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Gießen

KÖRPERKOMPLEXE AM VENUSFELSEN

Tarek Assams "Don Juan – Die Illusion des Ewigen" am Stadttheater Gießen



Inspiration über Jahrhunderte: Don Juan gilt als der ewige Frauenverführer, dessen Sexbesessenheit zum Mord führt. Tarek Assam zeigt nun seinen etwas anderen Blick auf das Konstrukt Mann und Männlichkeit, auf Macht und deren Missbrauch.


  • Tarek Assams "Don Juan – Die Illusion des Ewigen" am Stadttheater Gießen Foto © Rolf K.Wegst
  • Tarek Assams "Don Juan – Die Illusion des Ewigen" am Stadttheater Gießen; Caitlin-Rae Crook und Jeremy Curnier Foto © Rolf K.Wegst
  • Tarek Assams "Don Juan – Die Illusion des Ewigen" am Stadttheater Gießen Foto © Rolf K.Wegst
  • Tarek Assams "Don Juan – Die Illusion des Ewigen" am Stadttheater Gießen; Julie de Meulemeester und Jeremy Curnier Foto © Rolf K.Wegst
  • Tarek Assams "Don Juan – Die Illusion des Ewigen" am Stadttheater Gießen Foto © Rolf K.Wegst

Don Juan gilt als der ewige Frauenverführer, dessen Sexbesessenheit irgendwann zum Mord führt. Diese Geschichte war über Jahrhunderte Inspiration für Komponisten und Schriftsteller. Am Stadttheater Gießen zeigt Ballettdirektor Tarek Assam seinen etwas anderen Blick auf das Konstrukt Mann und Männlichkeit, auf Macht und deren Missbrauch.

Im Zeichen der #Metoo-Debatte und des Aufdeckens von Missbrauchsskandalen ist der Blick auf Ursachen wichtiger denn je. Eine Ursache, mit der wir heute permanent konfrontiert sind, liegt in gesellschaftlichen Anforderungen an Schönheit und Attraktivität. Social Media-Kanäle lassen Ideale schnell zu Überforderung für den Einzelnen werden.

Assams Choreografie ist wie eine Analyse mit tänzerischen Mitteln. Er verfällt dabei nicht in Klischees oder gar Gewaltorgien. Obwohl alles gezeigt wird, vor allem im Bereich Verführung und Intimität, bleibt die Distanz gewahrt - was den Zuschauer*innen Raum zum Nachdenken gibt. Die Tanzcompagnie Gießen, derzeit bestehend aus 6 Tänzern und 7 Tänzerinnen, folgt ihm bereitwillig in das Bühnenwagnis und gibt eine ebenso mutige wie großartige Vorstellung.

Schon die Musik stellt eine große Herausforderung dar, für das Philharmonische Orchester Gießen, streckenweise auch für Zuhörende. Ausgewählt wurden weitestgehend unbekannte Stücke von zeitgenössischen Komponisten, die im ersten Teil unter dem Dirigat von Martin Spahr live gespielt werden; im zweiten Teil kommt der von Streichern dominierte Sound vom Tonträger. Der musikalische Anfang ist sanft und melodiös, es folgen schwungvolle Stücke mit jazzigen Anteilen, dramatisch vorwärtstreibende Minimal-Passagen, die eine düstere Atmosphäre evozieren.

Als Bühnenbild wählte das Team ein uraltes Weiblichkeitssymbol, die sogenannte Venus von Willendorf. Es gibt schon keine Übereinstimmung im Aussehen der kleinen Fruchtbarkeitsfigur aus der matriarchalen Frühzeit mit der römische Liebesgöttin Venus, erst recht nicht mit dem Schlankheitsideal heutiger Tage. Bühnenbildner Lukas Noll hat die kleine Figur um ein Mehrfaches vergrößert auf die Bühne gebracht, so dass die Tänzer*innen auf ihr wie auf einem Felsen herumklettern können. Am Anfang wirkt es wie ein Herausquellen aus der Figur, die den Ursprung allen Lebens symbolisiert. Zu dem Juan am Ende dann auch wieder zurückkehrt.

Juan ist hier der Außenseiter, der mit sich und seinem Körper nicht klarkommt, erst recht nicht mit Frauen. Symbolisch ist das in den behaarten Wadenteilen seiner Hose zu erkennen, die an den bocksbeinigen und triebgesteuerten Dionysos erinnern. Jeremy Curnier gibt seinen Bewegungen oft etwas Disparates, Verzweifeltes, jedes Körperteil scheint in eine andere Richtung zu streben, seinen Körper zu zerreißen. Dann wieder ist er der Umschwärmte, sein Körper rekelt sich unter den Streicheleinheiten, die ihm mittels Barbie-Puppen zuteilwerden. Die Live-Kamera überträgt diese Szene auf seitliche Leinwände. Körperspüren als Akt der Selbstvergewisserung wurde selten so deutlich dargestellt.

In zwei Pas de deuxs choreografiert Assam unterschiedliche Versionen von sexueller Annäherung. Dass beide Tänzerinnen mit nacktem Oberkörper auftreten ist nur folgerichtig, ihr selbstbewusstes Auftreten trägt zur Aussage des ganzen Stücks wesentlich bei. Julie de Meulemeester ist die Verführende, die den unsicheren Juan zum Mann macht, aber auch schon seine Aggressivität abbekommt. Die beiden vollführen unglaubliche, geradezu artistische Bewegungsfolgen. Die zierliche Caitlin-Rae Crook ist im zweiten, eher erzählerischen Teil die frisch Verliebte, die aber nach zärtlichem Liebesspiel doch zum Vergewaltigungsopfer wird. Letzteres wird symbolisch am Ken- und Barbie-Paar gezeigt und wiederum von der Live-Kamera auf Leinwand projiziert. Der schreiende Mund der Tänzerin erscheint nur kurz im Bild. Der tröstende Vater betritt die Szene (Floriado Komino), er wird im nachfolgenden Kampf von Juan ermordet.

Wie eine Bienenkönigin umschwärmt Magdalena Stoyanova alles Geschehen, sie beobachtet, tröstet, lenkt, greift ein, zeigt ihre Missbilligung. Mit ihrer großen Bühnenpräsenz steht sie für Anstand und richtiges Verhalten, was als Gewissen oder Über-Ich zu bezeichnen wäre. Letztlich aber scheitert auch sie.

Das Ensemble hat schnelle Rollen- und Kostümwechsel zu bewältigen, sie sind mal eine diffuse Masse, posen als Models mit blonden Masken, separieren sich zu eng umschlungenen Paaren in hautfarbener Freizeitkleidung, sind die klagende Trauergemeinde, geben die Erinnyen, die Rachegöttinnen der Unterwelt im schwarzen Ganzkörperstretch. Die Erinnyen (römisch: Furien) gelten auch als Personifikationen des schlechten Gewissens. Maria Adriana Dornio, Marine Henry, Emma Jane Howley, Chiara Zincone, Patrick Cabrera Touman, Michael D'Ambrosio, Sven Krautwurst und Gleidson Vigne, sie alle überzeugen mit ihrem energievollen, intensiven Tanz.

Veröffentlicht am 09.02.2020, von Dagmar Klein in Gallery, Kritiken 2019/2020

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