KRITIKEN 2018/2019



Dresden

WIE MAN FLIEGEN FÄNGT

"Alter Ego" von Jacopo Godani in Dresden uraufgeführt



Die Dresden Frankfurt Dance Company überrascht mit ihrer neuen Arbeit in Dresden und zeigt ein ganz neues Gesicht.


  • "Alter Ego" von Jacopo Godani; Tars Vandebeek & Viktoria Novak Foto © Ian Whalen
  • "Alter Ego" von Jacopo Godani; Dresden Frankfurt Dance Company Foto © Ian Whalen
  • "Alter Ego" von Jacopo Godani; Amanda Lana Foto © Ian Whalen
  • "Alter Ego" von Jacopo Godani; David Leonidas Thiel, Zoe Lenzi Allaria, Tars Vandebeek & Anne Jung Foto © Ian Whalen
  • "Alter Ego" von Jacopo Godani; Amanda Lana Foto © Ian Whalen
  • "Alter Ego" von Jacopo Godani; Felix Berning Foto © Ian Whalen
  • "Alter Ego" von Jacopo Godani; Sam Young-Wright & Michael Ostenrath Foto © Ian Whalen

Man könnte es so betrachten: Jacopo Godani, der Künstlerische Leiter der Dresden Frankfurt Dance Company, hat sich entschieden, noch einmal einen, sagen wir, alten Hut im Festspielhaus Hellerau in Dresden zu zeigen. Bereits 2016 stand "Moto Perpetuo" in Hellerau auf dem Programm. Godani begründet seine Entscheidung damit, dass es Teil des eigenen Erbes sei: "Es war eines unserer ersten Stücke auf Spitze und wurde für die Company neu erarbeitet. Wir wollen es lebendig halten, indem wir es den Zuschauerinnen und Zuschauern noch einmal präsentieren." So weit, so gut. Rollt man den Abend von hinten auf, setzt also diese Arbeit in Relation zum zweiten Stück, der Uraufführung von "Alter Ego", ergibt diese Entscheidung absolut Sinn.

In der älteren Arbeit zeigt sich Godani als der bekannte 'Filmemacher' mit einer kalten, kantigen Ästhetik. Die präzisen, linearen Ansätze sind hart, schnell und bringen seine Ballettästhetik an ihre Grenzen, bleibt aber dennoch grazil und graziös. Er wiederholt diesen immer synästhetischen Ansatz, der überaus sinnliche Kostüme mit stets extrem ausgefeilten Lichtstimmungen verschmilzt. Bei aller Strenge spielt Godani mit Seherwartungen. Wenn sich der Vorhang langsam senkt, ist das noch lange nicht das Ende. Doch neu war das schon 2016 nicht. Forsythe ist wohl der bekannteste Choreograf, der gern die Erwartungen des Publikums unterlief und seine TänzerInnen hinter dem gesenkten Vorhang einfach weiter tanzen ließ. Und bekanntlich hat Godani genau diese Schule besucht.

In seiner Neukreation allerdings verblüfft er gänzlich und bleibt trotzdem er selbst. Er schafft es, einen kompletten Schritt weiter zu gehen. In "Alter Ego", das er selbst als Antithese zu "Moto Perpetuo" sieht, ist nichts mehr so, wie es bislang war. "Es ist ein Universum von seltsamen Kreaturen, die – halb Mensch halb Insekt – versuchen, miteinander zu kommunizieren. Insgesamt hat es einen sehr zeitgenössischen Charakter während Moto Perpetuo seinen Ursprung in einer neoklassischen Matrix hat", so Godani.

Bereits die Kostüme fallen aus dem gewohnten Rahmen. Weite, fließende Stoffe verlassen die Körperlichkeit der sonst so eng anliegenden Entwürfe. Jeder Tänzer und jede Tänzerin trägt eine andere Farbe, sodass, in Summe betrachtet, tatsächlich das Wort 'bunt' verwendet werden kann. Das ist neu. Nicht, dass Godani bislang keine Farben verwendet hätte, aber grundsätzlich herrscht bei ihm reduziertes Schwarz vor, gern kontrastiert von Weiß oder mal von einem knalligen Rot. Übertrieben eckige Schultern, aber auch abstehende Erweiterungen der Ellenbogen assoziieren tatsächlich sehr schnell eine Gottesanbeterin und die gesamte Welt der Insekten noch dazu. Menschlich ist das nicht. Das, wiederum, ist typisch für Godanis Arbeiten. Es ist stets das Animalische, das Vor-Menschliche, das ihn beschäftigt.

Auch in diesem Stück schafft er Lichträume, die gänzlich verblüffen und teilweise sogar so etwas wie dreidimensionale Cartoon-Welten schaffen. Hier ist er unermüdlich. Das ist schräg, absurd, befremdlich und grotesk. Seine Bilder, und hier sind es noch viel stärker Bilder als sonst, verstören in einer auffälligen Axialsymmetrie. Die TänzerInnen mutieren tatsächlich optisch zu Tieren, sind wirklich Insekten. Damit bewegt sich die Arbeit ganz nah an den Rand des Tanztheaters, obwohl Godani selbst meint, er sähe sich dort überhaupt nicht und fühle sich einzig dem Tanz verpflichtet.

Dem bisherigen Drang nach hoher Geschwindigkeit setzt "Alter Ego" viele Pausen und Reduktion in der Bewegung entgegen. Das wirkt ein bisschen wie ein kontemplatives Innehalten, dem aber auch ein grundlegender Humor nicht abgeht. Godani greift in seinen Arbeiten nie aktuelle gesellschaftliche Strömungen auf. Er ist nie politisch. Es ist eher so, dass er in gewisser Weise rückwärts blickt, in die Richtung, aus der wir kommen, um herauszufinden, warum wir sind, was wir sind. Mit "Alter Ego" hat er jetzt seinen Blick in eine andere Richtung gelenkt, bleibt aber trotzdem immer noch der Suchende, der den eigenen Kern entkernen will.

Veröffentlicht am 11.10.2019, von Rico Stehfest in Kritiken 2018/2019

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