HOMEPAGE



München

DIE NEGATIVE UTOPIE WIRD POSITIV

Anna Konjetzky zeigt "The Very Moment" an den Münchner Kammerspielen.



Die Tanzperformance ist eine multimediale Analyse des Scheiterns und der Unkontrollierbarkeit von Bewegung in kreativer Gegenwärtigkeit.


  • "The Very Moment" von Anna Konjetzky Foto © Gabriela Neeb
  • "The Very Moment" von Anna Konjetzky Foto © Gabriela Neeb
  • "The Very Moment" von Anna Konjetzky Foto © Gabriela Neeb
  • "The Very Moment" von Anna Konjetzky Foto © Gabriela Neeb
  • "The Very Moment" von Anna Konjetzky Foto © Gabriela Neeb
  • "The Very Moment" von Anna Konjetzky Foto © Gabriela Neeb

In „The Very Moment“, dem neuen Tanzstück der Choreografin Anna Konjetzky, die zum wiederholten Mal mit den Münchner Kammerspielen kooperiert hat, passiert zunächst wenig. Drei Frauen und zwei Männer stehen auf der Bühne wacklig auf halber Spitze und deuten abwechselnd aufeinander. Die gegenseitige Beobachtung verunsichert zusätzlich. Einer der Tänzer, Maxwell McCarthy, nimmt ein Mikrofon, erklärt Beeinträchtigungen wie Schwerkraft, Bodenhaftung und Balanceverlust, kommentiert instabile Positionen sowie die Anstrengungen, sie zu halten. Er filmt mit einem iPhone Körperteile, die auf die Rückwand in mehreren Feldern projiziert werden. Dann thematisiert er mit den anderen TänzerInnen als Versuchspersonen die Angst, in Momenten ihrer Schwäche, wenn sie scheitern oder stürzen, gefilmt und auf YouTube ins Netz gestellt zu werden. Da scheint es besser, nie die Kontrolle zu verlieren.

Damit hat Anna Konjetzky die Thematik ihres neuen Projekts umrissen und die Voraussetzung für weitere Erkundungen geschaffen. Nachdem in mehreren Sequenzen zum wummernden Sound ihres Komponisten Brendan Dougherty, in den sich kraftvolle Bässe schieben, alle fünf TänzerInnen mit hörbaren Atemstößen ihren Energieausstoß verdeutlicht haben, erscheint auf Videos von René Liebert ein gestürzter Marathonläufer am Straßenrand. Eine Tänzerin stürzt auch, versucht aus derselben Position aufzustehen, taumelt erschöpft. Man kann sich in Lage und Gefühl des gestürzten Athleten versetzen, aber die Bilder wechseln schnell, zum Beispiel zu einem torkelnden Betrunkenen. Und die TänzerInnen erscheinen mit ihrer Illustration der unkontrollierten Momente plötzlich selbst als Projektion. So verdichtet ein Verwirrspiel mit unserer Perspektive das Geschehen.

Dieses nimmt zunehmend Fahrt auf. Rhythmisches Kippen des Rumpfes variiert zwischen Tempo und Statik, wackelnde Knie versetzen die Oberkörper ins Kreisen, auf Stürze folgt mühsames Aufstehen, und zum wiederholten Mal beginnt alles von vorn. Dieses Mal mit Versuchen, die Vertikalität nicht zu verlieren, Risiken aus dem Weg zu gehen. Zu Sätzen wie „Wenn Durchhalten das Einzige ist, was wir gewinnen können, sind wir Verlierer“ wirft diese optisch und verbal fortschreitende Analyse Fragen nach Autonomie- und Motivationsverlusten auf, nach dem Warum, nach dem Wozu und dem eigenen Gefühl dabei. Aber die TänzerInnen bewegen sich weiter intensiv, und die Andeutung einer negativen Utopie wird positiv. Zwar wackelt Sahra Huby wie ein Plastikdackel mit dem Kopf, demonstriert, wie sie zu Dingen oder Spielzeug wird, doch als die anderen die Bewegung aufnehmen, entsteht schon so etwas wie eine moderne Tanzsequenz, die sich, kaleidoskopartig projiziert, in hohem Tempo überschneidet.

Musik und Movements passen oft frappierend, und das Entwickeln tänzerischer Formen aus Momenten des Scheiterns, die nicht mehr kontrolliert sind, beeindruckt. Man weiß, woher die Bewegungen kommen. Die Authentizität wird spektakulär betont, wenn alle fünf TänzerInnen ihre instabilen Positionen halten, während ein Sportreporter das wie rasend kommentiert und die unzähligen Projektionen aus der Außenwelt in Sekundenschnelle wechseln. Da torkelte auch Amy Winehouse bei einer einfachen Pirouette. Hier macht Sahra Huby mit ihrem iPhone nach virtuosen Stürzen Selfies, die als Projektion pulsieren. Anschließend der Satz „Wir haben die Videos. Oder waren wir da und haben es nicht mitbekommen?“ Insgesamt: ein starker Appell von Anna Konjetzky und ihren sich hellwach verausgabenden TänzerInnen (neben Sahra Huby sind es Sooyeon Kim, Maxwell McCarthy, Quindell Orton und Robin Rohrmann) nicht an Vorgeschriebenem festzuhalten, sondern präsent zu sein, den entscheidenden Moment autonom zu nutzen. Auch aufgrund von Dramaturgie (Sarah Israel), Bühne (Andrey v. Schlippe) und Beleuchtung (Wolfgang Eibert) ist dieser aufrüttelnden Produktion viel Publikum zu wünschen.

Veröffentlicht am 23.12.2018, von Karl-Peter Fürst in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 2174 mal angesehen.



Kommentare zu "Die negative Utopie wird positiv"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    ABOUT A SESSION

    Ein Tanzstück von Anna Konjetzky Tafelhalle Nürnberg Mi 21. + Do 22. Nov 20 Uhr

    ABOUT A SESSION unternimmt die Verschmelzung von sinnlichem Erleben und Analyse und ist so ein Nachdenken über und mit dem Körper. Kann die Reflektion oder das Reden über Erregung erregen, die sexuelle Phantasie der ZuschauerInnen stimulieren?

    Veröffentlicht am 06.11.2018, von Anzeige


    NACHDENKEN MIT DEM KÖRPER

    Anna Konjetzkys „About a Session“ an den Münchner Kammerspielen

    Stark, doch ambivalent: Formalisiert getanzte Sexualität berührt dort weit mehr, wo sie als jeweiliger Höhepunkt von Liebe gezeigt wird, wie etwa in neoklassischen Stücken. Solche Sinnlichkeit ist in „About a Session“ komplett ausgespart.

    Veröffentlicht am 27.01.2018, von Karl-Peter Fürst


    DAS ICH IM RATTENRENNEN DES UNIVERSUMS

    In Anna Konjetzkys neuem Stück dreht sich alles um den Kreislauf des menschlichen Zusammenseins

    Die Sache geht in einer achteckigen Arena rund wie im Goldfischglas, links herum, links herum, links herum... und immer links herum.

    Veröffentlicht am 23.10.2016, von Isabel Winklbauer


    GEBALLTE HEINRICH-POWER

    Das Blog zum choreografisch-integrativen Projekt des Bayerischen Staatsballetts

    Am heutigen Tag hebt sich zum dritten Mal in der Muffathalle München der Vorhang für die Aufführungen des „Heinrich tanzt...!“ Projekts unter dem diesjährigen Titel "Ort 2.0(00)".

    Veröffentlicht am 24.07.2014, von Gastbeitrag


    LAUTSTARKE EXPLOSION DER GEFÜHLE

    „Lighting“, Anna Konjetzkys Koproduktion mit Vietnam, versetzt die Muffathalle in Aufregung

    Das Geschehen schießt direkt ins Bewusstsein, kein Zuschauer kann sich erwehren, selbst mit Herzklopfen auf den Rängen zu sitzen! Konjetzkys Kreation packt das Publikum zuverlässig.

    Veröffentlicht am 21.09.2013, von Isabel Winklbauer


    WIE TANZT MAN JERUSALEM?

    Die Tanzinstallation „und weil er sich dreht, kehrt der Wind zurück“ der Münchner Choreografin Anna Konjetzky hatte Premiere in der Muffathalle München

    Wie tanzt man Jerusalem? Wie kann man überhaupt eine Stadt tanzen? Das sind wohl die ersten Fragen, die einem in den Sinn kommen bei der neuen Arbeit „und weil er sich dreht, kehrt der Wind zurück“ der Münchner Choreografin Anna Konjetzky.

    Veröffentlicht am 17.01.2013, von Miriam Althammer


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    SPRUNGBRETT

    Junge Choreografen des Ballett am Theater Pforzheim
    Veröffentlicht am 14.07.2019, von Gastbeitrag


    BITTE ANSCHNALLEN UND DIE FANTASIE FLIEGEN LASSEN

    Das ARTORT-Festival des Heidelberger UnterwegsTheaters auf dem Airfield
    Veröffentlicht am 12.07.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    SELFIE MIT MONA LISA

    Die „Choreografische Werkstatt“ von und mit TänzerInnen des Nationaltheaters Mannheim
    Veröffentlicht am 11.07.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    CREATING DANCE IN ART AND EDUCATION – TANZPÄDAGOGIK UND CHOREOGRAFIE

    Berufsbegleitende Weiterbildung der TanzTangente Berlin in Kooperation mit dem Berlin Career College der Universität der Künste Berlin startet mit neuen Partnern die neue Bewerbungsrunde. Anmeldefrist ist der 1. November 2019

    In dieser Weiterbildung können TänzerInnen und Menschen mit fundierter Bewegungserfahrung Methoden erlernen, um tanzpädagogische Projekte in unterschiedlichsten Kontexten zu leiten und den Tanz in all seiner Vielfalt an Laien jeden Alters zu vermitteln.

    Veröffentlicht am 11.06.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EINS MIT SICH

    Solos von Urs Dietrich und Susanne Linke in der Heidelberger Hebelhalle

    Veröffentlicht am 02.07.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel


    DANKE REGINE!

    Renate Killmann erinnert an Regine Popp

    Veröffentlicht am 12.07.2019, von Gastbeitrag


    EHRUNG FÜR JOHANN KRESNIK

    "Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien" für den bedeutenden Vertreter des choreografischen Theaters

    Veröffentlicht am 12.07.2019, von Pressetext


    EIN GROTESK VOLLGESTOPFTES T-SHIRT

    Bei der siebten Ausgabe der Tanz-Fabrik! stellten Mitglieder des Tanzensembles und Maciej Kuźmiński als Gast Choreografien im Regensburger Velodrom vor

    Veröffentlicht am 11.07.2019, von Michael Scheiner


    SELFIE MIT MONA LISA

    Die „Choreografische Werkstatt“ von und mit TänzerInnen des Nationaltheaters Mannheim

    Veröffentlicht am 11.07.2019, von Isabelle von Neumann-Cosel



    BEI UNS IM SHOP