliebten und sprüht dennoch von Kopf bis Fuß vor Leidenschaft.

Angefangen bei der Auktion nach Marguerites Tuberkulosetod wird deren Geschichte ganz entschleunigt erzählt. Gedankliches Innehalten über Requisiten ist von Bedeutung. Pausen voll darstellerischer Präsenz, die Toppi und mit ihr ein vor energiegeladenem Ausdruck strotzender Pavan auf das Beste getimed in den Fluss ihrer Figurendeutung einbringen.

Marguerite und Armands aufrichtige Liebe zieht Verzweiflung, Schmerz und Wut nach sich. Auf Rache und Demütigung folgt Vergebung. Wenige Werke bieten eine derartig breite Palette an charakterlichem Steigerungspotenzial. Sowohl solistisch als auch in einer Serie von Pas de deux, die Akt für Akt auf fast leerer Bühne abseits jeglicher Ensembleumrahmung die Phasen einer Beziehung ausloten. Zusätzlich gespiegelt im Vergleichspaar Manon (Kristina Lind) und Des Grieux. Letzterer einfach perfekt und zum erstem Mal getanzt von Henry Grey. Bravo! – auch für Dmitrii Vyskubenko als neuem Gaston Rieux, den smarten Kerl, der bei Landpartien ebenso pointiert-witzig zu unterhalten weiß wie in Konfliktsituation zu beschwichtigen.

Aus Zelensky Training war enormes Können herauszulesen, Tänzer*innen – in diesem Fall vor einem Klassiker – zu stupender Exaktheit, Sauberkeit bis in winzige technische Details und Musikalität anzuleiten. Seine Anweisungen „don’t do tricks for kids!“ oder „jetzt ganz leise, damit das Publikum nicht hört, wie schwer es ist“ sind Motivation, immer noch mehr aus sich herauszuholen. Schritt, Sprung, Haltung – den Unterschied sieht man sofort – in den Übungsläufen genauso wie am Vorstellungsabend. Hier bescherte die bravouröse Ensembleleistung dem Publikum eine kaum zu toppende „Kameliendame“.

Veröffentlicht am 10.02.2020, von Vesna Mlakar in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

Dieser Artikel wurde 927 mal angesehen.



Kommentare zu "Sternstunde fürs Repertoire"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    LOSLASSEN, ERWACHSENWERDEN UND TRÄUMEN

    Rollendebüts in John Neumeiers „Der Nussknacker“ beim Bayerischen Staatsballett

    Osiel Gouneo, Alexey Popov, Virna Toppi und Denis Viera machen den “Nussknacker” im Münchner Nationaltheater zu einer schönen Bescherung.

    Veröffentlicht am 26.12.2019, von Vesna Mlakar


    EINSTIEG AUF HOHEM NIVEAU

    Das Bayerische Staatsballett erobert sich erneut John Neumeiers „Nussknacker“

    Kassenschlager und zeitloser Klassiker: Neumeier hat mit seiner Version das romantisch verklausulierte Weihnachtsmärchen E.T.A. Hoffmanns in eine Geburtstagsfeier verwandelt. Nun feierte es die 152. Vorstellung in München.

    Veröffentlicht am 11.12.2018, von Karl-Peter Fürst


    LIEBE OHNE WORTE

    Wiederaufnahme von Neumeiers "Kameliendame" am Bayerischen Staatsballett

    Daria Sukhorukova als die Pariser Kurtisane Marguerite und Matej Urban als Armand, diese beiden Debüts machten John Neumeiers „Kameliendame“ – 1978 in Stuttgart kreiert, seit 1997 im Münchner Repertoire – zu einer Glücksstunde.

    Veröffentlicht am 27.10.2014, von Malve Gradinger


    UNREIFE SEHNSÜCHTE, GEFÜHLSVERWIRRUNG, LIEBE UND EINDEUTIG EROTIK

    John Neumeiers Ballett „Ein Sommernachtstraum“ als aufpolierte Neufassung beim Bayerischen Staatsballett

    Anhaltender Applaus im Münchner Nationaltheater für den Abend und seinen Schöpfer, der sich in hanseatischer Zurückhaltung mit dem Ensemble verbeugte.

    Veröffentlicht am 15.10.2013, von Malve Gradinger


    DAS BAYERISCHE STAATSBALLETT IN DER SPIELZEIT 2013/2014

    Vorausschau auf die kommende Saison des Bayerischen Staatsballetts

    In seinem Programm „Tanzland Deutschland“ wird sich das Bayerische Staatsballett von 2013 bis 2015 ChoreographInnen widmen, die entscheidende Akzente in der Kunst gesetzt haben, radikale Neuanfänge markierten, neue Erzählformen entwickelten.

    Veröffentlicht am 09.03.2013, von Pressetext


    NEOKLASSIK UND MODERNE AT THEIR BEST

    Das Bayerische Staatsballett zu Gast bei den Hamburger Ballett-Tagen

    Mit Jerome Robbins „Goldberg-Variationen“, die erstmals in der Elbestadt zu sehen waren, wie auch mit „Gods and Dogs“ von Jiři Kylián konnte die Münchner Ballettkompanie überzeugen.

    Veröffentlicht am 13.06.2013, von Annette Bopp



    BILANZ DER SPIELZEIT 2000/2001

    Veröffentlicht am 30.07.2001, von oe


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    UNGEWOLLTE ENDZEITSTIMMUNG

    "Viel leicht" von Jai Gonzales in der Heidelberger Hebelhalle
    Veröffentlicht am 21.03.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel


    THEMATISCHER ÜBERBAU VOR KÜNSTLERISCHER FORM

    Ein Rückblick auf die Tanzplattform 2020
    Veröffentlicht am 09.03.2020, von Peter Sampel


    IM FARBEN- UND BEWEGUNGSRAUSCH

    Olaf Schmidts tänzerische Hommage an Caravaggio
    Veröffentlicht am 09.03.2020, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SNOW WHITE

    SCHNEEWITTCHEN ALS INFLUENCERIN

    Mit Fredrik RydmansSnow White feiert eine zeitgemäße Neu-Interpretation des Klassikers ihre Deutschlandpremiere im Deutschen Theater München und zeigt ein schonungsloses Porträt der heutigen Zeit: Unser Kampf gegen das Altern, gegen Einsamkeit, gegen die Sucht nach Bestätigung – Snow White, eine Instagram-Ikone, hält uns den Spiegel des digitalen Zeitalters vor.

    Veröffentlicht am 02.12.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    KONSEQUENZEN IN BERLIN

    Gregor Seyffert und Ralf Stabel freigestellt
    Veröffentlicht am 18.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CLEARINGSTELLE FÜR BERLIN

    Neues zu den Vorwürfen an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 30.01.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DER TANZ LEBT WEITER – TROTZ CORONA

    Die digitale Tanzwelt erblüht

    Veröffentlicht am 20.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CORONA-KRISE IN DER TANZPÄDGOGIK

    Tanzpädagog*innen massiv in ihrer Existenz bedroht

    Veröffentlicht am 29.03.2020, von Pressetext


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN

    Eine Stellungnahme von Volkmar Draeger zur Diskussion über Ballettausbildung an der Schule

    Veröffentlicht am 30.03.2020, von Volkmar Draeger


    KULTUR IST SYSTEMRELEVANT

    Wir aktualisieren täglich: Soforthilfe für Künstler*innen in Corona-Krise

    Veröffentlicht am 21.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    WAGNER MOREIRA ÜBERNIMMT LEITUNG

    Neuer Leiter der Tanzcompagnie der Landesbühnen Sachsen in Radebeul

    Veröffentlicht am 27.03.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP